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Hans J. Alpers / Ronald M.

 Hahn

Planet der
Raufbolde

Band 2
aus der Reihe
„Raumschiff der Kinder“

ungekürzte Originaledition
der nicht mehr aufgelegten
Einzelausgabe von 1977

©   Ensslin   &   Laiblin   Verlag   GmbH   &   Co.   KG   Reutlingen   1977.   Sämtliche
Rechte,   auch   die   der   Verfilmung,   des   Vortrags,   der   Rundfunk­   und
Fernsehübertragung,   der   Verbreitung   durch   Kassetten   und   Schallplatten
sowie der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten. Printed in Germany.

 ISBN 3­7709­0388­9
„Land“ in Sicht!

Harpo Trumpff tauchte auf. Prustend wie ein Walroß durchbrach  er den
Wasserspiegel des künstlich angelegten Sees und warf mit einer raschen Dre­
hung das klatschnasse Haar aus der Stirn. Dabei entdeckte er eine Bewegung
am Rande des Sees. Er sah gerade noch, wie die Gestalt eines Mädchens im
farbigen Gewirr des Plastikdschungels verschwand.
„He, Babs, warte!“ rief er und watete tropfend ans Ufer. „Warum läufst du
denn weg? Komm lieber ins Wasser!“
Doch  das  achtzehnjährige   Mädchen  im  roten  Jeansanzug schien  ihn  gar
nicht   wahrzunehmen.  Sie  glitt  geschickt  und  lautlos   wie  ein  Indianer  zwi­
schen   den   synthetischen   Sträuchern   und   Büschen   dahin.   Und   dabei   so
zielbewußt wie auf der Pirsch nach einem Geheimnis.
Hatte sie vielleicht etwas gehört, etwas entdeckt, das neu und ungewöhn­
lich war? Aber nein, dachte Harpo, der ein paar Momente lang bei diesem Ge­
danken eine Gänsehaut bekommen hatte. Doch nicht auf der EUKALYPTUS.
Schließlich lebten sie in einem Raumschiff und nicht in einem der wenigen
Urwälder, die es angeblich noch in irgendwelchen fernen Ecken der Erde gab.
Das   Raumschiff   EUKALYPTUS   war   von   den   Besatzungsmitgliedern
verlassen worden, nachdem es durch eine rätselhafte Katastrophe zunächst
aus dem Erd­Orbit ausgebrochen war und dann in die Tiefen der Galaxis ge­
schleudert  wurde.  Nach  einigen bangen  Tagen  der  Ungewißheit   befand   es
sich inzwischen völlig unter der Kontrolle der Kinder, die eigentlich nur zur
Erholung an Bord waren. Unterstützt  wurden sie bei den schwierigen Auf­
gaben durch die Grünen – wie sie die grünbepeltzen Roboter nannten – und
das Große Gehirn, einen riesigen Computer, der alle Funktionen des Schiffes
koordinierte.   Und   da   die   Erwachsenen   das   Schiff   fluchtartig   aufgegeben
hatten,   konnte   es   niemanden   mehr   an   Bord   geben,   den   die   Kinder   nicht
kannten.
Babs war immer etwas schwierig, aber sie floh längst nicht mehr, wenn sich
Kinder   näherten.   Was   mochte   sie   wohl   veranlaßt   haben,   bei   seinem   Auf­
tauchen das Weite zu suchen? Ohne sich abzutrocknen glitt Harpo in seine
bereitliegenden Kleider. Er war jetzt bald sechzehn Jahre alt, und beim Anzie­
hen stellte er fest, daß die Hosen wirklich immer enger und kürzer für ihn
wurden. Er mußte langsam zu wachsen aufhören, wenn er nicht so groß wie
sein Freund Karlie  Müllerchen  werden wollte, der mit seinen fünfzehn Jah­
ren schon weit über zwei Meter maß. Auch die Haare trocknete er nicht erst
ab, sondern rannte gleich los. Noch konnte er an den sich bewegenden Blät­
tern erkennen, welchen Weg Babs nahm. Sie gab keinen Laut von sich. Sie
sprach sowieso selten, und wenn doch einmal, dann nur wenige Wörter. Aber
sie verstand sehr gut, wenn man sie etwas fragte.
Nach Luft schnappend eilte Harpo dem Mädchen durch das Dickicht von
Deck   41   hinterher.   Hierher   kamen   nur   die   ganz   begeisterten   Schwimmer,

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seitdem  die ehemaligen  Bewohner   des Decks   in  die  Zone null  umgezogen
waren.
„Was ist denn los, Babs?“ fragte Harpo, als er sie eingeholt hatte. Unwillkür­
lich sprach er ganz leise, als er den bewußt geheimnisvollen Blick des Mäd­
chens   auffing.   Babs   war   stehengeblieben   und   legte   lauschend   den   Kopf
schief, so daß ihr linkes Ohr fast die Schultern berührte.
Jetzt legte sie den Zeigefinger an die Lippen und sah Harpo in die Augen.
Sie hatte schöne Augen mit eisblauer Iris, aber irgendwie wirkte ihr Blick geis­
tesabwesend. Harpo hatte noch immer nicht herausgefunden, wie Babs an
Bord des Schiffes gelangt war. Ihr Name stand weder auf der Liste der Pati­
enten noch der des medizinisch­pädagogischen Personals oder der Astroga­
toren und Techniker.
„Dort!“ sagte sie plötzlich und zeigte auf die grüngestrichene Deckwand,
die vor ihnen aufragte.
Harpo starrte die Wand an. An verschiedenen Stellen war der Anstrich be­
reits fleckig geworden. Er verstand nicht, was Babs meinte. Wieder tasteten
seine Blicke nach der Wand, aber dann streiften sie das Stück Boden davor.
Die künstlich aufgeschichtete Erde unmittelbar zu ihren Füßen war einge­
stürzt.   Wie   es   oft   im   Leben   vorkommt,   hatte   Harpo   das   Wichtigste,   un­
mittelbar   vor   seiner   Nase   nicht   bemerkt:   Der   Erdboden   vertiefte   sich   zu
einem etwa zwei Meter abfallenden Hohlweg, der genau auf die Schiffswand
zuführte. Offenbar hatte es hier einen das ganze Deck durchziehenden unter­
irdischen   Gang   gegeben.   Er   mußte   durch   die   Erschütterungen   beim
Verlassen des Erd­Orbits eingestürzt sein und gab nun eine runde Schleusen­
tür frei. Sie war leicht geöffnet und bewegte sich zaghaft in den Angeln, weil
der Luftzug der kräftigen Deckventilatoren dagegenhielt.
Klick, ging es. Klick, klick, klick.
Erschreckt machte Harpo einen Schritt rückwärts. Das war ja beinahe so
unheimlich   wie   in   alten  Schlössern,   in   denen   Geister   spukten.   Hatte   Babs
dieses   Klicken   knapp   an   der   Hörgrenze   des   menschlichen   Ohres   über   die
weite Entfernung gehört? Dann mußte sie wirklich über ein phänomenal gut
funktionierendes Gehör verfügen.
„Was ist das?“ fragte er. Zögernd ging er näher, als er keine Antwort erhielt,
und spürte instinktiv, daß Babs  folgte. Zum ersten Mal sah er mit eigenen
Augen, daß es noch andere Ausgänge als die Schächte des Antigravliftes auf
den Decks  gab. Aber  dann fiel ihm  die  allererste Begegnung  mit  Babs  ein.
Auch damals war sie vielleicht durch einen ähnlichen Gang gekommen, als er
mit Anca gerade die geheimnisvollen Räume jenseits der Deckwand durch­
suchte.
Eine Weile ertrug es ein Junge wie Harpo ganz gut, von Dingen umgeben zu
sein, die er nicht immer auf Anhieb verstand. Aber wenn das Kopfzerbrechen
allzu große Ausmaße annahm, begann er zu handeln. Aus einem plötzlichen
Entschluß   heraus   sprang   er   in   den   Hohlweg   hinab   und   näherte   sich   vor­
sichtig, aber nicht ängstlich jener Schleusentür. Sie war gerade groß genug,

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einen   Menschen   hindurchzulassen.   Ein   vor   der   Tür   angebrachtes   Metall­
schild zog seine Aufmerksamkeit auf sich:
14­C
NUR FÜR TECHNISCHES PERSONAL
NOTEINSTIEG
BEACHTEN SIE DIE SICHERHEITS­
VORKEHRUNGEN!

Babs sagte: „Wohin, Harpo?“ Ihre Stimme klang wie die eines Mädchens
von höchstens elf Jahren. Und doch schien sie nicht ängstlicher zu sein als
bei   ganz   harmlosen  Gelegenheiten,   wenn  sie  leicht   zusammenzuckte,   weil
sich jemand schnell bewegte oder laut redete.
„Bloß mal nachsehen“, gab Harpo über die Schulter zurück. Er wußte zwar
nicht,  welche  „Sicherheitsvorkehrungen“  zu beachten  waren,  aber er  hatte
nicht die Absicht, wieder hinaufzuklettern, ohne zuvor einen Blick hinter die
Tür geworfen zu haben.
Er schnalzte anerkennend mit der Zunge. „Da hast du vielleicht eine ganz
tolle Entdeckung gemacht, Babsie. Komm doch, dann schauen wir gemein­
sam nach, was hinter der Tür steckt.“
Babs schüttelte den Kopf. Lieber nicht, hieß das. Offenbar hatte sie keine
Lust, sich auf ungewisse Abenteuer einzulassen.
Harpo zuckte  mit  den Schultern und tastete sich vorwärts.  Dann glitt  er
durch die Schleusentür, die sich spielend mit einem Finger öffnen ließ. Da­
hinter lag ein winziger Raum. Harpo entdeckte sofort eine weitere Tür auf der
gegenüberliegenden   Wand.   So   ähnlich   sah   auch   die   Luftschleuse   vor   der
Zentrale aus.
Es   gab   unbekannte   und   verwirrende   Knöpfe,   mit   deren   Hilfe   die   Tür
elektronisch  zu  öffnen war,  aber  Harpo  versuchte es ganz  einfach  an dem
Handrad, das wohl für  Notfälle vorgesehen war. Zuvor  hatte er sich davon
überzeugt, daß die beiden Zeiger der Luftdruckmesser deckungsgleich waren.
Er mußte also keine Angst haben, daß sich auf der anderen Seite das lebens­
feindliche Vakuum des Weltalls befand.
Einen   Moment   lang   rieselte   ihm   trotzdem   ein   kalter   Schauer   über   den
Rücken. Es könnte ja sein, daß die Instrumente nicht mehr korrekt anzeigten,
oder daß ... Entschlossen drehte er weiter, bis sich die Metalltür knarrend auf­
sperren ließ.
Licht flackerte  im gleichen  Moment  auf und übergoß ihn  so unerwartet,
daß er die Augen mit den Händen bedecken mußte, und mühsam zwischen
den   Fingern   hervorlugte.   Er  atmete   schwer,   sein   Brustkasten   hob   sich   wie
nach einem anstrengenden Hundertmeterlauf.
Schließlich hatten sich seine Augen auf das Licht eingestellt und meldeten
ihm die ersten Bilder. Er befand sich in einem so großen Saal, wie er ihn nie­
mals zwischen den Decks und der Schiffsaußenhaut vermutet hätte. Später
erfuhr er, daß der Raum 140 Quadratmeter umfaßte und „Hangar“ genannt

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wurde. Seine Metallwände wirkten kalt und steril, weil es niemand für nötig
gehalten hatte, ein paar Farbtupfer zu verschwenden.
„Hangar“ war ein Wort, das er in diesem Moment noch nicht kannte, aber
als er die drei Objekte vor sich in den hydraulischen Docks liegen sah, begriff
er sofort, daß dies so etwas wie eine Garage für kleine Raumfahrzeuge war.
Unwillkürlich stieß er einen spitzen Jubelschrei aus.
Kein Zweifel! Das waren Gleitboote, die langgezogenen, schnittigen Auto­
mobilen glichen, aber eine Kuppel aus durchsichtigem Glas oder Kunststoff
als Fahrerkabinen hatten. Kurze Stummelflügel zeigten, daß sie für Flüge in­
nerhalb   der   Atmosphäre   geeignet   waren.   Harpo   selbst   hatte   solche   Boote
schon   im   Fernsehen   bewundert.   Von   Thunderclap   Genius   wußte   er
außerdem,   daß   diese   Miniatur­Raumschiffe   beinahe   narrensicher   bedient
werden   konnten,   da   sie   mit   dem   Steuersystem   des   Großen   Gehirns   ver­
bunden waren und kein geschultes Bedienungspersonal erforderten. Nur für
den Fall, daß auch der Zentralcomputer des Raumschiffes ausfiel, war eine
Handsteuerung   vorgesehen.   Diese   Probleme   hatten   sie   nicht.   Wenn
Thunderclap sich nicht irrte, gab man die gewünschten Befehle einfach über
das Mikrofon an den Computer, der sie in elektrische Impulse umwandelte
und daraus einen Leitstrahl modulierte, an dem das Boot sich vorwärtsbe­
wegte. Selbstverständlich geschah das alles ohne einen meßbaren Zeitverlust.
Harpo erinnerte sich, daß Lonzo von solchen Beibooten der EUKALYPTUS
erzählt  hatte. Die Schwierigkeit  war  nur, daß  man bei Lonzo nie so genau
wußte, ob er die Wahrheit sagte oder sich eine kleine Lügengeschichte ausge­
dacht   hatte.   Aber   mit   Sicherheit   besaß   er   keine   Informationen   über   den
Standort der Boote.
Nun, die hatte jetzt Harpo. Am liebsten hätte er sich ja gleich in eines der
Boote gesetzt. Und warum eigentlich nicht? Von Entdeckerdrang beseelt, um­
kreiste er die schnittigen Flitzer. Durch eine geöffnete Luke enterte er nach
kurzem Zaudern schließlich eines der Gleitboote und tauchte unter der Glas­
kuppel wieder auf. Fasziniert ließ er seinen Blick über die bequeme Innenein­
richtung   schweifen.  In  den  Polstern   hatten   sicherlich   vier   oder   fünf   Leute
Platz, ohne  daß  sie sich  mit  den  Ellbogen  allzusehr ihren  Platz  erkämpfen
mußten.
In seinen Fingern kribbelte es vor Aufregung. Er hatte Lust, diese wunder­
baren Dinge zu berühren, war aber intelligent genug, dies zu unterlassen, so­
lange er nicht wußte, welchen Schaden er damit anrichten konnte.
Die   gepolsterte   Sitzbank,   kreisrund   und   direkt   an   den   Wänden   des
Fahrgastraums   befestigt,   beherrschte   das  Bild.  In  der  Mitte   erhob   sich   ein
kunststoffverkleideter, meterhoher Monolith, in dessen Oberfläche eine Ta­
statur   mit   verschiedenfarbigen   Schaltern   eingelassen   war.   Dann   entdeckte
Harpo   die   Bedienungsanleitung   der   Schaltung.   Sie   lag   unübersehbar   auf
einem der Polster. In mehreren Sprachen wurde erklärt, welche Funktionen
die einzelnen Schalter hatten. Vorsichtig probierte er sie aus.
Zuerst   verdunkelte   sich   die   Glaskuppel   zu   einem   undurchdringlichen
Schwarz,   dann   flammte   die   Bordbeleuchtung   in   einem   beruhigenden   Rot

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auf. Harpo testete Heizung und Klimaanlage und stellte fest, daß alles ein­
wandfrei   funktionierte.   Schließlich   erwischte   er   den   Knopf,   der   die   Ver­
bindung mit der Hauptzentrale der EUKALYPTUS herstellte.
„He!“   hörte   er   Karlie   Müllerchen   überrascht   ausrufen.   „Beim   feurigen
Kometenschweif! Was ist das für ein Leuchtzeichen?“
Karlie hielt im Moment die Funkleitstelle auf Deck null besetzt und sorgte
dafür, daß alle Abteilungen zu jeder Zeit miteinander sprechen und Informa­
tionen austauschen konnten.
„Na, rat doch mal“, forderte Harpo ihn auf und hatte Mühe, ein helles La­
chen zu unterdrücken.
Karlie erkannte seine Stimme sofort. „Harpo? Wo steckst du denn? Ich habe
dich auf einem Funkkanal, der bisher völlig tot war!“ Aus seiner Stimme klang
grenzenlose Überraschung heraus.
Thunderclap Genius, der wohl auch gerade in der Zentrale hockte, schalte­
te sich in das Gespräch  ein: „Harpo, wir haben eine ungeheure, gewaltige,
sensationelle, noch nie dagewesene, super­duper­tip­toppe Entdeckung ge­
macht! Wir sind nämlich auf dem allerbesten Wege, in wenigen Wochen ...“
„Moment, Moment“, unterbrach Harpo, der sich so schnell die Fäden nicht
aus der Hand nehmen lassen wollte. „Was immer ihr an guten Nachrichten
habt – ich habe bestimmt noch bessere.“ Und jetzt spuckte er es aus. „Wißt
ihr, was ich ... oder besser, was Babsie ... oder vielmehr, was wir zusammen ...
Also, hört ihr überhaupt zu, ganz genau zu? Setzt euch alle hin, obwohl es
nicht viel helfen wird, denn das haut euch gewiß vom Hocker. Wir – haben –
die – Gleitboote!“
„Waaaaaas?“ kam ein vielstimmiges Echo, an dem außer Thunderclap und
Karlie wohl auch noch andere beteiligt waren.
„Na hör mal“, schimpfte Karlie, „warum  sagst du uns das eigentlich  erst
jetzt?“
Wie ein Sturzbach ergoß sich Harpos Bericht über die Lautsprechersysteme
in   die   Hauptzentrale   und   ging   von   dort   aus   rasend   schnell   von   Mund   zu
Mund. Er nahm sich natürlich Zeit mit seiner Erzählung und schmückte die
Forschungsreportage   mit  allerlei   schaurigen  Details  aus,  die   den  Zuhörern
buchstäblich die Haare zu Berge stehen ließen.
„... und  als ich  die grauslich  quietschende  Tür am Ende des  modrig rie­
chenden Gangs aufstieß und der unheimlich finstere Raum vor mir lag, häm­
merte mein Herz bis zum Halse hinauf, und meine Knie zitterten, und dann
sah ich sie vor mir, drei Stück und bestens in Schuß ...“
Ein Seufzer der Erleichterung ging durch die Reihen der Zuhörer.  Harpo
schwieg, erschöpft von der langen Rede und den vielen Flunkereien. Glück­
lich schwelgte er bereits im voraus in den kommenden Ehrungen, die ihm si­
cherlich zuteil wurden.
Aber er wartete vergebens auf Lobeshymnen. Vielmehr drang ein verhal­
tenes Kichern an seine Ohren. Thunderclap knurrte daraufhin jemanden an
und sagte rasch: „Im Glanz deiner Entdeckung verblaßt unsere Beobachtung

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natürlich, Harpolein. Aber du solltest trotzdem eiligst mit Babs hinaufkom­
men und sie dir ansehen!“
Wenn Thunderclap   derart   untertrieb,  dann  mußte  etwas   Besonderes   ge­
schehen sein. Harpo stieg flink aus dem Boot, eilte den Weg zurück und ließ
sich von Babs aus der Grube ziehen. Er streichelte ihr dankbar die Wange,
nahm sie bei der Hand und eilte mit ihr zum Antigravlift. Mit gemischten Ge­
fühlen   stellte   er   fest,   daß   sein   Vollbad   umsonst   gewesen   war,   denn   er
schwitzte wie ein Braten auf dem Grill.
In der Zentrale wurden sie von der gesamten Besatzung der EUKALYPTUS
erwartet, darunter Lonzo, der Roboter, Thunderclap mit einem erwartungs­
vollen Lächeln und blitzenden Augen, Brim Boriam, der „Arztlehrling“ und
Lucky Cicero, der mongoloide Junge mit der Fähigkeit zur Teleportation.
„Siehst du den Stern dort hinten?“ fragte Thunderclap pfiffig. Er streckte
die Rechte aus und deutete auf einen blaugrünen Punkt, der sich deutlich im
Licht der zahllosen Sonnen hinter der Sternenkuppel abzeichnete.
Harpo nickte. Was der bloß wollte? „Klar, aber ...“ Die kleine Lori Powitz ki­
cherte. Jetzt wußte Harpo auch, wer das vorhin gewesen war. „Sieh ihn dir ge­
nau an, Harpolein“, platzte sie dazwischen. „Fällt dir nichts auf?“
Fiel ihm etwas auf? Eigentlich  nicht.  Oder war der Stern vielleicht  etwas
heller   und   auffälliger   geworden?   Schwer   zu   sagen,   fand   Harpo.   Unsicher
kratzte   er   sich   am   Kinn   und   verzog   abschätzend   das   Gesicht.   Daniel
Düsentrieb würde jetzt sicher eine Tausend­Watt­Birne aufgehen, aber ihm
leuchtete nicht einmal eine Kerze.
„Mit bloßem Auge“, unterbrach Thunderclap das Schweigen mit gnädigem
Tonfall, „kann man es auch gar nicht erkennen, hi, hi!“
Karlie   Müllerchen   baute   seine   Riesengestalt   vor  Harpo   auf.  Er   hatte   wie
kein  Zweiter   Wissen über   Astronavigation  in sich  hineingefressen  und war
schon wie ein Alter Hase in der Lage, Positionsbestimmungen vorzunehmen.
Sein   Kinn   zuckte   vor   Erregung,   und   die   dünnen   Haare   seines   spärlichen
Bartes, der ihm trotz seiner Jugend bereits wuchs, wippten hin und her.
„Diese blaugrüne Sonne“, meinte er mit seiner kieksenden Stimme, „der
wir den Namen Archimedes gegeben haben, kommt näher. Besser gesagt: Wir
nähern uns ihr, jeden Tag, jede Stunde. Und in vier Wochen werden wir sie
erreicht haben!“
Peng! Harpos Kinnlade klappte nach unten. Im gleichen Moment setzte ein
Jubel ein, der die Hauptzentrale vibrieren ließ. Die anderen kannten die Neu­
igkeit ja längst und hatten sich nur verabredet, nichts zu verraten, um Harpos
Verblüffung voll  auszukosten. Aber sie hörten die  gute Nachricht  natürlich
gern ein zweites Mal und führten wahre Freudentänze auf.
„Big“ Tom kletterte auf Fidels Schultern und tätschelte dem Riesen Karlie
den Hinterkopf, während Lonzo an der Spitze einer Gruppe von besonders
Übermütigen   demonstrierte,   wie   die   legendären   australischen   Känguruhs
früher durch die Lande gehüpft waren.
All   die   Sterne   am   Himmel   waren   Sonnen,   nur   leider   unerreichbar   fern.
Wenn   sie   sich   nun   einem   dieser   Sterne   näherten,   dann   hieß   das   nichts

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anderes, als daß wahrscheinlich auch Planeten, die diese Sonne umkreisten,
in ihre Reichweite kamen. Und das bedeutete ...
„Wir können uns in richtigem Gras wälzen“, krähte der kleine Ollie.
„Und frische Luft atmen!“ fügte Micel hinzu.
„Und Wasser aus einem Bach schlürfen!“
„Und Regenwürmer baden!“
„Und Berge besteigen!“
„Und in einem Meer baden!“
„Und ... und ... und ...“
Thunderclap   Genius   wandte   sein   Gesicht   langsam   wieder   der   gläsernen
Kuppel zu, die sich über der Hauptzentrale spannte. Harpo sah, wie sich die
Lippen des Freundes lautlos bewegten. Er konnte zwar nicht hören, was er in
diesem Moment sagte, aber er konnte es sich denken.
Wir kommen! Wir kommen! Wir kommen!

Planet Nordpol, bitte melden!

Die nächsten drei Wochen, in denen die Mannschaft mit ungewohnter Em­
sigkeit Zukunftspläne schmiedete, vergingen wie im Flug. Kein Tag verstrich,
ohne daß sich nicht Gruppen zusammenfanden, die sich stundenlang über
alle   nur   denkbaren   Einzelheiten   einer   möglichen   Landung   die   Köpfe   heiß
und   die   Stimmbänder   lahm   redeten.   Einige   besonders   verwegene   Be­
satzungsmitglieder   der   EUKALYPTUS   gingen   noch   weiter,   etwa   der   kleine
Ollie. Dessen stille Liebe war es, Listen anzulegen, seitdem er einmal einen
Stapel alter Formulare in den Verpflegungskammern gefunden hatte. Und so
begann er damit, eingehende Organisationspläne aufzustellen, die im End­
effekt darauf hinausliefen, daß er auflistete, was er alles auf den Planeten mit­
zunehmen gedachte. Seine allererste Liste sah so aus:
    1 Lederhose (Eigentum), gut erhalten
    2 Bälle (von Lori ausleihen), möglichst bunte
    1 Dingsbums zum Spielen (Trompo), sehr lieb
    1 Dackel (Moritz), auch sehr lieb
Natürlich verwarf er seine Liste jeden Tag aufs neue, um sie dann wenig
später in abgewandelter Form erneut zu Papier zu bringen. Für seine Arznei­
en legte er sich weitere Speziallisten an, die laufend ergänzt wurden, weil ihm
immer neue Übel einfielen, gegen die man sich wappnen mußte.
Fantasia Einstein, ein sensibles, rothaariges und immer nervöses Mädchen
von   fünfzehn   Jahren,   das   starke   Fähigkeiten   im   technischen   Bereich   zu
entwickeln begann, programmierte das Große Gehirn, jenen Computer, der
die  EUKALYPTUS steuerte  und  auch  sonst  alle  Anlagen  fehlerlos  bediente.
Seit dem Eingriff der Weltraumärzte arbeitete es zu 98 Prozent wieder, und
mehr konnte im Moment niemand verlangen.

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Wie es sich herausgestellt hatte, war die Denkmaschine wie die Roboter fä­
hig, mit einer dem Klang des menschlichen Organs täuschend nachgemach­
ten   Stimme   zu   sprechen.   Und   so   kam   es,   daß   die   Kinder,   wenn   sie   den
Erklärungen lauschten, manchmal meinten, es mit einem unsichtbaren Men­
schen   zu   tun   zu   haben.   Manche   meinten   ernsthaft,   daß   im   Innern   der
riesigen Apparatur ein echter Mensch lebte, der sich hinter den Stahlwänden
verbarg.
Schuld an solchen Vermutungen trug die Tatsache, daß das Gehirn sich in
mancher Beziehung für eine Maschine seltsam menschlich benahm, was vor
allen Dingen  diejenigen  überraschte, die den Roboter Lonzo – der ja auch
eine Maschine und kein Mensch war – nicht so gut kennengelernt hatten wie
Harpo und seine Freunde. Denn Lonzo handelte auch nicht gerade mit der
kühlen   Sachlichkeit   einer   mechanisch­elektronischen   Ansammlung   von
allerlei Drähten, Wicklungen, Transistoren und Blech.
Das Große Gehirn hatte die Angewohnheit, den Zuhörern allerlei Informa­
tionen aufzudrängen, die gar nicht gefragt worden waren. Vielleicht fühlte es
sich einsam mit seinem umfassenden Wissen und wollte andere daran teil­
haben lassen. Aber es entschuldigte sich immer sehr artig, wenn man den Re­
defluß abbrach.
Allmählich   hatten   sich   die   EUKALYPTUS­Kinder   an   das   ungewöhnliche
Computerwesen gewöhnt und machten sich auf ihre Art lustig darüber.
„Wie   groß   ist   unsere   derzeitige   Entfernung   zum   System   Archimedes,
Großes   Gehirn?“   fragte   Karlie.   Erwartungsvoll   lauschte   die   Versammlung.
Man hatte es sich auf dem Boden der Zentrale bequem gemacht, weil es nur
zwölf Sitzplätze gab.
„Die   Entfernung   zur   Umlaufbahn   des   äußersten   Planeten   beträgt   am
kürzesten   Punkt   absolut   exakt   3.222.772,1675423   Kilometer,   wobei   ich   mir
erlaubt habe, die letzte Kommastelle aufzurunden“, erwiderte der Computer
mit  tiefer Stimme. „Wenn man allerdings berücksichtigt, daß dieser Planet
alle vierzehn Jahre, drei Monate, zwei Wochen, fünf Tage und ... ahem, ich
möchte auch hier aufrunden ... eine Bahnabweichung aufweist, müßte man
den vorgenannten Wert um 0,00017 Prozent revidieren, sofern man die Ent­
fernung auf einen Punkt in der Zukunft bezieht, der zwei Jahre und ...“
„So genau wollen wir es gar nicht wissen“, stöhnte Karlie.
„Karlie?“ fragte das Gehirn vertraulich.
„Ja?“
„Darf ich mir eine Zusatzbemerkung erlauben?“
„Du darfst.“
„Das Schiff wird die erwähnte Kurve in genau sieben Tagen, vier Stunden
und 36 Minuten schneiden, falls die Geschwindigkeit nicht geändert wird.“
„Das hat zwar keiner gefragt“, meinte Karlie grinsend, „aber mit dieser In­
formation kann man wenigstens etwas anfangen.“
Das Große Gehirn sagte  mit einem wohlgefälligen Unterton: „Ich dachte
schon,   daß   es  euch   interessieren   würde.   Darf   ich   euch   noch   auf   ein   Phä­

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nomen   bei   der   Umlaufbahn   des   dritten   Monds   des   zweiten   Planeten   des
Sterns Taurus hinweisen, wo –“
„Interessiert uns überhaupt nicht“, entgegnete Karlie trocken.
„Nicht?“ fragte das Gehirn. „Ich bin untröstlich, daß ich es wagte, eure Oh­
ren mit meiner rostigen Stimme über Gebühr zu beleidigen. Aber vielleicht
möchtet   ihr   etwas   anderes   wissen.   Zum   Beispiel   gibt   es   ein   wahnsinnig
komisches Zahlenspiel der Prrrzturwqzt auf dem Planeten –“
Harpo   unterbrach   lachend.   „Besser   wäre   es,   wenn   du   uns   Einzelheiten
über die Sonne Archimedes verraten könntest. Sie besitzt also Planeten? Und
da von einem äußeren Planeten die Rede war, auf jeden Fall mehr als einen.“
„Eine   logische   Folgerung“,   lobte   der  Computer.   „Archimedes  besitzt   tat­
sächlich mehrere Planeten. Ähnlich wie unser heimatliches Sonnensystem,
das bekanntlich neun Planeten hat: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Sa­
turn,   Uranus,   Neptun,   Pluto.   Dazu   kommen   die   Marsmonde   Phobos   und
Deimos, die Jupitermonde –“
Anca zog eine Schnute und warf ein: „Ich verstehe das alles nicht. Woher
soll unser Computer wissen, wie viele Planeten Archimedes hat? Kann man
von hier aus doch noch gar nicht erkennen!“ Sie legte nach Indianerart wie
ein Späher die Flache Hand gegen die Stirn und tat so, als würde sie den Ster­
nenhimmel absuchen.
Bevor das Große Gehirn die Gelegenheit wahrnahm, erklärte Karlie bereits,
daß   die  EUKALYPTUS   ein vollautomatisches   Observatorium  besaß, das   an
der Außenhaut des Raumschiffs angebracht war. Die Daten wurden sogleich
an den Computer weitergegeben. Und nicht nur, daß die Fernrohre Dinge re­
gistrierten, die das menschliche Auge nicht mehr erkennen konnte: Mit Hilfe
der   Spektralanalyse   des  Sternenlichts   konnte   auch   manches   über   die   che­
mische   Beschaffenheit   der   Körper   festgestellt   werden.   Das   Große   Gehirn
nahm den Faden wieder auf und begann damit, die Namen der Jupitermonde
herunterzurattern, bis Karlie in einem Anfall komischer Verzweiflung erneut
unterbrach. Er bat den Computer, doch endlich zur Sache zu kommen.
„Untertänigster Diener“, meinte das Gehirn und tat zerknirscht. „Archime­
des  besitzt  fünf  Planeten.   Einer  davon  –   es handelt   sich   um  den  vierten   –
bietet   Lebensbedingungen,   unter   denen   Menschen   existieren   können.   Im
Moment ist es dort allerdings etwas zugig, wenn ich mal so sagen darf.“
„Du   darfst!“   rief   Thunderclap   und   prustete   dabei   vor   Lachen.   Kopf­
schüttelnd kniff er ein Auge zusammen und flüsterte Harpo zu: „Da haben
wir uns aber ein Schwatzmaul eingefangen.“
Da   zufällig   alle   still   waren,   hatten   einige   das   Flüstern   verstanden   und
riefen:   „Schwatzmaul!   Schwatzmaul!“   Damit   hatte   die   Denkmaschine   end­
gültig ihren Namen weg. Unter großem Beifall wurde beschlossen, daß der
Schiffscomputer der EUKALYPTUS  fortan den Namen  Schwatzmaul tragen
sollte.   Harpo  schrieb   es   ins   Logbuch   ein, und   Schwatzmaul   bedankte   sich
artig für die Aufmerksamkeit.
„Gehen wir der Reihenfolge nach“, begann er seine Antwort auf eine Frage
Fantasias. „Archimedes am nächsten ist logischerweise der erste Planet, eine

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Steinkugel   ohne   Wasser,   Atmosphäre   und   Vegetation,   mit   einem   Durch­
messer von viertausenddreihundertsiebenundzwanzigkommadreisechs­“
„Kannst   du   nicht   ein   bißchen   schneller   machen,   Schwatzmaul?“   fragte
Brim   Boriam   in   das   Murren   der   anderen   hinein.   „Sag   uns   lieber,   wie   der
Planet heißt.“
„Döskopp!“   antwortete   Karlie.   „Der   ist   doch   noch   gar   nicht   getauft
worden!“
„Dann  geben wir ihm  halt einen Name“, schlug  Anca  vor. Im Namener­
finden war sie groß; allerdings fielen ihr nur selten Planetennamen ein. Dafür
nervte   sie   ihre   Mitspieler   beim   Scrabble   mit   ungeheuren   Phantasienamen
und mußte meistens disqualifiziert werden.
„Prima! Aber dieses Mal wird keine Flasche daran zerschlagen.“
„Wer weiß einen guten Namen für einen Steinhaufen?“
„Vielleicht Rolling Stone?“
„Oder Wackelstein?“
„Nennen wir ihn Primus“, schlug Thunderclap vor. „Das hört sich wissen­
schaftlich an. Und heißt außerdem ‚der erste‘.“
„Du immer mit deinem Latein“, brummte Fidel Flottbek, meinte es aber
nicht böse.
Schließlich einigten sich alle auf Primus.
Planet Nummer zwei war ein ziemlich unwirtlicher Patron mit einer Atmo­
sphäre aus Chlorgas. Tosende Stürme jagten mit Geschwindigkeiten von über
700 Kilometern in der Stunde über seine Oberfläche. Die Zuhörer schüttelten
sich, als Schwatzmaul  ihnen die  Zustände  dort plastisch vor Augen führte,
und sahen ein, daß auf diesem Planeten Leben in der gewohnten Form kaum
existieren konnte.
Bei der Namensgebung schlug Harpo Duftbeutel vor, während andere für
Haderlump   oder   Fiesling   waren,   aber   am   meisten   Beifall   fand   wieder   der
schlichte Name Secundus, „der zweite“, weil er so schön lateinisch und ge­
lehrt klang. Fantasia hatte den Vorschlag gemacht, um zu beweisen, daß sie
ebenfalls etwas von Latein verstand.
Bei   der   dritten   Welt,   einem   heißen,   trockenen   Himmelskörper,   dessen
Oberfläche eine einzige Wüste war, ging den Lateinern allerdings die Puste
aus. Schamhaft mußten sie zugeben, daß ihnen die lateinische Bezeichnung
für „der dritte“ nicht einfallen wollte. Und ausgerechnet dieses Mal hielt sich
der geschwätzige  Computer  zurück; vielleicht  hatte selbst  er hier  und  dort
kleine Wissenslücken. Schließlich einigte man sich auf „Nummer drei“, und
das war ja auch kein schlechter Name.
„Wenn uns später jemand danach fragen sollte“, meinte Thunderclap pfif­
fig, „dann sagen wir einfach, daß nur lateinische Namen einfallslos wären.“
Schwatzmaul registrierte die neuen Namen, und Harpo schrieb sie außerdem
gewissenhaft in sein Logbuch. Dann lieferte der Computer weitere Informa­
tionen: „Der vierte Planet macht gerade eine Winterperiode durch, eine Art
Eiszeit. Die Atmosphäre besteht zu 25 Prozent aus Sauerstoff, zu 70 Prozent
aus Stickstoff. Der Rest sind Edelgase wie Neon, Xenon, Helium und –“

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„Ist das nicht giftig?“
„Nicht   der   Rede   wert“,   erwiderte   Schwatzmaul   eilfertig.   „Versuche   von
Professor Doktor Reinhard Merker haben ergeben, daß –“
„Den kenne ich!“ rief Brim Boriam aufgeregt.
„Oh“, antwortete Schwatzmaul verdutzt. „Ich dachte, daß nur ich ... Nun,
wenn es mir  gestattet ist, möchte ich gern mein kleines Referat fortsetzen,
ahem, aber nur, wenn es wirklich niemanden stört ...“
Aus den Lautsprechern kam so etwas wie ein verlegenes Hüsteln. „Verzei­
hung“, hieß es dann. „Herr Präsident, Frau Präsidentin, Herr Minister, meine
Herren   Kanzleiräte.   Ich   möchte   an   dieser   Stelle   nicht   versäumen,   in   aller
Deutlichkeit   und   mit   dem   gebotenen   Ernst   dieser   Stunde   darauf   hinzu­
weisen, daß es mir ein Herzensbedürfnis ist –“
„He, ‘ne andere Platte!“ rief Fidel.
„Zur  Sache, Schwatzmaul“,  kam ihm  Thunderclap  zu Hilfe,  während  die
anderen feixten und lachten.
„Ich bitte vielmals um Verzeihung“, sagte der Computer höflich. „Das ist
mir so herausgerutscht. Das war ein Ausschnitt aus der Taufrede für dieses
Raumschiff.“
„Och“,   entfuhr   es   dem   staunenden   kleinen   Oliver.   „Echte   Kanzleiräte
waren dabei?“
„Ich fahre fort“, meinte Schwatzmaul, ohne den Einwurf zu beachten. „Der
vierte Planet ist nahezu erdgroß, und seine Schwerkraft beträgt 0,99 Gravita­
tionseinheiten, was bedeutet, daß man sich auf ihm eine Winzigkeit leichter
bewegen kann als auf der Erde. Ein Zentner wiegt dort gewissermaßen nur
neunundneunzig Pfund.“
Harpo klatschte vor Begeisterung, und auch die anderen Kinder atmeten
auf. Diese Nachricht bedeutete ihnen sehr viel, denn wer wollte schon seinen
Fuß auf eine Welt setzen, wo er fortwährend darauf achten mußte, daß schon
ein kleiner Sprung  ihn in ungeahnte Höhen trieb. Das konnte nämlich ge­
schehen, wenn die Schwerkraft nur gering war, wie etwa auf dem Mond der
Erde.   Das   Gegenteil   konnte   natürlich   noch   unangenehmer   sein,   denn   ein
Mensch kann schlecht in einem Gravitationsfeld von vielleicht fünf Gravos
leben und arbeiten. Das wäre so, als müßte man dauernd mit riesigen Mühl­
steinen am Hals durch die Gegend laufen.
Planet  Nummer fünf,  der unter großem Gelächter Gustav  getauft  wurde,
weil sein  grantiges  Äußeres eines der Kinder  an das Gesicht  seines  Onkels
Gustav   erinnerte,   stellte   sich   ebenfalls   als   lebensfeindlich   heraus.   Und
außerdem kreiste er in so großer Entfernung um die Sonne, daß sie gerade
noch   als   pfenniggroße   Scheibe   zu   erkennen   war.   Entsprechend   lausig   kalt
mußte es dort sein.
Allen war klar, daß allein der vierte Planet das Ziel der EUKALYPTUS sein
konnte. Man würde Eis und Schnee auf ihm finden und nannte ihn deshalb
„Nordpol“, aber vielleicht spielte auch die Hoffnung mit, daß er trotz allem
ein bißchen wie die Erde aussah – jene grüne Erde aus den Geschichtsbü­
chern.

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Dann   mußten   die   neuentdeckten   Gleitboote   auf   Vordermann   gebracht
werden. Lonzo organisierte ein Kommando von technisch versierten Grünen
und ließ sie in den inneren Organen der Maschinen so lange herumkriechen,
bis sie melden konnten, daß zwei der Boote einsatzbereit wären. Das dritte –
es trug die Bezeichnung A­1 auf den Außenwänden und den Stummeltragflä­
chen  –  hatte  einige   Schäden  davongetragen,  die nicht  sofort  zu reparieren
waren.  Es würde  einige   Wochen  dauern, bis   dieses  Boot   wieder  eingesetzt
werden konnte. Ein bißchen lag  das auch wohl daran, daß die  Grünen  für
Wartungsaufgaben programmiert worden waren und mit ungewohnten Re­
paraturen nicht so gut zurechtkamen. Einige besaßen nur ein Programm für
Unterrichtsfunktionen – schließlich hatten sie in den alten Tagen der EUKA­
LYPTUS die Kinder als Lehrer betreut und wurden von vielen noch immer
mit   gemischten   Gefühlen   betrachtet.   So   stellten   sie   sich   an   wie   Leute   mit
zwei linken Händen. Weder Lonzo noch Schwatzmaul konnten in dieser Be­
ziehung groß helfen, weil ihnen Informationen über Reparatur und Montage
weitgehend fehlten. Und die technisch Begabten unter den Kindern waren
ebenfalls überfordert.
Der historische Augenblick kam, der Tag, an dem die Gleitboote A­7 und
A­9 an das große Gehirn angeschlossen wurden. Bisher hatte es nur Energie­
zufuhren gegeben, deren Existenz dem Schiffscomputer zwar bekannt aber
so wenig bewußt war wie dem Menschen eine einzelne Ader am großen Zeh.
Fast   zum   gleichen   Zeitpunkt,   als   Schwatzmaul   zum   ersten   Mal   die   Boote
fühlte,  kam  das  Signal,  auf  das  alle   gewartet  hatten:   Die EUKALYPTUS  er­
reichte einen Position, von der aus ein sanftes Einschwenken in eine Kreis­
bahn um Nordpol möglich wurde.
Ein leichtes Zittern durchlief das Schiff, als die seitlichen Schubdüsen, die
als einzige Antriebselemente funktionierten, den vorausberechneten Stoß in
den   Orbit   ausführten.   Die   Antischwerkraftfelder   der   EUKALYPTUS
verhinderten, daß sich irgendwelche Gegenstände selbständig machten und
Schäden anrichteten. Es gab nur einen ganz kleinen Ruck, dann waren sie auf
der Umlaufbahn. Die Eigengeschwindigkeit des Schiffes und die Anziehungs­
kraft   des  Planeten  hielten  sich   jetzt   die   Waage.  Das  Ergebnis   war eine   ge­
krümmte   Flugkurve,   die   nur   ganz   allmählich   flacher   wurde.   Die
EUKALYPTUS konnte sich antriebslos einige hundert Jahre hier oben halten,
bis eines Tages die Schwerkraft des Planeten siegen würde – wenn das Raum­
schiff dann noch Nordpol umkreiste. Immerhin bestand die Möglichkeit, daß
der Antrieb vielleicht doch noch repariert werden konnte. Dann boten sich
natürlich ganz neue Möglichkeiten.
„Harpo“,   stöhnte   Thunderclap   mit   heiserer   Stimme,   „wir   sind   vielleicht
Tränentiere! Aber intergalaktische! Weißt du auch, warum?“
„Neee!“ gaben Harpo und ein paar andere verdutzt zurück.
„Weil wir auf der Kreisbahn um Nordpol sind.“
„Wieso?“ meinte Harpo verständnislos. „Das wollten wir doch auch, oder?“
„Ja, das heißt: nein“, sagte Thunderclap. „Ich weiß schon selbst nicht mehr,
was ich davon halten soll. Verstehst du denn nicht: Wir können jetzt nicht

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mehr zurück! Wir werden den Planeten umkreisen, bis wir schwarz sind oder
bis der Antrieb wieder in Ordnung ist!“
In dieser Deutlichkeit hatte sich Harpo die neue Situation noch nicht be­
wußt gemacht, aber so dramatisch fand er es nun auch wieder nicht.
„Na und?“   meinte   er.  „Wir  wollen   uns   doch   sowieso   auf Nordpol   ansie­
deln.“
„Was wollen wir?“ schrie Thunderclap entsetzt.
Schlagartig  wurde  allen  bewußt,  daß  sie  in  eine Sache   hineingeschlittert
waren, ohne daß sie sich über die Folgen und ihre Ziele unterhalten hatten.
Alle  wollten   auf   den   Planeten   hinab.   Aber   offensichtlich   hatten   einige   nur
daran gedacht, ihm einen Besuch abzustatten, während sich die anderen eine
neue Heimat erhofften. Und die erste Fraktion hatte nicht bedacht, daß die
Entscheidung für Nordpol etwas Endgültiges war. Die Schubdüsen waren viel
zu   schwach,   um   sie   rückgängig   zu   machen,   nachdem   die   Schwerkraft   des
Planeten sie eingefangen hatte.
„Das ist putzig, daß wir uns nicht darüber unterhalten haben“, meinte Har­
po. Aber so war es nun einmal. Er fühlte sich nicht entfernt so unglücklich
darüber wie Thunderclap, der mit den Tränen kämpfen mußte. Der Junge im
Rollstuhl war immer an einen bestimmten Ort gebunden gewesen und kann­
te die Freiheit nicht, sich zu bewegen, wie er wollte. Jetzt war das anders: Sie
hatten   die   Erde   weit   hinter   sich   gelassen.   Da   wollte   er   doch   nicht   einen
einzigen   Planeten   eintauschen   gegen   all   das,   was   unter   anderen   Sonnen
noch verborgen lag!
Harpo konnte den Freund gut verstehen und wäre gern mit ihm durch das
All gezogen. Aber er hatte sich längst damit abgefunden, daß so etwas mit
dem defekten Antrieb nur ein Traum war. Also blieb Nordpol, und das schien
ihm nicht das Schlechteste zu sein.
Eine   Versammlung   wurde   einberufen.   Die   Stimmung   war   zerfahren,   als
sich   alle   hinsetzten   und   Lonzo   das   Wort   ergriff.   „Liebe   Freundinnen   und
Freunde“, begann er in seiner komischen Art. „Lieber Herr Landrat und liebe
Frau Landratte! Eine ganz und gar erschröckliche Tatsache drang an unsere
geplagten Ohren, über die wir eine Entscheidung fällen müssen. Wie unsere
unschlagbaren Ingenieure Einstein und Sause –“
„Lonzo!“   zischte   Thunderclap   drohend.   Ein   bißchen  hatte   er  sich   schon
von dem Schock erholt.
„... und Genius“, verbesserte sich Lonzo schnell, „ausgetüftelt haben, sitzen
wir ziemlich tief drin in der dicken Tinte.“
Rasch   informierte   er   alle,   die   es   noch   nicht   wußten,   daß   man   vielleicht
einen Fehler begangen hatte, als man die Kreisbahn um Nordpol wählte.
Nach einigen „Ahs“ und „Ohs“ kamen die ersten brauchbaren Vorschläge.
Einen Schuldigen für die Situation zu suchen, lag allen fern, und deshalb hielt
man sich damit gar nicht erst auf. Mehr als ein halbes Dutzend Interessierte
gelobten, Fachliteratur zu studieren, um vielleicht doch herauszufinden, wie
der Antrieb repariert werden konnte. Karlie fielen die Weltraumärzte ein. Er
versprach, alles Menschenmögliche zu tun, um eines ihrer vielleicht in der

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Nähe kreuzenden Schiffe anzufunken. Die Ärzte hatten ja sowieso verspro­
chen, irgendwann nach ihnen zu sehen. Also war die Situation gar nicht so
düster, wie sie im ersten Moment geglaubt hatten.
Der Planet füllte einige Stunden später fast das gesamte Gesichtsfeld aus,
wenn man in der Sternenkuppel stand und ins All hinaussah. Deutlich konn­
te man nun Gebirgsrücken und kleinere Ozeane sehen, die wider Erwarten
nicht zugefroren waren. Von intelligentem Leben keine Spur, aber das moch­
te   aus   dieser   Höhe   höchstens   besagen,   daß   es   dort   unten   keine
Wolkenkratzer und Stratosphärenflugzeuge gab. Schwatzmaul schickte For­
schungssonden ab, die sich zum Planeten senkten und dann mit Forschungs­
ergebnissen zurückkehrten. Die meisten Flüsse dieser Welt waren gefroren,
und   es   gab   nur   wenige   Vegetationsstreifen.   Schnee   fiel   beinahe   täglich   in
weiten Gebieten. Aber das größte Mysterium, über das die Sonden Bericht
erstatteten, war ein auf der nördlichen Halbkugel gelegenes, seltsam geform­
tes  Hügelgebiet,  dessen  Symmetrie auf  einen künstlichen  Ursprung  hinzu­
weisen   schien.   Der   natürliche   Entdeckerdrang   der   EUKALYPTUS­
Mannschaft führte dazu, daß dieses Gebiet als erstes für eine Landung in Be­
tracht gezogen wurde.
„Und   wen   schicken   wir   hinunter?“   fragte   Thunderclap   am   Tag   des   ge­
planten Starts mit dem Gleitboot, während er aufgeregt mit seinem Rollstuhl
über das gesamte Deck null raste. „Ich würde ja gern mitgehen, aber dort un­
ten im Schnee könnte ich  mich doch nicht bewegen und müßte die ganze
Zeit über im Boot hocken bleiben.“
Harpo beruhigte ihn mit dem Hinweis, daß schließlich auch jemand von
der Zentrale des Raumschiffs aus das ganze Unternehmen leiten mußte. Die
richtige Aufgabe für Thunderclap. Da die größeren Kinder alle darauf brann­
ten, als erste den Fuß auf Nordpol zu setzen, mußte schließlich das Los ent­
scheiden. Vier Plätze waren zu vergeben. Die Lose fielen auf Micel Fopp, Fidel
Flottbek,   Brim   Boriam   und   „Big“   Tom   Schlitz,   einen   Jungen,   der   seinen
Kameraden   anfangs   große   Schwierigkeiten   bereitet   hatte,   inzwischen   aber
bewies, daß er freundlich und hilfsbereit wie alle anderen sein konnte, wenn
man ihn nicht dauernd anmeckerte und hänselte.
Der Start der A­9 ging reibungslos vonstatten, nachdem Thunderclap jeden
einzelnen der Besatzung eindringlich darauf hingewiesen hatte, ihm später
auch die kleinste Einzelheit des Abenteuers zu berichten. Schwatzmaul be­
herrschte das Gleitboot sicher und befolgte mit präziser Routine die Anwei­
sungen Fidels, der als Kommandant gewählt worden war. Die Außenkameras
der EUKALYPTUS verfolgten das winzige Schwebefahrzeug mehrere Stunden
lang und verloren es erst aus den Augen, als es durch eine dichte Wolkenbank
auf der Tagseite des Planeten zur Landung ansetzte.
Mit schweißfeuchten Händen ergriff Karlie Müllerchen sein Mikrofon und
sprach die Worte, die man vorher ausgemacht hatte:
„Planet Nordpol, bitte melden! Hier spricht die EUKALYPTUS!“
Aber niemand antwortete ...

15
Spuren im Schnee

Der Schock saß so tief, daß mehrere Minuten lang niemand wagte, ein Wort
zu sagen. Sogar Schwatzmaul zog es vor, technisch­unpersönlich zu werden.
Sein   Großbildschirm   flammte   auf   und   präsentierte   eine   Reihe   von   Buch­
staben, die sich nach und nach zu Wörtern zusammensetzten.
FUNKKONTAKT ABGERISSEN
MÖGLICHE GRÜNDE: KEINE DATEN
„Kein   Irrtum   möglich?“   fragte   Harpo   entsetzt.   Er   war   aus   seinem
Schwenksessel   aufgestanden   und   strich   sich   fahrig   über   das   Kinn.   Seine
Handflächen fühlten sich feucht an, und sein Herz schlug schneller als üb­
lich. Thunderclap biß sich auf die Unterlippe. Er wirkte blaß. Was mochte ge­
schehen sein?
KEINE DATEN KEINE DATEN KEINE DATEN gab Schwatzmaul erneut be­
kannt, ein wenig vorwurfsvoll, wie es schien.
Harpo war nicht der einzige, der anfing, sich Vorwürfe zu machen. Waren
sie  nicht   doch   zu   hastig   vorgegangen?   Wäre   es  nicht   besser   gewesen,   den
Planeten erst noch einige Tage lang zu umkreisen, um klarere, eindeutigere
Informationen zu sammeln?
Schließlich war es Lonzo, der die trübe Situation aufhellte. Radschlagend
wirbelte er durch die Zentrale und krächzte dabei: „Nicht verzagen – Lonzo
fragen! Nordpol ist frei von Piraten jeglicher Art, bei Neptun! Niemand kann
unseren Freunden ein Leid angetan haben.“
„Und falls doch“, piepste der kleine Ollie und zerrte dabei wütend an den
Fransen   seiner   Lederhose,   „kriegt   er   es   mit   mir   zu   tun!“   Er   reckte   seine
winzige Gestalt.
Unter normalen Umständen wären wohl alle in befreiendes Gelächter aus­
gebrochen, denn  Ollie  konnte  nicht  einmal   einer   Fliege etwas zuleide tun,
aber  diesmal  nagte   an  allen  der  Zweifel. Fröhlichkeit  wollte  nicht   so recht
aufkommen. Die Freunde mochten wohlauf sein, aber auf jeden Fall fehlte
auch   ihnen   die   Verbindung   zum   Mutterschiff.   Sie   mußten   sich   allein   und
verlassen vorkommen.
„Und   wenn   sie   nun   abgestürzt   sind?“   fragte   Anca.   In   ihren   Augen
sammelten sich langsam, aber sicher Tränen. Während Harpo seine jüngere
Schwester tröstete, griff Schwatzmaul in die Beratung ein.
„Mit   Verlaub   bemerkt“,   äußerte   sich   das   Große   Gehirn   zum   ersten   Mal
wieder akustisch, „das ist unmöglich! Ich bin nach wie vor mit der A­9 ver­
bunden. Nur hören kann ich nichts. Aber ich spüre das Boot – etwa so, wie
einer von euch seinen linken Zeigefinger fühlt und weiß, daß er vorhanden
ist, auch ohne daß er ihn sieht.“
„Langer Rede kurzer Sinn“, schnaufte Thunderclap Genius und raufte sich
dabei   wild   die   Haare,   „Schwatzmaul   spürt   deutlich   seinen   linken   Zeige­
finger.“

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„Untertänigster Diener“, gab das Große Gehirn überhöflich zurück, „so ist
es!“
Ein einziger, lang anhaltender Seufzer schwebte durch die Hauptzentrale.
Die Anspannung wich aus den Gesichtern. Aber in den folgenden Stunden
vergingen doch nur wenige Minuten, in denen nicht jemand bei Karlie Mül­
lerchen an der Funkleitstelle auftauchte und nach Neuigkeiten fragte. Karlie
ertrug alles mit stoischer Gelassenheit, aber es blieb nicht aus, daß mit der
verstreichenden Zeit die Unruhe bei allen wieder größer wurde.
Als sich auch am nächsten Morgen noch niemand von der A­9 gemeldet
hatte,   sagte   Harpo:   „Wir   müssen   nachsehen,   Thunderclap!   Schwatzmaul
kann noch so beruhigende Kommentare abgeben. Ich glaube nicht eher dar­
an,  daß  unsere   Freunde   gesund   und   munter   sind,   bevor   ich   sie  nicht   mit
eigenen Augen gesehen habe!“
„Ich   gehe   mit!“   rief   Anca   sofort.   Trompo,   der   nicht   einmal   katzengroße
Außerirdische,   der   einem   winzigen   Elefanten   glich   –   ein   irdischer   Kurier­
flieger hatte ihn einst auf der EUKALYPTUS zurückgelassen –, gab pfeifende
Geräusche von sich. Auch andere Stimmen wurden laut. Einige Besatzungs­
mitglieder brannten wie Anca und Harpo darauf, so schnell wie möglich das
andere Gleitboot zu besteigen und nach dem Rechten zu sehen. Einige der
kleineren   Kinder   hatten   Angst   und   wollten   um   jeden   Preis   aus   der   Nähe
dieses   unheimlichen   Planeten   verschwinden.   Sie   dachten   gar   nicht   daran,
daß die EUKALYPTUS selbst dann nicht entfliehen konnte, wenn sich riesige
Schlangen von der Planetenoberfläche zu ihnen heraufringeln sollten. Über­
haupt kamen unterdrückte Ängste und Hirngespinste an den Tag.
„Was ist, wenn sie Ungeheuern begegnet sind?“
„Ach, du liest zu viele Schundromane!“
„Oder sie sind in eine Falle geraten!“
„Quatsch mit Soße! Wer soll die denn aufgestellt haben?“
„Weißt du Döskopp denn, wer auf Nordpol lebt? Sicher gibt es da Riesen
mit drei Beinen und nur einem Auge mitten auf der Stirn!“
„Pah!“
Der kleine Ollie verbreitete eine Version, wonach glotzäugige Ungeheuer
mit   unheimlich   langen   Zähnen   und   einer   ganz   blaugefrorenen   Haut   im
Schnee vergraben lagen und auf herabfallende Raumfahrer lauerten. Je deut­
licher   er   sich   dieses   Bild   vorstellte,   desto   größer   wurde   die   Angst.   Er
schüttelte sich schließlich vor Entsetzen, und seine Zuhörer lachten ihn aus.
Da nach einiger Zeit alle einsahen, daß es besser war, Gewißheit zu haben,
als mit flatternden Pulsen über die Decks des Raumschiffs zu rennen oder vor
Angst in die Hose zu pinkeln, gab es keine Einwände mehr gegen die geplante
Suchexpedition. Die Lose fielen diesmal auf Harpo Trumpff, der vor Freude
darüber  einen  kleinen Luftsprung  machte,  Fantasia, die   kleine Lori  Powitz
mit den blauschwarzen Locken und dem süßen Lispeln und – Lonzo! Anca
guckte ziemlich traurig drein, weil sie nicht mitdurfte.
„Alter Blechmann“, sagte Harpo erfreut und klopfte seinem metallenen Ge­
fährten auf die Brust. „Das ist aber riesig, daß du mitkommst!“

17
„Grrrkk, grrkkk“, machte Lonzo, was wohl dem „Blechmann“ galt, denn so
etwas hörte er gar nicht gern. Aber es klang auch ein bißchen wie Lachen.
„Bitte an Bord kommen zu dürfen, Captain.“
Der Himmel allein mochte wissen, wo er die alte Seemannsmütze mit den
blauen Bändern aufgetrieben hatte, die er blitzartig hervorzauberte und über
das Metallei seines Kopfes stülpte.
Nachdem sich die Schleuse des Gleitbootes A­7 hinter der Besatzung ge­
schlossen hatte und die Funkhelme verteilt waren, zeigten leichte Knackge­
räusche an, daß Karlie die Funkverbindung mit der Hauptzentrale hergestellt
hatte und dort vor den Geräten saß.
„Alles im Lot?“ fragte Thunderclap.
„Aye, aye, Sir!“ brüllte Lonzo. „Alle Mann in die Wanten! Refft die Segel!“ Er
blieb   als   einziger   stehen,   als   sich   die   A­7   behutsam   in   Bewegung   setzte.
Schwatzmaul pumpte die Atemluft aus dem Hangar, dann glitt die quadra­
tische Außenschleuse der EUKALYPTUS zur Seite. Langsam bewegte sich das
Gleitboot in den Weltraum hinaus.
Mit   offenen   Mündern   starrten   die   Kinder   auf   das   Panorama   vor   ihren
Augen. Es war  phantastisch und noch viel erregender  als  von der  Zentrale
aus! Der nachtschwarze Raum, nur durchstochen vom Glitzern und Funkeln
einzelner   Fixsterne   in  verschiedensten   Farbabstufungen,   wirkte   grenzenlos
und  schien sich  bis  in die  Unendlichkeit  zu erstrecken  – und  so war  es  ja
auch. Das schmale Band der Milchstraße befand sich im Moment unter ih­
nen,  aber   das  war   nur   eine   Frage  der   Perspektive  und  hing   vom   Kurs   des
Gleitbootes ab.
Die größte Bewunderung rief das gerade verlassene Raumschiff hervor, das
zum ersten Mal in seiner ganzen Pracht und Größe zu sehen war.
„Das ist ja viele, viele Kilometer lang!“ stöhnte Harpo. Von der Zentrale aus
sah man immer nur einen winzigen Teil.
„Ist doch  logisch, wenn man daran denkt,  wie groß  die  einzelnen Decks
sind“,   meinte   Fantasia.   Aber   auch   sie   konnte   ihre   Begeisterung   nicht   ver­
bergen.
„Das muß aber ein Getöse gewesen sein, als die EUKALYPTUS von der Erde
gestartet   ist.“,   lispelte   Lori   mit   ihrem   weichen   Stimmchen.   Da   die   kleine
immer sehr empfindlich reagierte, wenn sie meinte, daß sie nicht genügend
Beachtung fand, wollte Harpo schnell auf die Bemerkung antworten. Doch
Thunderclap kam ihm zuvor.
„Diese großen Raumschiffe sind nur für den Weltraum gedacht, Lori“, er­
tönte   seine   Stimme   in   den   Helmlautsprechern   der   Besatzungsmitglieder.
„Deshalb   starten   und   landen   sie  niemals   auf  einem   Planeten   und   werden
auch im Weltraum montiert. Das Material wurde aus dem Asteroidengürtel
herangeschafft, zum Teil aber auch von der Erde aus hochgeschossen.“
„Astro... Astaro... gürtel?“ fragte Lori neugierig und schüttelte verwundert
den Kopf. „Was ist das denn? Kenn’ ich gar nicht!“
Thunderclap lachte leise in sich hinein. „Kein Wunder“, sagte er dann et­
was gönnerhaft. „Das ist nur etwas für ganz alte Raumhasen. Weißt du, zwi­

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schen den Planeten Mars und Jupiter befindet  sich ein Ring aus winzigen,
großen und ganz dicken Steinbrocken. Einige sind beinahe so groß wie der
Mond der Erde. Viele enthalten wertvolle Erze, aus denen durch Schmelzen
Metalle gewonnen werden. Übrigens glaubt man, daß dort in Urzeiten beina­
he ein weiterer Planet entstanden wäre.“
„Nach   einer   anderen   Theorie   gab   es   einen   solchen   Planeten“,   ergänzte
Harpo. „Man nimmt an, daß die Asteroiden die Reste von ihm sind, als er
auseinanderplatzte.“
Thunderclap   war   während   der   Planetenumkreisung   ihr   einziger
Gesprächspartner, aber die Zeit verging im wahrsten Sinne des Wortes wie im
Fluge, denn dem Rollstuhlfahrer – eine unbekannte Krankheit machte es ihm
unmöglich zu gehen – fiel eine interessante Geschichte nach der anderen ein.
Trotz seiner Jugend wußte er unheimlich viel. Die Krankheit hatte dazu ge­
führt, daß Bücher und Zeitschriften seine besten Freunde wurden.
Unterwegs gab  es noch helle  Aufregung,  als  Harpo ausrief:  „Wir  müssen
umkehren, ich habe den Translator vergessen!“
Er meinte damit ein Gerät, das nicht größer war als eine Armbanduhr und
dazu dienen konnte, die unbekannte Sprache etwaiger Bewohner des Plane­
ten verständlich zu machen. Bereits die erste Expedition hatte ein solches Ge­
rät   an   Bord   gehabt.   Insgesamt   besaßen   sie   nur   fünf   Translatoren   und
behandelten   sie   entsprechend   sorgfältig.   Es   waren   Geschenke   der   Welt­
raumärzte.
Aber dann entdeckte Harpo den Translator doch noch. Er hatte ihn beim
Betreten des Bootes gedankenlos in ein Ablagefach gesteckt. Er band sich das
kleine Wunderwerk sicherheitshalber um das Handgelenk.
Als   die   A­7   in   die   Lufthülle   des   Planeten   eintauchte   und   Thunderclaps
Stimme   häufig   durch   Störgeräusche   überlagert   wurde,   hatten   Harpo,   Fan­
tasia und Lori das Gefühl, nun eine Menge mehr über den Menschen, den
Weltraum und den ganzen wunderbaren Kosmos zu wissen. So beeindruckt
waren   sie   von   Thunderclaps   Erklärungen.   Sogar   Lonzo,   der   nun   wirklich
mehr wußte als alle Kinder zusammen, grunzte Beifall.
„Lesen kann einen tatsächlich nur klüger machen“, brummelte er tentakel­
wedelnd.   „Obwohl   es   natürlich   auch   darauf   ankommt,   was   man   liest.
Schundhefte sind Gift. Glaubt eurem alten Lonzo, der mehr Magengeschwüre
hat als Karlie Müllerchen Pickel auf der Nase!“
Obwohl das ein bißchen lehrerhaft geklungen hatte, mußte Harpo seinem
Metallfreund   im   Grunde   recht   geben.   All   die   Superhelden   in   den   bunten
Heftchen, ob sie nun Perry, Jerry oder Barry hießen, konnten ihm gestohlen
bleiben, seitdem er aus eigener Erfahrung wußte, wie großspurig dort auf die
Pauke gehauen wurde.
Dann  stieß  das Gleitboot   durch  die Wolkendecke  hindurch.  Gebirgszüge
tauchten auf. Ein großer See huschte gerade aus ihrem Blickfeld. Sie über­
querten ein riesiges Waldgebiet, das unter einer dichten Schneedecke lag. Es
wurde langsam dunkler.

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„Wird   es   jetzt   schon   Nacht?“   fragte   Lori   gespannt.   Lonzo   erklärte,   daß
dieses  Phänomen  damit   zu  tun  hatte,  daß  die A­7  sich  der Nachtseite  des
Planeten näherte.
„Höhe   siebentausend   Meter“,   sagte   Schwatzmaul,   der   sich   bisher   be­
scheiden im Hintergrund gehalten hatte. Dann: „Viertausend Meter.“
Der   geschwätzige   Computer,   nun   die   Sachlichkeit   in   Person,   hielt   das
Gleitboot genau auf Kurs. Zehn Minuten später überflogen die Kinder eine
Hügellandschaft,   deren   Gipfel   etwa   sechshundert   Meter   hoch   aufragten.
Auch hier lag überall Schnee, aber man konnte erkennen, daß die Hügel sehr
gleichmäßig   waren   und   eine   runde   Kuppe   hatten.   Und   einer   glich   dem
anderen so sehr, daß man von oben glaubte, hier hätten einige Riesen platt­
getretene Fußbälle verstreut. Das mußte die Landschaft sein, die ihnen schon
von der EUKALYPTUS aus aufgefallen war und das Ziel der ersten Expedition
gewesen war.
„Dort!“ rief Fantasia. „Die A­9! Seht ihr?“
Richtig.   Das   Gleitboot   stand   verlassen   zwischen   zwei   eng   beieinander­
stehenden Platthügeln. Es war fast eingeschneit, aber immer noch deutlich
zu erkennen. Thunderclap erkundigte sich aufgeregt nach Neuigkeiten, weil
er Fantasias Aufschrei mitgehört hatte.
„Außer dem Boot  ist nichts  und  niemand  zu  sehen“,  meldete  Harpo ge­
knickt.
Die A­7 sank tiefer. Plötzlich verkündete ein feines, hohes Rauschen, daß
die Funkverbindung zu EUKALYPTUS abriß.
Harpo   reagierte   blitzschnell.   „Rauf,   Schwatzmaul,   rauf!“   brüllte   er   aus
Leibeskräften, obwohl auch ein Flüstern genügt hätte. Ihm war eine Idee ge­
kommen: Wenn die Funkstörung nun damit zusammenhing, daß die Hügel
näher   rückten?   Diese   seltsam   symmetrischen   Felsformationen   wirkten   bei
weitem nicht so, als hätten die Naturgewalten sie im Laufe der Jahrmillionen
abgeschliffen.
Schwatzmaul hatte verstanden. Ein Ruck ging durch die A­7 und brachte
das Boot leicht ins Trudeln, aber dann zischte es wie ein von der Sehne ge­
schnellter Pfeil in die Höhe. Sofort war die Verbindung wieder einwandfrei.
„Muß   mit   der   Höhe   zu   tun   haben“,   meinte   auch   Thunderclap   nach­
denklich.  „Vermutlich  wird   die  Verbindung   wie  bei  den  anderen abreißen,
wenn ihr  landet.   Aber ich   höre  gerade,  daß  euch   Schwatzmaul   auch   ohne
Funkbefehl wieder heraufholen kann.“
Es stellte sich heraus, daß hierzu ein Knopfdruck ausreichte. Das dabei aus­
gelöste Signal lief auf einer  Frequenz, die von der Funksperre nicht beein­
trächtigt wurde. Nachdem ausgemacht worden war, daß dieser Knopf nur im
Notfall   gedrückt   werden   sollte   und   dann   bedeutete:   „Gleitboot   sofort
starten“,   konnte   das   Abenteuer   der   Landung   gewagt   werden.   Behutsam
senkte sich die A­7 in den Schnee neben das Schwesterboot.
Schnuppernd   sogen   die   Kinder   die   Luft   ein,   als   sie   die   Köpfe   aus   der
Schleusentür steckten. Es war kalt. Sie sprangen hinaus und versanken bis zu

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den   Knien   im   weichen,   flockigen   Pulverschnee.   Es   war   so   hell,   daß   ihnen
anfangs die Augen brannten.
„Brrrrr“, machte Fantasia. „Bloß schnell wieder ins Boot und in die Schutz­
anzüge. Hier friert man sich ja sonst was ab.“
„Angeberin“, meinte Harpo, folgte ihr aber rasch in das Gleitboot. Nur Lori
mußte   erst   mehrfach   ermahnt   werden,   bevor   sie   ebenfalls   hineinkletterte.
Lonzo, der sich meckernd geweigert hatte, auch nur die kleinste Spitze seiner
eisernen Füße in den Schnee zu setzen, weil er angeblich höllische Angst vor
Rostflecken hatte, half ihnen wieder hinein. Natürlich machte er nur Theater,
denn er bestand aus rostfreiem Edelstahl und hatte von Wasser, Schnee und
Eis nicht das geringste zu befürchten.
In den wetterfesten, heizbaren Anzügen betraten sie den Planeten Nordpol
erneut.   Diesmal   in   ernsterer   Stimmung,   denn   schließlich   waren   vier   ihrer
Freunde verschollen. Da konnte man nicht Hanswurst spielen und naiv in die
nächste Falle rennen.  Sie  bedauerten,  daß sie  die Oberfläche  des  Planeten
unter diesen traurigen Umständen betraten.  Viel lustiger wäre es gewesen,
jetzt eine Schneeballschlacht zu machen oder Schlitten zu fahren.
Mißtrauisch beäugte Harpo die Umgebung. Ihr Boot stand in einem Tal di­
rekt am Fuß eines Platthügels. Das flache Gelände zwischen diesem und dem
nächsten Hügel maß etwa einen Kilometer. In allen vier Windrichtungen rag­
ten   kahle  Hügel   empor,  denen  ihr  besonderes  Augenmerk  galt.  Ein  eisiger
Wind pfiff. Rasch wurden die Nasen rot. Harpo hob Lori auf Lonzos Roboter­
körper, damit sie Huckepack reiten konnte. Die Kleine war trotz ihrer elf Jah­
re im Wachstum zurückgeblieben und drohte bei jedem Schritt in dem für
Harpo und Fantasia nur knietiefen Schnee bis zum Bauch einzusinken.
„Halt!“ rief Fantasia plötzlich. „Ist das nicht eine Spur?“
Tatsächlich,   das   sah   aus,   als   wäre   dort   jemand   hingefallen.   Selbst   die
dünne Schicht Neuschnee konnte den deutlichen Abdruck eines Hinterteils
nicht verbergen.
Vorsichtig bewegte  sich die Gruppe  weiter  nach  Norden. Vereinzelte  Lö­
cher im Schnee, halb zugeschüttet, aber immer noch sichtbar, führten genau
auf einen der Hügel zu. Als sie ihn erreicht hatten, mußten sie die Köpfe weit
in den Nacken legen, um bis zur Kuppe hinaufzuschauen.
„Sie können sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben“, lispelte Lori
ungläubig.
Dann entdeckte Harpo im Schnee einen Handschuh. Er glaubte, daß er den
schon mal bei Brim Boriam gesehen hatte. Aber die Stelle, an der er lag, mar­
kierte zugleich das Ende der Spuren. Als hätte Brim: „Sesam, öffne dich“ ge­
sagt und sei direkt in die Hügelwand hineingegangen.
Seltsam. Brim und die anderen waren also hier gewesen, genau an dieser
Stelle. Aber was war dann geschehen?
„Es wird bald dunkel“,  sagte Lonzo und  zeigte mit  einem  Tentakel  – die
anderen drei waren nötig, um Lori auf seinem glatten Körper Halt zu geben –
auf die am Horizont versinkende Sonne Archimedes. „In der letzten Nacht
haben wir kaum geschlafen. Schlage vor, wir gehen in die Hängematten unter

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Deck, Captain. Kleiner Imbiß in der Kombüse wäre natürlich vorher nicht zu
verachten!“
Als er das sagte, fühlten sich alle plötzlich hungrig und müde. Sie kehrten
ins Boot zurück, gaben Schwatzmaul mit dem Druckknopf Anweisung, das
Boot zu starten und lieferten der Zentrale ihren ersten Bericht ab. Die Stim­
mung   war   ziemlich   niedergeschlagen.   Obwohl   sie   keine   ausgesprochenen
schlechten   Nachrichten   durchgaben   –   zum   Jubeln   gab   es   keinen   Anlaß.
Erfreulich war nur, daß man weder wilde Raubtiere noch Ollies glotzäugige
Astronautenfresser entdeckt hatte.
Harpo, Fantasia und Lori lagen lange wach. Obwohl sie eigentlich hunde­
müde waren, wollte sich der Schlaf einfach nicht einstellen.

Rätselhafte Schatten

Mitten in der Nacht wachte Harpo auf, ohne zu wissen, was ihn geweckt
hatte. Er reckte sich und lehnte den Kopf gegen die Rundsichtscheibe. Er rieb
sich die Augen und lauschte dann in die Finsternis hinaus.
Etwas berührte sanft seinen rechten Arm. Lonzo. Da er eine Maschine war,
benötigte er keinen Schlaf. Er war die ganze Zeit wach gewesen.
„Psssst!“ zischte der Roboter. „Hörst du?“
„Mmmmmm“, brummte Harpo verschlafen. Seine Glieder schmerzten vor
Erschöpfung.   Von   irgendwoher   drangen   Geräusche.   Er   glaubte,   daß   die
Vermißten zurückkehrten, und wollte mit einem Freudenschrei aufspringen,
aber Lonzos Tentakel drückten ihn schnell zurück und verschlossen seinen
Mund.   „Nicht   bewegen,   Junge“,   flüsterte   er   dabei.   „Draußen   tut   sich   was.
Steh ganz langsam auf.“
Auch Fantasia erwachte durch das Gemurmel, dann Lori, aber beide begrif­
fen   schnell,   daß   es   besser   war,   sich   leise   zu   verhalten.   Zaghaft   hoben   die
Kinder ihr Köpfe und spähten durch die Glaskuppel.
Im Schein der beiden winzigen, rötlichleuchtenden   Monde des Planeten,
die einen geheimnisvoll anmutenden Schein über die Schneedecke warfen,
bewegten sich mehrere riesenhafte Gestalten, die jauchzend auf ihren Hin­
terteilen   die   Schneehügel   hinabrutschten   und   johlend   in   weiche   Schnee­
wächten plumpsten, sobald sie unten ankamen.
Die   heimlichen   Beobachter   in   der   A­7   glaubten   ihren   Augen   nicht   zu
trauen: sieben, acht, neun zottelfellige, langhaarige, entfernt menschenähnli­
che Wesen benutzten die Stille der Nacht dazu, auf den Hügeln Schlitten zu
fahren.  Allerdings   ohne  Schlitten.  Und   daß es   ihnen   Spaß  machte,   konnte
man an den Lauten, die sie ausstießen, leicht feststellen.
„Was sind denn das für welche?“ fragte die kleine Lori staunend. „Affen?“
„Bei allen Planeten!“ prustete Harpo los. „Wenn das ein Traum ist, Lonzo,
dann zwick’ mich!“

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„So etwas habe ich wirklich noch nie gesehen!“ rief jetzt auch Fantasia und
gluckste   in   sich   hinein.   Das   war   wirklich   umwerfend   komisch,   wie   die
schwerfällig   wirkenden  Gesellen  die   Schneebahn   hinunterrutschten   und
nach   geglückter   Landung   sofort   wieder   den   Hügel   hinaufhasteten,   um   die
gleiche Prozedur von neuem zu beginnen.
Niemand   konnte  sich   vorstellen,  daß  die  fröhlichen   Gestalten   etwas   mit
dem Verschwinden ihrer Freunde zu tun hatten. Immerhin wußten sie jetzt,
daß dieser Planet nicht unbewohnt war.
„Ob sie wohl intelligent sind?“ fragte Lori.
„Und   ob!“   antwortete   Lonzo.   „Oder   hast   du   schon   mal   lachende   Bären
gesehen?“
„Sind das denn Bären?“
Nun, aus der Ferne wirkten sie wenigstens so oder sahen ihnen zumindest
doch sehr ähnlich. Gemeinsam beratschlagte man, ob man es wagen sollte,
mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Aber so mitten in der Nacht war die Ent­
schlußfreudigkeit nicht sehr groß. Und in der Dunkelheit mochte das über­
raschende   Auftauchen   von   Menschen   leicht   zu   Mißverständnissen   führen.
Ganz   abgesehen   davon,   daß   die   Bären   es   vielleicht   gar   nicht   gern   hatten,
wenn ihnen jemand den Spaß im Schnee verdarb.
So aufregend alles auch war, übermannte die Kinder doch bald wieder der
Schlaf.  Am  Morgen,  als  die  ersten   Sonnenstrahlen  den vierten   Planeten  in
Wärme und Licht badeten, waren die Zottelgestalten verschwunden. Nächtli­
cher Schneefall hatte die Spuren beseitigt, als hätte es sie nie gegeben.
Schwatzmaul hob die A­7 wieder einige tausend Meter hoch, und Fantasia
erstattete Bericht, während Harpo das Frühstück bereitete. Die Nachricht von
den augenscheinlich friedlichen und vergnügten Wesen wurde auf der EUKA­
LYPTUS mit Begeisterung aufgenommen. Aber an gutgemeinten Mahnungen
und   Ratschlägen   fehlte   es   natürlich   trotzdem   nicht.   Nach   dem   Frühstück
kletterten die vier Entdecker wieder in die Schneelandschaft hinaus. Sie teil­
ten sich in zwei Gruppen: Harpo und Fantasia, Lonzo und Lori. Sie umrunde­
ten   den   nördlichen   Hügel,   und   als   sie   sich   auf   der   anderen   Seite   trafen,
winkte Lonzo schon von weitem aufgeregt mit einem Tentakel. Harpo und
Fantasia liefen so schnell heran, daß der Schnee nur so spritzte.
„Habt ihr etwas entdeckt?“ fragten beide wie aus einem Munde.
„Ich will meinen Kopf aufessen, wenn ich nicht jemanden gesehen habe“,
krächzte   Lonzo.  „Ganz   deutlich   habe   ich   einen   Schatten   wahrgenommen.
Potz Galaxis! Ich könnte schwören, daß es der Geist des alten Captain Kidd
war!“
Fantasias helles Lachen kugelte zu den Hügelkuppen hinauf und rollte von
dort zurück. Harpo konnte ebensowenig ernst bleiben. Lonzo will uns wieder
einmal foppen, dachte er. Aber zum allgemeinen Erstaunen war der Roboter
nicht   von seiner   Behauptung   abzubringen,  daß er  einen  Schatten  gesehen
hatte. Er tat sogar recht empört, als die anderen zur Tagesordnung übergehen
wollten.

23
„Glaubt ihr mir denn nicht, Freunde?“ knarrte er stur. „Ich meine es ernst!
Dieser Freibeuter hatte einen wüsten roten Vollbart und geflochtene Zöpfe!
Er schaute ziemlich grimmig drein, au weia!“
Lori, die noch immer, von Lonzo getragen, über den anderen thronte, ki­
cherte verhalten. „Lonzo spinnt mal wieder“, meinte sie vergnügt. „Ich habe
jedenfalls   niemandes   Geist   gesehen.   Am   allerwenigsten   den   von   Captain
Kitz!“
„Kidd!“   zeterte   Lonzo.   „Nicht   Kitz!   Ha,  du   kennst   ihn   ja   auch   gar   nicht,
mein Täubchen! Soll ich dir die Geschichte erzählen, wie ich zusammen mit
Captain Kidd auf der Knocheninsel nach der vergrabenen Schatztruhe such­
te?   Also,  paß  mal  auf, die Sache  war   so:  Nachdem  wir  aus  dem  Indischen
Ozean   kamen,   die   langen   Messer   zwischen   den   Zähnen,  gingen   Kidd   und
ich ...“
Lonzo plapperte drauflos, obwohl keiner richtig zuhörte. Diese Geschichte
kannten sie inzwischen auswendig, so oft hatte Lonzo sie erzählt. Man konn­
te fast  meinen,  er   sei   tatsächlich   dabeigewesen.  Aber   Harpo  wußte   genau,
woher   Lonzo   seine   Lügengeschichten   bezog:   Nichts   war   leichter   für   den
Eisenmann, als Seefahrerbücher aus der Bordbibliothek auswendig zu lernen,
da   er   ein   elektronisches   Gehirn   besaß,   das   niemals   auch   nur   ein   Komma
vergaß. Angefangen von Klaus Störtebeker bis hin zu Kapitän Marryat hatte
Lonzo alles aufgesogen, was sich mit Piraten beschäftigte. Sicherlich hatte er
dabei auch eine Menge Seemannsgarn mitverdaut.
Egal! Harpo und Fantasia, die Lonzo bereits  lange kannten, wußten, daß
man   sich   auf   ihn   verlassen   konnte,   wenn   es   darauf   ankam.   Und   der   Me­
chanismus   des   Roboters,   eine   Ansammlung   aus   Metall,   Kristallen   und
Neuronen,   war   bestimmt   gegen   Halluzinationen   hundertprozentig   gefeit.
Lonzo konnte Dinge wahrnehmen, die Menschen verborgen bleiben mußten,
weil ihre Augen für solche Feinheiten nicht geschaffen waren. Auch ein Hund
hört ja beispielsweise Töne aus dem Ultraschallbereich, die Menschen längst
nicht mehr wahrnehmen können.
„Noch einmal von vorn, Lonzo, altes Haus“, sagte Harpo deshalb. „Wie sah
das Wesen aus, das du gesehen hast?“
„Es war einen Meter groß, wieselflink, grau ... ähm ... ich meine, es schien
mir grau zu sein, weil es so wieselflink war. Es hatte einen Bart und Zöpfe und
einen Topf auf dem Kopf und einen komischen Anzug an, wie ein Taucher.“
„Topf auf dem Kopf?“ echote Fantasia ungläubig.
„Taucheranzug?“ fragte Harpo. „War es vielleicht ein Raumanzug?“
„Nitschewo!“ sagte Lonzo beharrlich. „Nein!“
Er   schüttelte   seinen   freien   Greiftentakel.   „Der   Anzug   war   ziemlich   eng,
wollte ich damit sagen. Und der Bursche sah ziemlich rauflustig aus.“
Wieder wedelte er mit dem Tentakel, tippte damit auf Harpos Schulter und
brummte: „Er sah genauso aus wie der Kerl, der gerade hinter dir steht.“
„Huch!“ quiekte Lori.
Fantasia und Harpo wirbelten herum. Für einen Sekundenbruchteil glaub­
te Harpo eine zwergenhafte Gestalt zu sehen, die sie aus einigen Metern Ent­

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fernung beobachtete. Dann war sie verschwunden. Sie löste sich im Nichts
auf und existierte nicht mehr!
„Ein Wichtelmann!“ rief Lori begeistert. „Mit Zöpfen! Wie süß!“
„Er ... ist ... weg ...“ stotterte Harpo verdutzt.
„Gar nicht  wahr“, behauptete Lonzo. „Wieso denn? Er steht noch da! Sagt
mal, könnt ihr denn nicht sehen?“
„Wie?“ fragte Harpo.
„Jetzt kommt er sogar näher!“
„Harpo, ich fürchte mich“, flüsterte Fantasia.
„Uijuijui, ist der aber schnell!“
Alle rieben sich die Augen, nur Lonzo nicht. Es half nichts, die geheimnis­
volle Zwergengestalt blieb ihren Augen weiterhin verborgen. Sie sahen nie­
manden, obwohl Lonzo steif und fest behauptete, der Wichtel stände genau
neben Harpo.
„Also kann er sich unsichtbar machen“, folgerte Lori stolz, als hätte noch
keiner an diese Möglichkeit gedacht.
„Und wo ist er jetzt?“ fragte Harpo, der immer noch nicht wußte, was er
von der Sache halten sollte.
„Er gafft dich an“, versetzte Lonzo. „Ziemlich aufdringlich, wie ich finde.“
Harpo verlor vor Schreck das Gleichgewicht und machte einen Schritt zur
Seite. Ihm war, als prallte er gegen eine unsichtbare Mauer. Ein spitzer Schrei
erklang, der sich recht empört und wütend anhörte. Dann wurde der Wichtel
plötzlich   sichtbar.   Er   schnatterte   und   keifte,   da   er   genau   wie   Harpo   den
Boden unter den Füßen verloren hatte und strampelnd im Schnee lag. Lang­
sam   begann   die   weiße   Flockendecke   im   Umkreis   seiner   Gestalt   zu
schmelzen.
„He, hallo!“ rief Fantasia. „Wer sind Sie denn?“
„Unglgrungmumpf“, war die knurrige Antwort. Wie alle zugeben mußten,
war das weder ein schöner Name, noch klang das ganze besonders freund­
lich.   Staunend   nahmen   die   Kinder   das   schimpfend   aufstehende   und   den
Schnee   aus   den   Kleidern   klopfende   Zwergenwesen   in   Augenschein.   Unter
einem spitz zulaufenden Ritterhelm mit kleinen Metallflügeln an den Seiten
schaute sie ein faltiges Gesicht mit rotblonden, buschigen Augenbrauen an.
Das Männlein besaß listige Äuglein, die zornig funkelten. Ein mächtiger Bart
sorgte dafür, daß man von seinem Gesicht nicht allzu viel erkennen konnte.
Feingeflochtene Zöpfe erinnerten die Kinder an einen Miniatur­Wikinger aus
der irdischen Geschichte.
Bekleidet   war   das   Wesen   mit   einem   blaugrauen   Wams,   gleichfarbigen
Hosen und hohen Stulpenstiefeln. Um seinen Bauch spannte sich ein breiter
Ledergurt,   an   dessen   Vorderseite   ein   streichholzschachtelgroßes   Gerät   un­
heimlich summte. Mehrere Schaltknöpfe waren darauf zu erkennen und paß­
ten nicht zu dem sonstigen Äußeren.
Die Zunge vor Aufregung zwischen die Lippen geschoben, nestelte Harpo
an  seinem  Translator,   bis  er  den  Knopf   gefunden   hatte,   der  das  Gerät   ak­
tivierte.  Dieses   Meisterwerk  der  Mikrotechnik  barg   einen  Sprachcomputer,

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aber zaubern konnte der auch nicht. Zunächst mußte er einige Minuten lang
die Laute einer unbekannten Sprache aufzeichnen und analysieren.
Es war also wichtig, daß der Fremde redete.
„Wie ist das werte Befinden, edler Seemann?“ fragte Lonzo und ersparte da­
mit Harpo eine Arbeit.
Der Inhalt der Frage war unwichtig. Es kam nur darauf an, daß der Zwerg
sprach. Tatsächlich  hörte er mit  dem Knurren auf, begann zu grinsen, trat
frierend   von   einem   Fuß   auf   den   anderen   und   ratterte   dann   los   wie   eine
defekte Schallplatte.
Schnurrend setzte sich der Translator in Gang. Die Apparatur registrierte
wachsam jeden Laut. Es dauerte kaum zwei  Minuten, da flossen die ersten
abgehackten Sätze aus dem Translator und wurden von Silbe zu Silbe siche­
rer und verständlicher.
„... elende Affenkälte ... Konntest nicht aufpassen, du Lausebengel? ... Jetzt
Deflektorschirm   im   Eimer   ...   Mir   frieren   die   Zehen   ab   ...   Beim   sieben­
schwänzigen Schneegespenst!“
Harpo entschuldigte sich wortreich, und da begann der Zwerg aufzuhor­
chen.
„Schneegestöber   und   Eiszapfen!“   gurgelte   der   Translator,   als   der   kleine
Fremde   mit  dem  mächtigen  Bartwuchs   zu einer   Gegenrede  ansetzte.  „Wie
wird mir? Schon wieder diese Sternenbengel mit ihrer Sprechmaschine, die
die Sprache des Großen Flunkerers nachahmt!“
Die   Kinder   lachten   vor   Begeisterung,   während   Harpo   stolz   auf   seinen
Translator sah. Nach dieser grantigen Einleitung grinste der Zwerg erst ein­
mal ausgiebig und sprudelte dann so hastig los, daß der Translator sich schier
überschlagen mußte, um alles ebenso schnell zu übersetzen.
Während er redete, zerrte der Große Flunkerer aufgeregt an Lonzos Tenta­
keln, die ihn sehr zu beeindrucken schienen. Sie sollten sich nur keine Sorgen
machen, sagte er. Die Freunde seien in der Obhut der „Raufbolde“ und bei
bester   Laune.   Man   sei   ihnen   ja   sooo   dankbar,   vor   allem   dem   kleinen
schwarzen Doktor.
Er hatte sich jetzt richtig in Begeisterung hineingeredet, versuchte bis zu
den Schultern von Harpo und Fantasia hinaufzulangen und kollegial darauf
zu klopfen, tätschelte Lonzo und kitzelte Loris Füße. Dann machte er alle An­
stalten, gleich zu explodieren, wenn sie nicht sofort mit ihm kämen, da er auf
dem besten Weg sei, zu einem bärtigen Eisklumpen zu werden.
Die anfängliche  Verwirrung  der  Kinder   wich  schließlich, als  Harpo, Fan­
tasia, Lori und Lonzo begriffen, daß sie sich umsonst Sorgen um ihre Freunde
gemacht hatten.
Rasch folgten sie dem zitternden und zähneklappernden Flunkerer, der ih­
nen großzügig gestattete,  ihn  „Flunki“ zu  rufen. Er schleppte  sie  genau  zu
jener Stelle, an der sie bereits einmal rätselnd gestanden hatten: direkt vor die
steile Hügelwand, die graublau an einigen Stellen unter dem Schnee hervor­
leuchtete.
Und dann kam die große Überraschung. Die Wand öffnete sich.

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Ein seltsamer Berg

„Eintreten,   Freunde!“   rief   Flunki   und   rannte   los.   Schon   hatte   er   das
schwarze Tor in der Felswand erreicht und war verschwunden.
Zögernd folgten ihm die Kinder.
„He“,   ertönte   es   dumpf   aus   dem   Berg,   und   der   Translator   übersetzte
pflichtschuldig: „He!“ Flunkis dicke Nase tauchte aus dem Dunkel auf. Sein
roter Bart schimmerte im Licht der Sonne. Die listigen kleinen Äuglein fun­
kelten. „Beim einäugigen Eis­Zyklopen!“ schimpfte er los. „Worauf wartet ihr
noch?   Eure   Vorfahren   müssen   Schnecken   gewesen   sein.   Tausend   Schnee­
mücken sollen euch in den Hintern stechen!“
Die   Kinder   lachten,   weil   sie   ja   inzwischen   wußten,   daß   man   nicht   alles
ernst nehmen durfte, was der Raufbold von sich gab. Aber sie setzten doch zu
einem kleinen Spurt an. Verderben wollten sie es sich mit dem kleinen Minia­
tur­Wikinger keinesfalls.
„Elender Schurke!“ fluchte Lonzo, der sich den sprachlichen Gegebenhei­
ten dieses Planeten als erster anpaßte. „Mir qualmen schon die Socken. Mein
alter Freund Captain Kidd hätte Euch für Eure Redensart in Eisen gelegt. Ja­
woll, Herr Raufbold!“
„Pah, Captain Kidd“, kam die Antwort. „Wenn er so langsam war wie ihr,
hätte er mich nie erwischt. Dem hätten ich die Zipfelmütze über die Ohren
gezogen und ihn dann mit Schnee eingeseift.“
„Himmel,   Po   und   Zwirn!“   schrie   Lonzo   aufgebracht.   „Er   wagt   es   tat­
sächlich, den mächtigen Captain Kidd zu beleidigen! Herr Raufbold, merkt
Euch gefälligst, daß Captain Kidd nie eine Zipfelmütze, sondern stets einen
prächtigen Dreispitz trug. Und so wahrhaft, wie ich Lonzo­Joachim Washing­
ton de la Chevalier heiße: Schnee haben wir nicht auf einer einzigen unserer
vierhundertsiebzehn Kaperfahrten erspäht.“
„Lonzo!“ mahnte Fantasia entrüstet. „Seit wann gebrauchst du solche Aus­
drücke? Und du sollst nicht so schauerlich lügen. Du heißt gar nicht Lonzo
Waschmirschon Dingsbums!“
„Was bedeutet der Ausdruck Schneewolke, verlängerter Rücken und Bind­
faden?“ erkundigte sich Flunki neugierig.
„Schneewolken?   Verlängerter   Rücken   ...   und   ...“   wiederholte   Harpo   und
prustete los. „Ach herrjeh! Da hat unser kleiner Translator aber wieder mal
eine Meisterleistung der Übersetzungskunst zustande gebracht.“
„Das haben wir gleich“, meinte Lonzo und drückte einen Knopf des Gerä­
tes.   „Für   besondere   Fälle“,   dozierte   er,   „haben   wir   auch   eine   Deftig­
Schaltung.“   Seelenruhig   wiederholte   er   seinen   Fluch   und   wartete,   bis   das
Übersetzungsgerät ihn in Flunkis Sprache übertrug. „So“, sagte er zufrieden
und ließ den Knopf wieder los.
Der Raufbold machte „Grrrrr!“ und sprang aus dem Stand zwei Meter hoch
in die Luft. „Gemeine Verleumdung! Meine Großmutter trinkt niemals!“
„Was hat der Translator denn gesagt?“ fragte Lori lachend.

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„Da fragst du noch?“ brummte der Raufbold und funkelte sie an – was Lori
aber nicht  einschüchtern  konnte, weil man zu deutlich  sah, welchen Spaß
Flunki diese Schimpferei machte. „Dieser mißratene Schneeochse hat etwas
von einem letzten Rülpser meiner betrunkenen Großmutter gesagt!“
Flunki   machte   eine   Anstandspause   und   fügte   dann  schmunzelnd   hinzu:
„Also ehrlich, Freunde. Bisher hielt ich eure komische Sprache ja für ziemlich
trocken. Wußte gar nicht, daß ihr so gute Flüche auf Lager habt.“
„Wir müssen wohl öfter mal den Knopf drücken, damit sich der Translator
weniger gewählt ausdrückt“, meinte Harpo schelmisch.
Er   wußte   inzwischen,   daß   diese   winzige   Apparatur,   so   nützlich   sie   war,
auch ihre Schwächen hatte. Normalerweise übersetzte sie ziemlich trocken
und bürokratisch, und manchmal waren hochgeschraubte Redewendungen
das Ergebnis. Die Kinder hatten das Gerät auf der EUKALYPTUS ausgiebig ge­
testet und sich dabei vor Lachen gekugelt, wenn aus: „Heiliger Bimbam, was
zieht   der   Kerl   für   eine   komische   Visage“   ein   gepflegtes   „Gesegnetes   Glo­
ckengeläut,   der   Herr   Kommerzienrat   hat   aber   ein   freundliches   Lächeln“
wurde.
Da der Translator auch ein Programm besaß, in dem drastische und lustige
Wörter der Umgangssprache gespeichert waren, kam er mit der Sprache der
Raufbolde   gut   zurecht.   Sobald   Flunki   redete,   schaltete   sich   das   Gerät
automatisch auf Programm II.
„Wollen wir nicht weitergehen?“ fragte Lori Powitz. Die Kleine brannte dar­
auf, das Innere des geheimnisvollen Berges zu erkunden.
„Ein   guter   Streit   ist   wichtiger   als   alles   andere“,   tönte   Flunki.   „Aber   im
Grunde   hast   du   schon   recht,   Schneeflöckchen.   Borro   wird   sicher   langsam
müde, das Tor weiterhin offenzuhalten.“
„Borro?“ fragte Harpo neugierig.
„Ja, Borro“, erwiderte Flunki und tat sehr wichtig. „Der Schneekrabbler.“
„Ehrlich gesagt“, gab Harpo zu, „ich verstehe immer nur Schneekrabbler.“
„Ha“, sagte Flunki und freute sich diebisch. „Beim Ringelschwanz des alten
Frostaffen: Das wundert mich gar nicht.“
Die Freunde beeilten sich, Flunki weiter in das geheimnisvolle Innere des
Berges zu folgen. Plötzlich wurde es düster. Dort, wo sich eben noch der Ein­
gang befunden hatte, erschien wie durch Zauberei eine Wand. Das Sonnen­
licht konnte nicht mehr in die Höhle eindringen.
„Wird gleich wieder heller“, versicherte ihr Führer beruhigend. Man hörte
etwas rascheln. Allem Anschein nach kramte Flunki in seinen Taschen. Dann
blitzte der Lichtkegel eines kleinen Handscheinwerfers auf.
„Wir   haben   unsere   Scheinwerfer   natürlich   im   Beiboot   gelassen“,   meinte
Harpo und schlug sich schuldbewußt gegen die Stirn.
„Macht nichts“, sagte der Wichtelmann. „Nur die Außengänge sind dunkel.
Wir kommen bald in die beleuchteten Wohngebiete.“
„Wo ist denn der Eingang geblieben?“ forschte Fantasia mißtrauisch.
„Ho,   ho,   ho!“   lachte   Flunki.   „Wahrlich,   bei   den   zehn   Rüsseln   des
fischfressenden Mammuts: Wo ist er denn?“

28
Man sah ihm an der Nasenspitze an, daß er nicht im Traum daran dachte,
dieses Geheimnis zu lüften, zumindest nicht jetzt. Die Kinder vertrauten ih­
rem  neuen  Freund   inzwischen  soweit,  daß sie sich  keineswegs   eingesperrt
oder beunruhigt fühlten. Nur Lonzo konnte sich nicht verkneifen, seinen Senf
beizusteuern. „Mich dünkt, der Kollege Raufbold ist ein ganz entschiedener
Witzbold. Eine richtige Ulknudel!“
„He, he, he!“ lachte Flunki meckernd. „Das will ich meinen!“
Ein   merkwürdiger   Berg   war   dies   wirklich,   selbst   wenn   man   nicht   länger
über das Geheimnis des verschwundenen Eingangs grübelte. Der Boden fühl­
te sich nicht etwa hart und felsig an, wie man es von einem ordentlichen Berg
erwarten sollte, sondern war weich und schwammig. Als würde man auf einer
prallgefüllten   Luftmatratze   gehen.   Und   warm   schien   er   auch   zu   sein.   Die
Wände des Tunnels, in dem sie ihrem eifrigen kleinen Führer folgten, waren
härter. Sie erinnerten an Kalkstein und schimmerten auch in hellen Farbtö­
nen.
Die   Freunde   hatten   bereits   ein   Dutzend   anderer   Tunnel   gekreuzt   und
kamen langsam zu der Überzeugung, daß der ganze Berg durchlöchert war
wie   ein   Schweizer   Käse.   In   diesem   Labyrinth   konnte   man   sich   bestimmt
leicht verlaufen.
Aber   schließlich   hatten   sie   einen   ortskundigen   Pfadfinder.   Und   zur   Not
hätte wohl auch Lonzo den Rückweg gefunden, denn der brauchte ja nur sein
fotografisches Gedächtnis zu befragen. Wenn er wollte, konnte er zum Bei­
spiel nacheinander hundert Kieselsteine beschreiben, die an einer beliebigen
Stelle in einem der künstlichen Bachbette an Bord des Raumschiffes EUKA­
LYPTUS   lagen.   Er   brauchte   nur   seinen   elektronischen   Schaltkreisen   den
Befehl   zu   geben,   diese   gespeicherten   Einzelheiten   abzurufen.   Die   Kinder
beneideten ihn um diese Fähigkeit, besonders dann, wenn sie mühsam ver­
suchten, sich irgend etwas Wichtiges einzuprägen, indem sie ein Buch mehr­
mals lasen oder die Videofilme immer wieder ablaufen ließen. Lonzo genügt
ein   einziger   flüchtiger   Blick   aus   seinen   Sehzellen,   und   schon   war   das   Ge­
schehene Bestandteil seines Gedächtnisses.
Lonzo trug noch immer seine Matrosenmütze auf dem eiförmigen Wulst,
der aus dem ansonsten kugelrunden Metallkörper herausragte. Dort waren
seine   wichtigsten   Sensoren   untergebracht,   die   die   menschlichen   Sinnes­
organe   ersetzten.   Nicht   zuletzt   die   funkelnden   Sehzellen   und   die   Sprech­
membrane   erinnerten   an   einen   menschlichen   Kopf.   Lonzo   hatte   daneben
aber   auch   noch   Sensoren,   die   ihm   Ultraschall,   die   chemische   Zu­
sammensetzung   von   Stoffen,   Luftfeuchtigkeit,   Temperatur   und   manches
andere   meldeten;   Dinge,   die   Menschen   nur   mit   technischen   Hilfsmitteln
messen können. Er  bewegte sich  munter  auf seinen beiden kurzen Beinen
voran, die wie die vier Tentakel aus winzigen Metallringen zusammengesetzt
waren. Überhaupt schien er bester Laune zu sein, denn er benahm sich abso­
lut nicht wie ein Forschungsreisender auf einem fremden Planeten.

29
„Alle, die mit uns auf Kaperfahrt gehen, müssen Männer mit Bärten sein“,
sang er laut und in schauriger Tonlage. „Flunki und Harpo und Lonzo und
Kidd – die haben Bärte, die fahren mit.“
„Is’ ja ga’ nich’ wahr“, lispelte Lori. „Nur Flunki hat einen Bart!“
„Macht nix“, meinte Lonzo fröhlich. „Dann bekommen die anderen Fah­
rensleute eben einen Bart ehrenhalber verliehen.“
„Und was ist mit uns Mädchen?“ fragte Lori enttäuscht.
„Bärte sind nichts für Mädchen“, antwortete der Roboter. „Aber ich werde
mich bei Captain Kidd dafür einsetzen, daß Fantasia Einstein und Loretta Po­
witz wegen besonderer Verdienste für den großen Klabauter­Orden mit ge­
kreuzten Knöcheln vorgeschlagen werden.“
„Klasse“, lispelte Lori. „Aber ich heiße nicht Loretta, sondern Lotharine!“
Flunki behielt recht. Als sie wieder einmal in einen anderen Höhlengang
des Labyrinths abbogen, leuchtete vor ihnen ein warmes, rotgelbes Licht, das
seine Lampe bald überflüssig machte. Der Raufbold verstaute sie wieder in
den Falten seiner Kleidung. Erstaunlicherweise kam das Licht aus dem Boden
des Ganges, der förmlich zu glühen schien.
Harpo hatte wie die anderen die Kapuze seines Schutzanzuges zurückge­
schlagen und seine langen, blonden Haare aus der Umhüllung geschüttelt. Es
war wirklich sehr warm. Er öffnete den Reißverschluß des Anzugs und mach­
te sich etwas Luft. Er hoffte, daß sie bald am Ziel waren und die Anzüge ab­
legen konnten.
Plötzlich   drang   eine   Gruppe   von   sechs   Raufbolden   lärmend   aus   einem
Nebentunnel.
„Heilige Winternacht mit Tannenzapfen!“ rief der eine, ein dickes, rundes
Männchen mit einem  langen Zopf. „Mir  sollen sofort alle  Schneeläuse aus
dem Bart springen, wenn das nicht der Große Flunkerer persönlich ist. Und
diese   rasierten   Rotznasen   sehen   dem  schwarzen   Doktor   verflucht   ähnlich,
he!“
„Frostbeulen und Eishagel“, antwortete Flunki mit ausgebreiteten Armen.
„Kann man denn nicht ein einziges Mal in diesen Höhlen spazierengehen,
ohne über den dicken Wanst des alten Flusi und seinen Anhang zu stolpern?“
„Mann, wenn die in Massen auftreten, ist aber echt der Eisbär los“, meinte
Harpo staunend.
„He, he, he!“ lachte die Schar der Raufbolde, während Flunki und Flusi sich
begeistert auf die Schultern klopften.
Die Gruppe bestand aus drei männlichen und drei weiblichen Wesen, von
denen   letztere   kleiner   und   zierlicher   wirkten   als   ihre   Begleiter.   Sie   hatten
dünnere Nasen als die Männer und waren natürlich bartlos. Eine der Frauen
sah wie  ein kleines Mädchen von zehn Jahren aus und trug  das rotblonde
Haar offen. Die anderen hatten dicke Zöpfe wie die Männer.
Alle wirkten freundlich und lächelten die Besucher an. Gekleidet waren sie
wie   die   männlichen   Raufbolde:   derbes   Lederwams   oder   ein   grobgewebtes
Hemd, enge Hosen, Stulpenstiefel oder Sandalen mit Lederriemen bis über
die Knöchel und breite Gurte um die Hüften. Die meisten trugen jenes kleine

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Gerät an Stelle einer Gürtelschnalle, mit dem die Raufbolde die Schnelligkeit
ihrer Bewegungen erstaunlich steigern konnten.
„Meine Freunde hier wollen zu dem kleinen schwarzen Doktor“, erklärte
Flunki, nachdem er seine Begrüßungszeremonie mit einem  Knuff in Flusis
Rippen abgeschlossen hatte. „Weiß einer von euch, wo er und die anderen
Burschen stecken?“
Brim hätte sich wohl gewundert, daß Wesen, die nur halb so groß waren
wie er, ihn als klein bezeichneten – aber gewiß hatte er inzwischen selbst sei­
ne Erfahrung mit dem Wortschatz der Raufbolde gemacht. „Beim eisigen Eis
des Schneegockels“, erwiderte Flusi vergnügt, „gewiß weiß ich das!“
Wenn die Kinder jetzt erwartet hatten, daß Flusi weiterreden würde, sahen
sie sich getäuscht. Er grinste nur und zwirbelte seinen prächtigen roten Bart.
„Aber wie ich dich kenne“, knurrte Flunki mit geballten Fäusten, „willst du
es mir nicht verraten, he?“
„Freilich.“
„Beim Eiszahn des Frostvampirs!“ schrie Flunki. „Dann rede doch endlich,
Kerl!“
„Kein   Grund   zur   Aufregung“,   antwortete   Flusi   grinsend.   „Der   schwarze
Doktor und seine Freunde sind mit unserem Pilzsammelkommando weg und
kehren erst gegen Abend zurück.“
„Dann machen wir es uns einstweilen gemütlich“, sagte Flunki. 
„Folgt dem Großen Flunkerer zu den Fleischtöpfen der Raufbolde. Sicher­
lich seid ihr hungrig.“

Der Clan der Raufbolde

Die Kinder warteten, bis Lonzo nach einer chemischen Analyse mit einem
fröhlichen „Haut rein!“ die Speisen für unbedenklich erklärte, dann machten
sie sich mit Heißhunger über Fleischbrühe, Salat und Obst her.
Die chemische Analyse war notwendig, obwohl niemand an der Gutartig­
keit der Raufbolde ernsthaft zweifelte. Die Möglichkeit konnte nicht ausge­
schlossen werden, daß die Speisen für menschliche Organismen ungeeignet
waren.
Im Grunde aßen die Kinder nun zum ersten Mal in ihrem Leben natürliche
Nahrung, denn alles, was sie von der Erde und vom Raumschiff her kannten,
war synthetisch – sogenanntes Synthofood –, wenn es auch in Aussehen und
Geschmack natürlicher Nahrung angeglichen war.
„Das müßte Karlie miterleben“, sagte Harpo und kaute mit vollem Mund
an   einer   eiförmigen,   grüngelben   Frucht,   die   saftig­süß   schmeckte.   „Der
würde   uns   nicht   länger   mit   seinen   blöden   Kartoffelpuffern   in   den   Ohren
liegen.“

31
Fantasia und Lori Lachten. Karlie Müllerchen war berühmt­berüchtigt für
seine vielen Kartoffelpuffer­Rezepte. Wenn er Küchendienst hatte, und das
kam oft vor, weil er sich regelrecht danach drängte, war es nicht schwer, den
Speisezettel zu erraten.
Flunki gab sich nicht damit zufrieden, seine Gäste beim Essen zu beobach­
ten, sondern langte selbst kräftig zu. Die Brühe schöpfte er aus einem riesigen
Metallkessel,   dessen   Inhalt   mindestens   drei   Dutzend   hungrige   Mäuler
gestopft hätte. Obst und Salate reichte er aus großen Schüsseln und Körben.
Wie es schien, waren die Raufbolde mit ungeheurem Appetit gesegnet. Na,
kein Wunder,   wenn  sie  sich  so   schnell   bewegten   und   zusätzliche   Kalorien
beim Fluchen verbrauchten.
„Ich  will  mal  nicht  so  sein“,  meinte  Flunki  augenzwinkernd.  „Normaler­
weise   schalten   wir   nämlich   beim   Essen   unser   Beschleunigerfeld   auf   die
höchste Stufe, damit  wir richtig reinschaufeln  können. Würde  ich  das tun,
hättet ihr keine Chance gegen mich.“
Sein mächtiger Schnauzbart  hatte beim Schlürfen der Brühe bis  auf den
Boden   der Kumme  gehangen  und   tropfte jetzt   wie   ein  Pinsel,  den  man  in
Farbe getaucht hatte.
Lori kicherte leise in sich hinein und stieß mit dem Fuß Fantasia an.
„Schneebeutel   und   Eishörnchen!“   fluchte   der   Große   Flunkerer.   „Mir
scheint, das Schneeflöckchen Lotharine macht sich über mich lustig!“
„Nein, nein“,  beruhigte  ihn  Harpo hastig. „Sie  ist immer so albern  beim
Essen.“
„Na, ausnahmsweise will ich das mal glauben“, sagte Flunki schmunzelnd.
Dann versuchte er Lori einen strengen Blick zuzuwerfen, der ihm so gründ­
lich mißlang, daß die Kleine mit einem glockenhellen Lachen herausplatzte.
Das   war   so   ansteckend,   daß   alle   mitlachen   mußten,   selbst   Flunki.   Dabei
traten ihm vor Freude sogar die Tränen in die Augen.
Allein Lonzo schaute beim Essen zu, ohne etwas anzurühren. Ihm machte
das  aber  wenig  aus. Als  Roboter   kannte  er  Gefühle  wie  Hunger  und   Durst
nicht, wenn er auch manchmal wie ein Mensch redete und es weit von sich
wies, eine Maschine zu sein. Allerdings freute er sich zuzusehen, wie es sei­
nen Freunden schmeckte. Er beanstandete nur, daß Essen für Captain Kidd
stets eine wichtige und ernste Sache gewesen sei, die mit Albernheiten nicht
vereinbar   war,   und   deshalb  die  Sache   mit   dem   Klabauter­Orden   vielleicht
doch noch einmal überlegt werden müsse.
Ansonsten registrierte er in seinem fotografischen Gedächtnis, daß sie hier
in einer kleinen Grotte saßen, die man wohl als Küche bezeichnen mußte. Ein
niedriger, derber  Holztisch  trug das Eßgeschirr,  das nur aus  Kummen und
kleinen Messern bestand. Man hatte es sich auf dem weichen Boden bequem
gemacht   und   die  warmen   Anzüge  abgelegt.   Falls   die   Raufbolde   Stühle   ge­
kannt hätten, wären sie ohnehin zu klein für Menschen gewesen.
Abgesehen von dem Tisch und den vielen Töpfen und Körben gab es nur
noch ein paar Regale mit allerlei Vorräten und in einer Ecke stand eine glü­
hendrote Platte, auf der der Suppentopf gestanden hatte.

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Das   war   wieder   einmal   erstaunlich.   Obwohl   die   Raufbolde   rustikal   ein­
gerichtet   und   angezogen   waren   und   in   Felsenhöhlen   wohnten,   hatten   sie
andererseits doch einige Dinge, die nur mit einer hochtechnisierten Zivilisa­
tion zu erklären waren, etwa Heizplatten, Taschenlampen oder die Gürtel mit
dem Beschleuniger. Nicht zu vergessen die Beleuchtung, die auch hier aus
dem Fußboden drang. Eigenartig nur, daß man die leuchtenden Fläche sah
und auch dunklere und hellere Flecken und Stränge ausmachen konnte, aber
weiter im Boden nichts zu erkennen war.
„Erzähl   uns   doch   bitte   was   über   die   Raufbolde,   Flunki“,   platzte   Harpo
schließlich heraus, als alle satt waren.
„O ja, bitte!“ fielen auch Fantasia und Lori ein.
Für einen Moment redeten alle durcheinander, aber schließlich setzte sich
Harpo durch.
„Wie   viele   Raufbolde   gibt   es   eigentlich   auf   eurem   Planeten?“   wollte   er
wissen.
„Nicht mehr sehr viele“, antwortete Flunki. „In diesem Clan leben knapp
hundert von uns. Die ganze Ostgruppe besteht aus siebenundvierzig solcher
Clans. Und dann gibt es noch eine Westgruppe und eine Nordgruppe mit zu­
sammen noch einmal einhundertelf Clans. Alles in allem besteht unser Volk
aus   höchstens   zwanzigtausend   Raufbolden,   Kinder   und   Greise   mitgerech­
net.“
„Oh“, machte   Harpo.   Das  war   wirklich   nicht   sehr   viel.   Besonders,   wenn
man   bedachte,  wie   groß   der   Planet   Nordpol   war.   Auf  der   Erde   lebten  fast
zehn Milliarden Menschen!
„Früher waren wir mehr“, erklärte Flunki. „Damals war es aber auf dieser
Riesenmurmel  noch nicht  so hundekalt. War leichter, etwas zu Futtern für
uns und die Partner zu finden.“
„Woher habt  ihr die Beschleuniger­Gürtel?“ fragte Fantasia, bevor Harpo
weiterfragen konnte. Er hätte gern gewußt, wen der Raufbold gemeint hatte,
als er von Partnern sprach.
„Ha!“   explodierte   Flunki.   „Bei   den   sieben   Rotpelzen,   die   ich   mit   einem
Holzschwert   erledigte!   Ich   möchte   jedes   Haar   meines   prachtvollen   Bartes
einzeln darauf wetten,  daß du uns  nicht zutraust, daß wir genügend Grips
haben, so etwas selbst zu bauen! Du hältst uns für finstere Höhlenaffen, die
nichts können, als Schneebeeren und Frostpilze sammeln, he?“
„Aber nein, ich wollte nur ...“ protestierte Fantasia, die nicht recht wußte,
ob Flunki nun in der Tat beleidigt war oder wieder einmal den starken Mann
spielte. Und sie fühlte sich wirklich ein wenig schuldbewußt, denn sie hatte
tatsächlich daran gedacht, daß vielleicht eine andere Rasse den Raufbolden
ein paar technische Instrumente überlassen hatte.
„Schneematsch   und   Eisklumpen!“   redete   sich   der   Gnom   in   Rage.   „Wie
macht man diesen Rotznasen nur klar, daß wir Raufbolde schon Raumschiffe
besaßen, als die Menschen noch auf  den Bäumen hockten und ihre Läuse
zählten?“

33
Er   raufte   sich   theatralisch   die   Barthaare   und   fummelte   dann   an   seinen
Zöpfen.   Schließlich   warf   er   seinen   Helm   mit   den   kleinen   Metallflügeln   zu
Boden und tat so, als würde er darauf herumtrampeln. Aber er achtete ge­
schickt darauf, daß er nichts an seiner Kopfbedeckung beschädigte. Flunki
zeigte   die   Zähne,   machte   wieder   mal:   „Grrrr!“,   und   dabei   funkelten   seine
Augen vor diebischer Freude. Mit diesen Leuten von der Erde konnte man
sich so herrlich aufregen.
Schließlich hielt er erschöpft inne, holte tief Atem und erzählte, daß es in
grauer   Vorzeit   auf   dem   Planeten   Nordpol   einen   Streit   gegeben   hatte   zwi­
schen Raufbolden, die immer weiter in den Kosmos hinausstürmen wollten,
und   solchen,   die   lieber   erst   einmal   auf   dem   Planeten   alles   in   Ordnung
bringen wollten, bevor man sich auf Abenteuer einließ.
Tatsächlich hatte sich dann eine Gruppe von Raufbolden von ihren Part­
nern getrennt und war ins All gestartet. Man hatte nie wieder etwas von ih­
nen gehört. Die Zurückgebliebenen wurden nachdenklich. Man fragte sich,
ob es Sinn hatte, immer weitere Reichtümer auf Kosten anderer anzuhäufen,
sich gegenseitig  zu beneiden und zu bekämpfen. Man fand  einen anderen
Weg: mit den Partnern und in der Geborgenheit des Clans, in dem niemand
Not leiden mußte und jeder seinen Spaß hatte.
„Caramba!“ schimpfte Lonzo. „Dieser bärtige Knirps kann es einfach nicht
lassen, uns ehrliche Seeleute zu verschaukeln. Er will uns einfach nicht sagen,
wer denn diese geheimnisvollen Partner, von denen er dauernd redet, über­
haupt sind!“
Plötzlich  tauchte  ein vor  Anstrengung  keuchender  Jungraufbold am Ein­
gang der Küchenhöhle auf. Seine großen, dunklen Augen blitzten freudig in
dem schwarzhäutigen Gesicht. Nanu, ein schwarzer Raufbold?
„Harpo! Lori, Lonzo, Fantasia!“ rief er. „Die R­r­r­raufbolde haben m­mir
gesagt, daß eine zweite E­expedition eingetroffen ist.“
„Mensch,   Brim!“   schrien   die   anderen.   Sie   hatten   ihren   Freund   von   der
EUKALYPTUS   in   seinem   neuen   Raufboldanzug   nicht   erkannt.   „Wir   haben
uns die größten Sorgen gemacht, als der Funkkontakt abriß.“
„D­das war wegen ...“
„Wissen wir schon alles“, unterbrach ihn Fantasia. „Erzähl doch mal, wie es
euch ergangen ist.“
Jetzt kamen auch Tom Schlitz, Micel Fopp und Fidel Flottbek angerannt.
Die Sonne Archimedes hatte sie braun gebrannt, und auch sie sahen in den
fremdartigen Kleidern abenteuerlich und verwegen aus. „Hat Borro uns ge­
schenkt“,   verkündete   Brim   Boriam   stolz   und   deutete   auf   seine   Stiefel.
„Mächtig dankbar, der Bursche!“
„Ich habe euch schon von draußen gespürt“, sprudelte Micel hervor, der
Junge mit den verkümmerten Ärmchen. Er verfügte über telepathische Kräf­
te, das heißt, er konnte gelegentlich die Gedanken anderer Leute empfangen.
„Denkt   nur,   ich   habe   mich   telepathisch   mit   Borro   unterhalten.   Einfach
Klasse, kann ich da nur sagen!“

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„He, das wird aber eng hier“, knurrte Flunki. „Laßt uns in eine der Schwatz­
höhlen rübergehen.“
Er setzte seinen Gedanken direkt in die Tat um und führte seine Gäste in
eine große Nachbarhöhle, in der alle genügend Platz hatten. Sie ließen sich
auf weichen Fällen am Boden nieder.
„Wo wart ihr denn die ganze Zeit?“ fragte Lori gespannt.
„Wir haben den Raufbolden bei der Schneepilz­Ernte geholfen“, verkünde­
te Tom stolz, dessen krankhafte Blässe fast ganz verschwunden war. „Stellt
euch mal vor: Ich allein habe mehr als vier Tonnen geerntet. Da wird Borro
anständig über den Winter kommen!“
„Verflixt und zugenäht!“ explodierte Harpo. „Langsam reicht es mir aber.
Dauernd   wird   hier   von  Partnern   und   diesem  Borro   geredet,   und   niemand
hält es für nötig, uns diese mysteriösen Burschen einmal vorzustellen!“
„Jawoll!“  krähte   Lonzo. „Selbst   Captain  Kidd  würde  niemanden   so lange
auf die Folter gespannt haben!“
Micel blickte seinem Freund in die Augen, sah in Wahrheit aber viel tiefer,
nämlich   in Harpos   Gehirn.  „He!“  rief  er  aus.  „Die   wissen  tatsächlich   noch
nicht, wer Borro ist!“
„Juchhu!“ lärmte Tom. „Dann steht euch die dickste aller dicken Überra­
schungen ja noch bevor!“
„Hahaha“, lachte Brim. „Das zieht ja den stärksten Eskimo vom Schlitten.
Hört mal, Leute, könnt ihr euch vorstellen, daß man Borro übersieht?“
Die   Neuankömmlinge   schienen   die   Sache   unheimlich   lustig   zu   finden,
denn sie konnten sich kaum beruhigen vor lauter Lachen.
„Allmächtiger Schüttelfrost!“ jubelte Flunki, dessen mächtiges Organ alles
übertönte. „Ist das ein Spaß! Das muß ich nachher sofort den anderen erzäh­
len. Und vor allen Dingen natürlich Borro.“
„Wo ist er denn, euer Borro?“ rief Harpo und sah sich um. „Holt ihn doch
endlich her, damit wir ihn sehen können.“ Aus unerfindlichen Gründen rief
auch diese Äußerung eine Lachsalve hervor.
„Großvater des Frostfiebers!“ kreischte Flunki in höchstem Entzücken und
mit  Tränen in den Augen. „Ich kann nicht mehr. Diese Erdenwürmer  sind
aber auch wirklich zu spaßig.“
Wider Erwarten hatte Brim Boriam dann doch ein Einsehen. „Hört zu“, sag­
te er mit Verschwörermiene, „ihr werdet gleich mit uns lachen und einsehen,
wie komisch das alles ist. Borro ist ein Schneekrabbler und zugleich Partner
der Raufbolde. Sie leben mit ihm zusammen – genaugenomen sogar mehr als
das! Sie  leben  in ihm. Versteht  ihr  jetzt?  Borro ist eine intelligente  Riesen­
schildkröte, die sich ganz gemächlich über den Planeten bewegt. Die Rauf­
bolde leben in seinem  Rückenschild,  den  wir  anfangs alle  für einen Hügel
gehalten haben!“
Er klopfte auf den weichen Höhlenboden. „Dies ist Borro“, verkündete er.
„Die   Wände,   das   ganze   System   der   Höhlen   und   Gänge,   der   ganze   sechs­
hundert Meter hohe Hügel – das alles ist Borro!“

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„Potztausend!“ rief Lonzo begeistert. „Wenn das Captain Kidd noch erlebt
hätte!“
Harpo,   Fantasia   und   Lori   hatten   ihren   Ohren   nicht   trauen   wollen.   Aber
jetzt verstanden sie alles. Da hatten sie ja wahrhaftig vor lauter Bäumen den
Wald nicht gesehen. Natürlich, das erklärte alles: Der Eingang in den „Berg“
war nichts anderes gewesen als ein Muskel dieses riesigen Wesens und konn­
te auch deshalb wieder verschwinden, weil er sich zusammenzog und die Öff­
nung verschloß. Das erklärte auch die Weichheit des Untergrundes, auf dem
sie  gelaufen  waren.   Sie hatten  sich  auf  der  Haut  des  Schneekrabblers   vor­
wärtsbewegt.
Jetzt   lachten   alle   und   riefen   fröhlich   durcheinander.   Es   war   in   der   Tat
phantastisch. Sie hielten sich im Schutzpanzer eines lebendigen Wesens des
Planeten Nordpol auf. Thunderclap und die anderen Freunde auf der EUKA­
LYPTUS würden Augen wie Mühlräder machen, wenn sie davon hörten.
„Erzählt uns mehr über die Schneekrabbler“, forderte Fantasia ungeduldig.

Ein komisches Erdbeben

„Es steigt die große Besichtigung des Schneekrabblers Borro!“ rief Flunki.
„Was Beine hat, folge mir!“
„Klar“, meinte Brim. „Es ist viel beeindruckender, alles selbst anzusehen,
als sich von den anderen was erzählen zu lassen. Wir kommen auch mit. Wir
haben uns noch lange nicht sattgesehen.“
Lärmend setzte sich die Schar in Bewegung. „Nehmt die Kratzer mit“, riet
Flunki und zeigte auf eine Reihe von schrubberähnlichen Instrumenten, die
an der Wand befestigt waren. „Die können wir wahrscheinlich gut gebrau­
chen.“
Die Kinder ließen sich das nicht zweimal sagen und ergriffen die Geräte. Sie
durchquerten eine Reihe von Wohnhöhlen. Das Lachen, Grüßen und Fluchen
wollte überhaupt nicht abreißen, denn in den meisten Räumen hielten sich
andere Raufbolde auf. Da einige beim Essen waren, auf der faulen Haut lagen
oder in fröhlicher Runde den Becher mit Schnapshonig kreisen ließen, fragte
Harpo  seinen   Freund   Brim   verstohlen,   ob  hier   denn   nirgendwo   gearbeitet
würde. Überhaupt hatten sie bisher noch nicht einen Raum bemerkt, in dem
es wie in einer Werkstatt, einer Wäscherei oder einer Fabrikationsstätte aus­
sah.   Und   doch   mußten   die   Kleider   und   Einrichtungsgegenstände   dieser
Wessen irgendwo entstehen, gereinigt, geflickt und gewaschen werden.
„Wie das vor sich geht, weiß ich auch noch nicht“, gab Brim zu. „Aber glaub
ja nicht, daß die Raufbolde faul sind. Während sich der Schneekrabbler so
langsam fortbewegt, daß es ein menschliches Auge kaum wahrnehmen kann,
schwärmen sie mit automatischen Schlitten aus und sammeln Nahrung oder
pflanzen neue an. Du glaubst ja gar nicht, was alles unter der Schneedecke

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wächst! Der Planet ist überhaupt nicht so tot, wie er aussieht. Pausenlos wird
Nahrung eingefahren und gelagert. Riesige Mengen! Wirklich, du wirst dich
wundern. Unterwegs haben wir auch Raufbolde aus anderen Clans getroffen,
denn die Schneekrabbler bewegen sich ja in einer Gruppe über das Land.“
„Flunki   hat   erzählt,   daß   die   Ostgruppe   aus   insgesamt   siebenundvierzig
Clans besteht. Gibt denn das Land so viel Nahrung her?“
„Flunki?“   fragte   der   Raufbold,   der   alles   verstanden   hatte,   obwohl   die
beiden   Jungen   leise   gesprochen   hatten   und   außerdem   genügend   Lärm
herrschte, der nicht zuletzt durch sein eigenes lautstarkes  Organ hervorge­
rufen wurde. „Wer sagt etwas über den Großen Flunkerer, he? Heraus damit!“
„Wir unterhielten uns gerade über die riesigen Nahrungsvorräte“, erklärte
Brim Boriam bereitwillig. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß hundert noch
so hungrige Raufbolde derartige Mengen verdrücken können.“
„Na, die Futtermengen sind doch für Borro“, erklärte Flunki stirnrunzelnd
und mit gesträubtem Bart. „Und wieso frißt er sie nicht gleich?“ fragte Lori
naseweis.
„Eisregen   und   Frostnebel!“   knurrte   Flunki.   „Weil   er   schläft,   natürlich!
Deshalb frißt er sie nicht, Schneeflöckchen.“
„He“, rief Tom ungläubig, „das stimmt doch gar nicht. Ich habe mit meinen
eigenen  Augen  gesehen,  wie   Borro  sich   weiterbewegt   hat. Er   schläft   nicht.
Der marschiert munter weiter. Na, munter für seine Verhältnisse jedenfalls.“
„Grrrrr“, machte Flunki, ergriff dann mit beiden  Händchen  seinen Helm
und versuchte ihn sich über die Ohren zu ziehen. „Der Eisverkäufer soll mich
im Packeis einfrieren, wenn Borro nicht schläft. – Und munter nennst du sein
Schleichen? He, du müßtest mal sehen, wie er abzischt, wenn der Sommer
kommt! Dann machen wir die großen Schneekrabbler­Rennen, an denen sich
alle Clans beteiligen. Borro hat in den letzten tausend Jahren fast ein Viertel
aller Wettrennen gewonnen. Wenn er im Sommer erwacht, jagt er schneller
als ein galoppierender Quadrubbel durch die Gegend. Ganz zu schweigen da­
von, wenn er sich ins Gletschertal hinabschlittern läßt! Könnt ihr euch das
überhaupt vorstellen, wenn diese wandelnden Berge wie Bobschlitten in die
Tiefe trudeln und dann zusammenstoßen? Das macht vielleicht Spaß! Junge­
junge!“
„Halt!“ rief Fantasia nun. „Hast du nicht eben gesagt, Borro sei tausend Jah­
re alt?“
„Habe ich nicht“, meinte Flunki und streckte ihr die Zunge heraus. „Er ist
nämlich   zweitausend   Jahre   alt“,   fügte   er   grinsend   hinzu.   „Schneekrabbler
vermehren sich selten, dafür werden sie aber auch steinalt.“
„Und ihr?“ fragte Micel. „Werdet ihr auch so alt?“ Noch bevor Flunki die
Antwort aussprach, hatte Micel sie bereits im Gehirn des Raufbolds gelesen.
„Nein, nein, beim eisigen Bart meiner Urgroßmutter“, versicherte Flunki
abwehrend. „Wir werden auch nicht viel älter als ihr Menschen. Aber hört zu,
ich will euch erklären, warum Borro schläft und trotzdem weiterkrabbelt –
und weshalb Raufbolde und Schneekrabbler so famos miteinander auskom­
men.“

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Die  Besucher  von  der  EUKALYPTUS   spitzten  die  Ohren, während   Lonzo
wie üblich alles in seinem Gedächtnis speicherte.
„Dieser   Planet,   den   ihr   Wichte   Nordpol   nennt   –   unser   Name   für   ihn   ist
Raufboldparadies –, ist groß. Und es gibt  auf ihm nur wenige Schneekrab­
bler.“
Flunki   zwirbelte   seinen   Bart.   „Aber   sie   würden   bald   alles   kahlgefressen
haben und müßten aussterben, wenn die Natur im Laufe der Evolution nicht
einen Schutzmechanismus entwickelt hätte. – Das geht so: Die Krabbler sind
nur zehn Tage im Jahr putzmunter. Dann machen sie das große Rennen, von
dem ich eben erzählt habe, und legen eine größere Strecke zurück als in den
anderen  350  zusammen.  Außerdem  futtern  sie in diesen  Tagen fast  unun­
terbrochen. Sie fressen derart viel, weil es für das ganze Jahr reichen muß.
Allein können sie gar nicht genügend Futter aufspüren in der kurzen Zeit.“
„Deshalb   also   helfen   ihnen   die   Raufbolde“,   unterbrach   ihn   Lori   mit
erhobenem Zeigefinger.
„Genau, Schneeflöckchen“, gab Flunki lachend zu. „Wir sammeln die ganze
Zeit über Futter und stopfen es in die Hohlräume unter Borros Panzer. Wenn
er wach wird, schlingt er alles hinunter. Und noch einiges mehr, was er sich
dann selbst sucht.“
„Dafür ist er euch sicherlich sehr dankbar.“
„Stimmt.  Er  gibt uns das ganze Jahr über  behaglichen Unterschlupf und
Wärme, was am wichtigsten für uns Raufbolde ist, denn wir sind sehr kälte­
empfindlich.   Deswegen   auch   unsere   Beschleunigerfelder,   die  wir   meistens
draußen einschalten, um schneller wieder zu Borro zurückkehren zu können.
Früher   war  es  auch   wichtig,  daß  Borro  uns  vor  unseren   Feinden  schützte.
Aber das ist noch nicht alles.“
„Nein?“ fragte Lori.
„Borro kann noch viel mehr, denn er ist kein gewöhnliches Tier, sondern
ein hochintelligentes Wesen. Während sein Körper den größten Teil des Jah­
res Winterschlaf hält, also gewissermaßen auf Sparflamme schaltet und dabei
doch langsam weiterkrabbelt, damit die Gelenke nicht einrosten, wacht sein
Gehirn! Er unterhält sich mit uns auf ähnliche Art wie euer Freund Micel, der
gelegentlich  eure Gedanken lesen kann. Wir haben dann nicht  nur  großen
Spaß miteinander, sondern Borro kann uns auch fast jeden Wunsch erfüllen.
Deshalb   hat   Harpo   auch   nirgendwo   Fabriken   und   Werkstätten   entdecken
können.   Borro   selbst   ist   nämlich   unsere   Fabrik!   Er   entnimmt   dem   Boden
Mineralien,  wandelt   sie  in flüssiges  Metall,  Glas  oder  was  auch  immer  wir
brauchen   um   –   und   verwertet   gleichzeitig   die   unverdauten   Reste   der
verzehrten   Pflanzen.  Wir   machen   dann   die   Konstruktionsentwürfe:   für   ein
Wams  oder einen Helm beispielsweise – und Borro spuckt die fertigen Sa­
chen aus.“
„Klasse!“ sagte Brim bewundernd.
„Phantastisch!“ mußte auch Harpo anerkennen.
„Das ist ... intergalaktisch!“ rief Lonzo jubelnd und wirbelte seine Tentakel
umher.   „Das   hätte   Captain   Kidd   wissen   müssen,   als   wir   damals   vor   Kap

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Hoorn gekentert sind. Zwei Jahre hat es gedauert, bis wir wieder  eine see­
tüchtige Schaluppe unter die Füße bekamen.“
„Die Schneekrabbler haben sogar die Raumschiffe gebaut, mit denen die
andere Hälfte unseres Volkes zu den Sternen flog“, verriet Flunki augenzwin­
kernd. „Allerdings hat er dafür schon eine Menge Zeit gebraucht.“
„Donnerwetter“,   staunte   Fantasia.   „Dann   sind   Borros   Leute   ja   wohl   die
größten   Ingenieure   der   Galaxis.   Oder   sagen   wir   mal,   Schneekrabbler   und
Raufbolde zusammen.“
„Das möchtste wohl auch mal können, wie?“ neckte Tom sie. Es hatte sich
herumgesprochen, daß das rothaarige Mädchen nichts lieber werden wollte
als ein einfallsreicher Raumschiffbauingenieur. „Fertige Raumschiffe ausspu­
cken und so?“
Harpo glaubte plötzlich auf einem Drahtseil zu laufen, das im Begriff war,
sich erst nach  links und dann nach   rechts  zu verschieben.  Erschreckt  ver­
suchte   er  die   Balance   zu   halten   und   erkannte,   daß   er   keine   Halluzination
hatte, sondern daß seine Freunde – einschließlich Flunki, dem der Helm bis
auf die Nasenspitze hinuntergerutscht  war – mit  demselben Phänomen  zu
kämpfen hatten.
Der Boden bebte! Erschreckte Ausrufe drangen von allen Seiten auf Harpo
ein, dann purzelten die Kinder hilflos durcheinander. Von draußen ertönte
ein   Krachen,   das   sich   wie   das   Donnern   eines   Gewitters   in   den   Bergen
anhörte.
„Die Engländer greifen Captain Kidd an!“ schrie Lonzo. „Alles in Deckung,
Leute! Es werden schwerste Geschütze eingesetzt. Na los! Geschützklappen
runter! Geben Sie dem unverschämten Kerl eine Breitseite, Mister Trumpff!“
„Was war denn das?“ fragte Fidel, der sich wie die anderen mit wirren Haa­
ren aufrappelte, als die Erschütterungen nachließen. „Ein Erdbeben?“
Ein Nachläufer riß ihnen erneut die Beine weg. Vorsichtshalber blieben sie
eine Minute sitzen und beobachteten kichernd Flunki, dem der Helm nun bis
ans Kinn gerutscht war.
„Potz   Galaxis!“   schrie   der   Raufbold.   „Wollt   ihr   mich   nicht   von   diesem
Blecheimer befreien? Ich sitze im Dunkeln!“
Lonzo war so frei.
„Uff!“ machte Flunki mit hochrotem Kopf. Obwohl die anderen nun alle
damit rechneten, daß er ein paar saftige Flüche ausstoßen würde, grinste er
nur breit und sagte: „Der Junge hat eben einen goldigen Humor. Wenn das
ein Erdbeben war, dann ein sehr komisches.“ Er schüttelte den Kopf, daß sei­
ne Zöpfe flogen. „Nein, Freunde, Borro hat gelacht. Richtig herzhaft gelacht.“
„Gelacht?“ echote Lori erstaunt.
„Wie, wo, was?“ fragte Harpo verdutzt.
Lonzo schnaufte: „Dann möchte ich nicht erleben, wenn er sich über etwas
ärgert!“
„Hat er etwa über uns gelacht?“ meinte Fantasia pikiert.
„He, he, he!“ lachte Flunki. „Ich nehme an, daß ihm ein Witz besonders gut
gefallen hat. Ihr werdet gleich sehen.“

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Tatsächlich   hörten   sie   aus   der   Ferne   ein   schallendes,   überschäumendes
Gelächter,   dieses   Mal   aber  aus  den  Kehlen   einiger   Raufbolde,   die   in  einer
Nebenhöhle saßen. Sie hatten flauschige Felle herangeschleppt, auf denen sie
gemütlich Schnapshonig tranken und dicke schwarze Zigarren rauchten. Das
Besondere an dieser Höhle war, daß hier das Bodengewebe viel heller aussah
und   dicke   Falten  warf.  Die   Decke   bestand   ebenfalls   aus   weichem   Gewebe
und nicht wie sonst aus  dem Knochenkalk des Panzers. Dicke  Stränge aus
fleischigem Material hingen tief in die Höhle hinein. Ob das Nervenstränge
waren?
„In solchen Kammern kann man sich  besonders   mühelos  mit  Borro un­
terhalten“, bestätigte Flunki. „Sie sind direkt mit seinem Gehirn verbunden.“
„Ihr kommt gerade recht“, sagte einer der Raufbolde und nebelte sich der­
art mit dem Qualm seiner Zigarre ein, daß man nur noch den bis zum Bauch
reichenden   rotblonden   Bart   erkennen   konnte.   „Wir   sind   gerade   dabei,
Flunki!“
„Dann legt mal los, Kollegen.“ Flunki rieb sich grinsend das Kinn.
Der   andere   Raufbold   sagte:   „Hör   zu,   Borro:   Da   kommt   eines   Tages   der
Raufbold Rastus in das schneebedeckte Waldland von Süd­Talizien, weil er
beschlossen hat, einige Klafter Holz zu hacken. Als er ankommt, sieht er eine
Menge anderer Raufbolde kräftig die Äxte schwingen. Kopfschüttelnd geht er
auf die anderen Holzfäller zu und fragt: ‚Wieso arbeitet ihr denn so langsam?‘
– Das regt die Befragten natürlich auf. Und das kann man verstehen, wenn
man weiß, daß sie den kleinen Rastus alle um einen ganzen Kopf überragen
und ihre Muskeln durch die wochenlange Hackerei mächtig stark geworden
sind. Geringschätzig sagt einer zu Rastus: ‚Sag mal, hast du Wicht überhaupt
schon   einmal   einen   Baum   gefällt,   daß   du   hier   so   große   Sprüche   klopfen
kannst?‘ Rastus verschränkt die Arme vor der Brust, sieht hochnäsig zu dem
Frager auf und erwidert: ‚Klar! Zweifelt etwa jemand an meiner Kraft?‘ Dar­
aufhin brechen die altgedienten Holzfäller in lautes Gelächter aus. ‚Wo soll
denn das gewesen sein, wo  du Bäume gefällt  hast?‘ fragt ein anderer. Und
Rastus   antwortet:  ‚In  der   Sandwüste   von  Pelombang   natürlich!‘   Daraufhin
schrien die anderen lachend: ‚In der Sandwüste von Pelombang? – Aber da
gibt’s doch nicht einen einzigen Baum!‘ – ‚Tja‘, erwidert der clevere Rastus,
‚jetzt natürlich nicht mehr!‘“
„Ho, ho, ho!“ lachten die Raufbolde und schlugen sich auf die Schenkel.
Die Kinder stimmten in das Lachen ein. Dann wurden sie alle wieder einmal
durcheinandergeworfen. Das war Borro.
„Kennst du den schon, Borro?“ fragte ein anderer Raufbold. „Da kam eines
Tages der Raufbold Rastus in eine Schenke ...“
„Nichts wie weg!“ rief Lonzo, bei dem sich im allgemeinen Durcheinander
zwei   Tentakel   verknotet   hatten.   Lachend   folgte   ihm   die   Meute.   Nur   die
Witzeerzähler blieben in der Höhle zurück und waren bald außer Hörweite.
„Da staunt ihr, was?“ sagte Flunki mit leuchtenden Augen. „Ein paar von
uns sitzen immer hier und heitern Borro auf, damit er nicht trübsinnig wird,
während sein Körper Winterschlaf hält. Er hat ja sonst kaum Abwechslung.

40
Als nächstes wird Borro dann den anderen Schneekrabblern die Witze telepa­
thisch weitergeben.“
„Na, so was!“ meinte Harpo. Die anderen prusteten immer noch.
„Wenn ihr gute Witze kennt, müßt ihr sie mir unbedingt erzählen“, meinte
Flunki,   „weil   mein   Repertoire   neuen   Stoff   dringend   nötig   hat   –   aber   jetzt
werden wir Borro einen anderen Gefallen tun, um den er mich gebeten hat.“
Er  musterte  mit   Scharfblick   die  Wände. „Hier  muß  es  sein.“  Er  wies  auf
besonders auffälliges, hellrot leuchtendes Gewebe. „Den Guten juckt es näm­
lich hier. Er braucht ein paar Leute, die ihn kratzen.“
„Klar, machen wir!“ rief Tom begeistert. „Ran an die Schrubber und auf ins
Gefecht!“
Jubelnd stimmten die anderen mit ein und begannen damit, die Haut der
Riesenschildkröte mit ihren mitgebrachten Werkzeugen zu bearbeiten.
Lonzo, dessen  Tentakel   inzwischen  wieder   entknotet  waren, stürzte hin­
terher.   „Weiter   so,   Matrosen!“   rief   er.   „Scheuert   das   Deck.   Die   Schaluppe
muß blitzen!“

Schlittenfahrt

Es war unmöglich, in der kurzen Zeit jede Besonderheit im Labyrinth des
Schneekrabbler­Panzers   zu   besichtigen,   denn   schließlich   war   er   nicht   nur
sechshundert   Meter   hoch   und   an   der   längsten   Stelle   fast   einen   Kilometer
lang, sondern auch etwa hundert Meter dick.
Flunki zeigte ihnen das Wichtigste. Da gab es nicht nur den einen Einstieg,
durch den sie selbst in den Panzer gelangt waren, sondern mindestens ein
Dutzend solcher Öffnungen, meistens mit einem Muskel unter Borros Panzer
kontrollierbar.
Das Erstaunlichste war jedoch jener Teil des Panzers, der die runde Kuppel
bildete. Hier wurden die Nahrungsvorräte gelagert. Die engen Höhlen und
Gänge, die man bisher kennengelernt hatte, fehlten hier. An ihrer Stelle sahen
die  Besucher   richtige   große  Hallen,  in  denen   sich   menschengroße   Riesen­
pilze,   Heu,   Früchte   unbekannter   Art,   zahllose   ebenfalls   unbekannte   Ge­
müsesorten   und   ein   schilfartiges   Gewächs   türmten,   das,   so   äußerte   sich
Flunki, besonders gut unter der Schneedecke gedieh.
Selbst für die Raufbolde mit ihren Beschleunigern wurde es schwierig, sich
in   diesen   Vorratsräumen   zu   bewegen.   Aus   diesem   Grund   hatten   sie   quer
durch die Hallen eine Seilbahn gebaut. Von einer Gondel aus bestaunten die
Kinder die Nahrungsvorräte.
„Ein großes Problem stellen die zahlreichen Insekten dar“, erklärte Flunki.
„Ihr wißt schon: Stechmücken, Fliegen, Kakerlaken, Wanzen, Läuse und jede
Menge dieser elenden Käfer. Die sind nicht nur lästig und quälen uns, son­
dern legen es auch darauf an, unsere Vorräte aufzuessen und Borro zu piesa­

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cken. Da es hier ziemlich warm ist und unzählige dunkle Winkel und Ritze
nur   so   zum   Verkriechen   einladen,   sind   dauernd   einige   von   uns   damit
beschäftigt,   die   Störenfriede   zu   bekämpfen.   Auch   dafür   ist   die   Seilbahn
wichtig, denn mit ihr erreichen wir Bezirke, die sonst nur schwer zugänglich
sind.“
„Hat Brim euch gegen diese Insekten geholfen?“ fragte Lori gespannt.
„Ja“, erwiderte Flunki nickend. „Das hatte auch etwas mit Insekten zu tun.
Stellt euch vor, eine Mückenart hat eine große Stelle des Schneekrabblers in
derartig großen Schwärmen überfallen und ihm Blut ausgesaugt, daß sich die
Stelle entzündete. Wir wußten keinen Rat. Die Entzündung ging einfach nicht
zurück, sondern fraß sich immer tiefer in Borros Körper.“
„Ich habe Borro ein entzündungshemmendes Präparat  gegeben“, meinte
Brim Boriam bescheiden. Er hatte sich dank der Hypnoschulung der Galak­
tischen   Mediziner   wirklich   zu   einem   erstklassigen   Arzt   gemausert.   Das
fanden alle. „Am gefährlichsten war  allerdings  eine Pilzwucherung, die  ich
mit Miconazolnitrat in den Griff bekam“, fügte er hinzu. „Ich benötigte meh­
rere Tonnen von dem Zeug. Nur gut, daß die Arzneimaschine des Bootes auf
Nordpol   genügend   Grundmaterial   fand,   um   den   Stoff   schnell   zu   synthe­
tisieren.“
„Was er für Ausdrücke kennt!“ himmelte Lori „Doktor Boriam“ an.
„Borro   bietet   euch   allen   von   der   EUKALYPTUS   für   diese   rasche   Hilfe
Wohnrecht auf Lebenszeit in seinem Panzer an“, informierte sie Flunki.
„Das ist wirklich riesig nett“, antwortete Brim. „Aber im Augenblick wissen
wir   wirklich   noch   nicht,   ob   wir   auf   diesem   Planeten   bleiben   wollen.
Allerdings ist es schön, zu w­wissen, daß man irgendwo ein Zuhause hat.“
Er hatte recht. Sie wußten wirklich noch nicht, wie alles weitergehen sollte.
Harpo allerdings wußte, daß es viele Kinder an Bord des ehemaligen Sanato­
riumsschiffes   gab,   die   um   jeden   Preis   so   schnell   wie   möglich   wieder   auf
einem   echten   Planeten   leben   wollten   –   selbst   wenn   er   größtenteils   mit
Schnee und Eis bedeckt war. Andererseits war ein nicht unbeträchtlicher Teil
der Mannschaft, darunter Thunderclap Genius, Karlie Müllerchen, der kleine
Ollie und auch er dafür, weiter durch das All zu fliegen, die Wunder des Kos­
mos zu sehen und fremde Planeten zu erforschen.
Es   würde   eine   schwierige   Entscheidung   werden.   Daß   die   Raufbolde   ihr
Angebot ernst meinten, bezweifelte niemand. Aber würde es auf die Dauer
Spaß machen, mit einem Schneekrabbler durch unbekannte Länder zu zie­
hen, wenn man die Chance hatte, den Weltraum zu durchqueren? Anfangs si­
cherlich,   aber   nach   einigen   Jahren   ...  Zudem   war   das   einzige   Eis,   auf   das
Harpo wild war, Schokoladeneis ...
„Mensch, Brim!“ rief Harpo plötzlich. „Wir haben uns schon eine Ewigkeit
nicht mehr mit Thunderclap verständigt. Am Ende glauben die, daß uns was
zugestoßen ist!“
„Verdammt“, erwiderte Brim nachdenklich. „Wir müssen unbedingt zu den
Beibooten zurück. Ihr könnt ja solange hierbleiben. Wir kommen wieder.“
„Ja, so ist es am besten“, stimmten die anderen zu.

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Flunki stieß einen schrillen Pfiff aus, worauf ein anderer Raufbold mit einer
zweiten Gondel erschien und Brim, Fidel, Tom und Micel zu einem Ausgang
in der Nähe der Beiboote brachte. Die anderen Kinder blieben zurück.
„Habt   ihr   eigentlich   keinen   König   oder   so   was?“   fragte   Lori   und   zupfte
dabei an Flunkis Ärmel.
„König?“ fragte Flunki zurück. Sein ganzes Gesicht drückte Erstaunen aus.
„Nie gehört, das Wort.“
„Na, einen Häuptling, Fürsten, Präsidenten oder Diktator. Einen, der alles
bestimmt.“
„So etwas gibt es bei uns nicht“, wehrte der Gnom entrüstet ab. „Jeder tut
bei uns, was er für richtig hält, was ihm Spaß macht. Wäre ja noch schöner,
wenn uns jemand vorschriebe, etwas zu tun, was uns keinen Spaß macht.“
„Und doch funktioniert alles?“ fragte Harpo. „Alle arbeiten?“
„Klar doch“, erwiderte der Raufbold. „Arbeit macht schließlich Spaß, wenn
man genau  weiß,  daß sie nützt.  Und außerdem  haben  wir soviel  Zeit, daß
Arbeit immer eine willkommene Abwechslung ist.“
Die Kinder mußten zugeben, daß Flunki eigentlich recht hatte. Seitdem sie
auf der EUKALYPTUS selbständig waren und sahen, wie etwas unter ihren
Händen entstand, waren sie viel fleißiger.
„Wos“, knurrte Flunki, „holtöt öhr von oinör kloinön Sprötztour möt döm
Schlöttön?“
Harpo schlug mit der Faust auf den Translator an seinem Armgelenk.
„Das Ding scheint einen Rappel zu haben“, sagte Fantasia lachend.
„Oinön Rappöl?“ fragte Flunki.
Harpo   schlug   wieder   gegen   das   Gerät,   und   im   gleichen   Moment   keifte
Flunki:   „Der   Eierdieb   soll   mich   rauben,   wenn   das   Schneeflöckchen   nicht
eben über mich gelacht hat!“
„Na also, es funktioniert wieder“, sagte Harpo befriedigt. Er erklärte Flunki,
daß der Übersetzungsapparat soeben aus seinen Worten etwas Lustiges fabri­
ziert hatte.
„Schade“, knurrte Flunki, „ich hätte gerne mitgelacht.“
Flunki wiederholte sein Angebot, eine Schlittenfahrt zu machen, und alle
stimmten begeistert zu. Der Raufbold steuerte die Seilgondel zu ihrem Aus­
gangspunkt zurück und noch ein ganzes Stück darüber hinaus. „Aussteigen!“
rief er dann. „Wir sind da!“
Vor den staunenden Augen der Besucher lag eine Höhle, in der mindestens
zwanzig Fahrzeuge einsatzbereit dastanden. Im Vergleich zu den Raufbolden
waren   es  riesige   Dinger,   etwa   zehn   Meter   lang.   Ihre   Aufgabe   bestand,  wie
Flunki  erklärte, darin, möglichst  schnell  viele Pflanzen  zu ernten und  zum
Schneekrabbler   zurückzubringen.   Am   vorderen   Teil   der   Fahrzeuge   waren
Messerköpfe   und   Greifarme   angebracht,   die   von   innen   gesteuert   werden
konnten. 
„Wir brauchen sie jetzt nicht“, sagte der Raufbold und ließ sie per Knopf­
druck   verschwinden,   als   alle   unter   der   durchsichtigen   Glocke   der   Fahrer­

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kabine   angelangt   waren.   Geräuschlos   verschwanden   die   Werkzeuge   hinter
einer Verkleidung.
In Ruhe betrachteten die Kinder und Lonzo den Schlitten. Er war aus leich­
tem   Metall,   hatte   eine   Steuerkuppel   aus   glasähnlichem   Material,   eine
schnittige,   ovale  Form  und  ähnelte   einem  Motorboot.   Bei den  Raufbolden
hätten sie eine solche Maschine gar nicht vermutet. Die Kinder staunten, als
Flunki wie ein erfahrener Pilot den Düsenantrieb startete und den Schlitten
zischend auf seinen Kufen an die Wand von Borros Panzer herangleiten ließ.
Jetzt wurde verständlich, daß selbst Raumschiffe für die Raufbolde nichts
Ungewöhnliches waren, obwohl sie selbst keine besaßen.
Als der Schlitten die Wand erreichte, reagierte Borro sofort. Er öffnete ein
Tor, das groß genug war, um den Schlitten passieren zu lassen. Flunki startete
durch, und im Nu rasten sie Borros schneebedeckten Panzer hinab.
Harpo, Lori und Fantasia quetschten sich die Nasen an der Sichtscheibe
platt, während Lonzo erfreut blubberte. Kein Wunder, denn zum ersten Mal
seit vielen Stunden befanden sie sich wieder im Freien. Und zum ersten Mal
sahen  sie  bewußt  das Äußere des Schneekrabblers   als  das, was  es  war:  als
Panzer eines riesigen Intelligenzwesens.
Aber im Grunde konnte man auch jetzt nicht mehr entdecken als zuvor.
Borro   sah  von  außen   eben   tatsächlich   wie  ein   Hügel   aus,   der   zwar   merk­
würdig   gleichmäßig   geformt   inmitten   einer   Gruppe   ähnlicher   „Hügel“   lag,
ansonsten aber unter einer dichten Schneedecke jede vielleicht interessante
Einzelheit geschickt verbarg. Im Hintergrund waren die Beiboote der EUKA­
LYPTUS zu erkennen.
„Hat   Borro   eigentlich   Füße?“   wollte   Lori   wissen.   „Ich   meine   wie   eine
Schildkröte?“
„Das will ich meinen“, gab Flunki verschmitzt lächelnd zurück. „Wie sollte
er sich sonst bewegen? Und er hat sehr große Füße, das dürft ihr mir glauben,
Freunde. Seht mal genau hin. Dort drüben entstehen doch in regelmäßigen
Abständen so kleine Trichter im Schnee. Gesehen?“
„Gesehen!“ schrien die Kinder.
„Dort   sind   seine   Füße“,  fuhr   der   Raufbold   fort.  „Beim   Vorwärtsbewegen
stürzt immer etwas lockerer Schnee nach. Und jetzt schaut mal nach hinten.
Glaubt ihr jetzt, daß Borro sich bewegt?“
Flunki hatte recht. Ganz deutlich sah man hinter den Schneekrabblern tiefe
Furchen in der weißen Landschaft, die genau der Hügelbreite entsprachen.
Aber man mußte vorher wissen, auf was man zu achten hatte, um ihre Be­
deutung zu erkennen. Und der eisige Wind wehte bereits wieder Schnee in
die Mulden und ebnete alles ein.
„Ich kann mir  einfach nicht vorstellen, daß es in dieser  Einöde Pflanzen
und Tiere geben soll“, murmelte Harpo mit gerunzelter Stirn.
„Abwarten“,   brummte   Flunki   und   drückte   einen   anderen   Knopf.   Jetzt
bohrte der Schlitten seine spitze Nase tief in den Schnee hinein. Es wurde
dunkel, so daß Flunki in der Kabine ein mattes Licht einschalten mußte. An
der Spitze des Fahrzeugs flammten Suchscheinwerfer auf.

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„Jetzt!“ schrie Flunki. Im gleichen Moment brach der Schlitten durch die
Schneedecke   und   glitt   über   einen   Pflanzenteppich,   der   die   weiche,   weiße
Masse wie ein Dach vom Boden des Planeten fernhielt.
Eine völlig  neue Welt tat sich  vor den Augen der überraschten Besucher
auf.   Sie   war   wohl   dunkel   und   ohne   Sonnenlicht,   aber   dennoch   bedeckte
dichter Pflanzenwuchs den schwarzen Boden des Planeten. Das war so über­
raschend   wie   der   Formen   –   und   Farbenreichtum,   den   man   mitunter   tief
unten auf dem Grund der Ozeane finden konnte, bevor die großen Chemie­
konzerne das Wasser auf der Erde vergiftet hatten.
„Die   Pflanzen   arbeiten   ähnlich   zusammen   wie   die   Schneekrabbler   und
wir“, erklärte Flunki nicht  ohne Stolz. „Symbiose  nennt  man das. Einzelne
Gewächse gedeihen nur am Körper von anderen. Gerade sie wachsen aber
durch   den   Schnee   bis   zum   Sonnenlicht   durch.   Dort   zersetzen   sie   sich,
schmelzen durch eine chemische Reaktion kurzzeitig Löcher in den Schnee
und führen dadurch Licht und Wasser für die anderen Pflanzen nach unten.“
„Und so sieht es überall auf dem Planeten aus?“ fragte Harpo verblüfft.
„Nein“, erwiderte Flunki lachend. „Natürlich nicht. Tatsächlich muß man
solche Gebiete mit der Lupe suchen; so, wie man auf der Erde eine Oase in
der   Wüste   finden   muß.   Aber   im   Aufspüren   dieser   Gewächszonen   sind   die
Schneekrabbler   nun   einmal   wahre   Meister.   ­  Überdies   gibt   es   auf   unserer
Welt auch ein ewiges Sommergebiet, wo man keinen Schnee findet. In der
Äquatorzone.“
„Und warum geht ihr da nicht hin? Dann müßtet ihr die Pflanzen unter der
Schneedecke nicht so mühsam abernten.“
Flunki   zuckte   die   Schultern.   „Die   Sommerzone   ist   schmal.   Außerdem
könnte sie die Krabbler schon aus dem Grunde nicht ernähren, weil die dort
herrschende   Wärme   andere   Gewächse  produziert.  Nämlich   solche,  die   die
Krabbler nicht mögen. Die dort lebenden Tiere sähen es sicher auch nicht
gern, wenn eine Herde unserer Partner ihnen in ein paar Monaten alles ratze­
kahl leerfressen würde.“
„A   propos   sehen“,   warf   Lori   ein.   „Kann   Borro   denn   überhaupt   sehen?
Frieren ihm bei dieser Affenkälte nicht die Augen zu?“
„Bei Rastus und seinen vierzig Äxten“, meinte Flunki, „das würden sie tat­
sächlich  tun.  Aber keine  Sorge, Schneeflöckchen, unsere  Partner   brauchen
keine   Augen.   Ihre   telepathischen   Talente   genügen   völlig,   um  jedes   andere
Sinnesorgan zu ersetzen.“
„Bitte, lieber  Flunki“,  bettelte  Lori, „ich  möchte  so gern etwas mehr  von
Borro sehen. Können wir nicht näher an ihn heranfahren?“
„Klar, machen wir!“ versprach Flunki gutgelaunt und betätigte das Steuer
des Schlittens.
„Heißt   Flagge!“   brüllte   Lonzo   salutierend   los.   „Riesige   Quadratlatschen
vierzig Grad Ost! Was sehen meine pulvergeschwärzten Piratenaugen?“
Tatsächlich kam in diesem Moment ein Gebilde ins Gesichtsfeld der Beob­
achter, das dreimal so groß war wie ihr Schlitten. Man mußte erst einmal den
Blick hin und her schweifen lassen, bis man die einzelnen Zehen erkannte

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und die dicke, schuppige Haut. Das sah wahrhaftig aus wie der dicke, tapsige
Fuß einer Schildkröte in Großaufnahme. Und ganz ohne Zweifel konnte man
nun  auch   ausmachen,  daß  er   ganz  gemächlich,   im  Zeitlupentempo,   ange­
hoben und wieder abgesetzt wurde.
„Borro!“ flüsterte Lori entzückt.
„Du suchst dir nicht gerade kleine Spielgefährten aus, mein Schneeflöck­
chen“, brummte Flunki gutmütig und strich ihr über die blauschwarzen Lo­
cken. „Den Burschen da wirst du nicht so leicht zum Schmusen mitnehmen
können ...“

Stimmen in der Nacht

Leise summend glitt Flunkis Motorschlitten über den Schneeteppich. Sie
hatten Borro bereits weit hinter sich gelassen und steuerten auf das offene
Land   jenseits   der   Schneekrabbler­Kolonne   hinaus.   Archimedes   stand   im
Zenit und schüttete ein Lichtmeer aus. Nur selten konnte man zwischen dem
Weiß   einen   Vegetationsstreifen   entdecken.   Der   Schnee   reflektierte   das
Sonnenlicht so stark, daß den Kindern bald die Augen brannten.
„Beim fröstelnden Eierdieb!“ rief Flunki und schlug sich mit der Handflä­
che   gegen   die   Stirn.   „Hab’  ich   doch   tatsächlich   vergessen,   euch   Sonnen­
brillen   zu   verpassen!“   Aufgeregt   kramte   er   in   der   Ablage   unter   dem
Armaturenbrett,  bis er  mehrere  Brillen  hervorzerrte.  Die Gestelle waren so
biegsam, daß man sie den Köpfen der Kinder anpassen konnte.
Die   dunklen   Brillengläser   ließen   die   Landschaft   in   einem   ganz   anderen
Licht erscheinen. Harpo deutete auf einen abgerundeten weißen Hügel am
Horizont. „Was ist das, Flunki? Ein einzelner Krabbler?“
Der bärtige Raufbold kniff die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen. „Das
Hügelchen dort? Ein verlassener Iglu. Habt ihr Lust, ihn zu besichtigen?“
„Klar!“ war die einmütige Antwort.
Und Lonzo fügte hinzu: „Ein Iglu? Dann habt ihr wohl auch Eskimos, Eis­
bären und Pinguine?“
Der Raufbold lachte dröhnend. „Abwarten“, meinte er grinsend.
Nach wenigen Minuten war der Schlitten bis auf zehn Meter an das Ziel
herangefahren. Mit jeder Sekunde beeindruckte die halbkugelförmige, aus di­
cken   Schnee­   und   Eisblöcken   zusammengesetzte   Kuppel   ein   Stückchen
mehr. Sie schien gut zwanzig Meter hoch zu sein.
„Donnerschlag!“   rief   Lonzo   anerkennend.   „Die   Schneemaurer   verstehen
wirklich etwas von ihrem Fach.“
Der Schlitten rutschte noch ein Stückchen vorwärts und bohrte sich dann
in den Schnee. Alle sprangen hinaus. Ein bißchen Bewegung tat gut, denn die
engen Sitze des Motorschlittens waren für die kleinwüchsigen Raufbolde ge­
dacht und ließen den Beinen wenig Bewegungsfreiheit.

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Der Boden hier wirkte härter als anderswo und sah aus, als hätten ihn viele
Füße festgestampft. Harpo, Fantasia und Lori staunten das Bauwerk an und
gingen langsam näher. Der Iglu hatte einen Umfang von mindestens 150 Me­
tern und war auch noch weitaus höher, als sie anfangs geschätzt hatten. In
regelmäßigen   Abständen   fehlten   einzelne   Schneequader   in   den   Wänden,
vermutlich, um genügend Sonnenlicht hineinzulassen. Ein zehn Meter langer
Tunnel führte in das Innere und war so geräumig, daß man auch bequem mit
dem Schlitten hätte hineinfahren können.
Vor den Besuchern lag ein riesiger runder Saal: der gesamte Innenraum des
Iglus ohne Unterteilungen oder stützende Pfeiler. Das einfallende, flirrende
Sonnenlicht malte bizarre Kringel auf den festen Schneeboden und ließ die
weißen Atemwolken der Kinder wie Dampf aufsteigen. Die Atmosphäre hatte
etwas von der besinnlichen Ruhe und Feierlichkeit einer Kathedrale.
Nur Flunki zeigte sich wenig beeindruckt. „Kalt und ungemütlich“, knurrte
er. „Da lobe ich mir doch unseren lieben Borro. In dem läßt es sich wohnen!“
„Jedem das seine“, quakte Lonzo, dem Empfindungen wie Wärme und Käl­
te fremd waren. „Ein Fisch findet es eben im Wasser schön und ein Teufel in
der Hölle. Und Captain Kidd fühlte sich nur wohl, wenn er Holzplanken unter
den Füßen hatte.“
„Wer hat dieses Ding gebaut?“ fragte Harpo. „Raufbolde etwa, die keinen
Schneekrabbler   bekommen   haben?“   Konnten   die   kleinen   Burschen   solche
Riesenbauwerke überhaupt errichten?
„Nein, nein“, rief Flunki. „Das würde uns niemals einfallen. Die Faulpelze
bauen solche Iglus.“
„Die Faulpelze?“ fragten die Kinder und lachten.
„Habt   ihr   noch   keinen   von   diesen   Burschen   gesehen?   Große   Flegel   mit
Haaren am ganzen Leib? Na ja, eigentlich heißen sie Rotpelze. Der Haupt­
zweck ihres Lebens scheint Schlittenfahren zu sein.“ Flunki grunzte verdrieß­
lich.
„Ein angenehmeres Leben kann man sich doch gar nicht vorstellen“, warf
Lonzo ein und kümmerte sich wenig um den mißbilligenden Blick, den ihm
daraufhin der Raufbold zuwarf.
Harpo erinnerte sich an die geheimnisvollen, bärenhaften Gestalten in der
ersten Nacht auf dem Planeten. Als er Flunki davon erzählte, riß der kleine
Mann empört Mund und Augen auf und schrie: „Ha! Haben die Nichtsnutze
wieder   einmal  unseren  Borro   als   Rutschbahn  mißbraucht!   Diese  Burschen
haben keinen Respekt! Der Schneegockel möge seine Eier im Fluge auf ihre
Köpfe werfen!“
So wütend sich das auch angehört hatte: Es fiel wieder einmal allen schwer,
den Raufbold ernst zu nehmen.  Jetzt prasselten tausend Fragen auf Flunki
ein, so daß er notgedrungen etwas mehr über die Faulpelze erzählen mußte.
„Sie leben in Clans wie wir Raufbolde und ernähren sich vom Fischfang“,
ließ er seine Gäste wissen.
„Wo soll es denn hier Fische geben?“ fragte Harpo. „Bisher haben wir weit
und breit keinen Fluß entdecken können.“

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Flunki schmunzelte. „Es gibt aber welche, nur verlaufen sie unterirdisch.
Die Faulpelze  hacken  Löcher  in die Eisdecken  zugefrorener  Seen  und  tau­
chen hinab, um ihre Fangnetze auszuwerfen.“
Fantasia schüttelte sich. „Brrrrrrr! Bei dieser Kälte?“
„Es sind eben harte Burschen – und faule Flegel natürlich.“ Flunki zwin­
kerte mit einem Auge und erzählte dann, daß die Bären einen Heidenrespekt
vor den viel kleineren und schwächeren Raufbolden hatten. Den Grund um­
schrieb er recht blumig, aber wie es schien, hatte dies mit dem selbstbewuß­
ten Auftreten und der deftigen Sprache der kleinen Männer  zu tun. Damit
schüchterten sie die Rotpelze ganz schön ein.
„Wieso haben die Faulpelze denn ihren Iglu verlassen?“ lispelte Lori. „Er ist
doch noch sehr schön!“
„Treffend bemerkt, verehrte Frau Powitz“, stimmte Lonzo zu. „Nirgendwo
ist auch nur die allerkleinste Roststelle zu entdecken.“
„Ha!“ rief Flunki. „Weil Borro und die anderen Krabbler sich langsam nä­
hern. Die Faulpelze senden Späher aus und verziehen sich, sobald sie unsere
Schneekrabbler am Horizont ausmachen.“
„Weil die Iglus sonst plattgewalzt werden?“
„Deshalb nicht. Aber unsere Leute können es nun einmal nicht lassen, die
Burschen kräftig anzuraunzen, wenn sie im Schnee liegen und sich die Sonne
auf den Bauch brennen lassen. Wenn wir kommen, suchen die Faulpelze das
Weite. Das war schon so, als ich noch ein kleiner, winziger Wichtel war.“ Er
sagte   das   mit   solch   einer   Überzeugungskraft,   daß   man  ihn   glatt   für   einen
Riesen hätte  halten  können.  Dabei  überragte  er  die kleine  Lori  gerade um
einen Zentimeter. Und das auch nur, weil er einen Helm trug!
Etwas  enttäuscht meinte Harpo: „Wie schade, dann werden wir sie wohl
nicht zu Gesicht bekommen. Na egal, Nordpol hat uns sicher noch mehr zu
bieten, oder?“
„Das will ich meinen!“ Flunki reckte sich stolz, wobei ihm der Helm fast
über  die Augen rutschte. „Wartet nur ab, bis der Sommer kommt,  nächste
Woche um drei Uhr! Dann kreucht und fleucht, kriecht und rennt, krabbelt
und wetzt, wimmelt und wummelt es hier nur so. Im Moment haben natür­
lich die meisten Tiere ihre Schnarchzeit. Habt ihr schon mal Vögel gesehen,
die   größer   sind   als   Lonzo?   Salamander,   auf   denen   man   reiten   kann?   Und
wunderschöne, meterlange Würmer?“
„Igitt!“ quiekte Lori. „Würmer! Gibt es bei euch keine Hasen?“
„Kleine Hopser mit langen Ohren“, erklärte Lonzo auf Flunkis verständnis­
losen Blick hin.
„Wißt ihr was?“ fragte der Raufbold und trommelte sich mit den Fäusten
vor Begeisterung gegen die Brust. „Wir übernachten hier und schleichen uns
morgen zum Ufer des Fettbauchfisch­Sees! Vielleicht könnt ihr dort ein paar
rotfellige Faulpelze beim Fischen beobachten.“
Das war ein Wort! Freudig stimmten alle zu. Während Lonzo Decken und
Verpflegung aus dem Schlitten holte, wobei ihm seine vier Greiftentakel eine
große Hilfe waren, informierte Flunki über Funk seine Leute.

48
Nach dem Zwielicht  der Dämmerung kamen die ersten Sterne zum Vor­
schein. Flunki hatte einen Spezialkocher aufgebaut und zauberte im Nu ein
duftendes Mahl. Schon beim Schnuppern wurde man richtig hungrig.
Lonzo brummte: „Beeilt euch, edler Lord Flunki! Der Kohldampf schnürt
mir schon die Eingeweide zusammen!“
Aber   Flunki   kramte   nur   in   seinen   Taschen   und   reichte   ihm   mit   einem
artigen „Aye, aye, Sir!“ zwei Trockenbatterien und ein Ölkännchen.
„Guten Hunger, Steuermann!“
Lonzo   beäugte   beides   mit   großem   Mißtrauen   und   gab   es   mit   der   Be­
merkung zurück, das eine sei entschieden zu trocken für einen Seemann, das
Öl   hingegen   zu   fett.   Schließlich   müsse   er   auf   seine   Linie   achten,   sonst
würden ihn die Robotermädchen nicht mehr anschauen.
In   der   Nacht   erwachte   Harpo.   Lori   schlief   unter   ihren   Decken.   Flunki
schnarchte so laut,  daß davon der  Boden erzitterte. Lonzo hatte sich wohl
abgeschaltet,   um   Energie   zu   sparen.   Jedenfalls   hockte   er   reglos   auf   dem
Boden und hatte nicht das gewohnte Funkeln in den Sehzellen. Nur Fantasia
hob fragen den Kopf. „Ist was?“ flüsterte sie.
Beruhigend erwiderte Harpo: „Nee, was soll sein?“ Zwar hatte er ein unge­
wohntes Geräusch gehört, glaubte es gehört zu haben, aber bevor er nichts
Genaues wußte, wollte er andere nicht unnötig beunruhigen.
„Das sind doch Stimmen!“ murmelte Fantasia  und setzte hinzu: „Harpo,
dort draußen ist jemand!“
„Pschscht!“ machte Harpo, schälte sich aus den Decken und reichte dem
rothaarigen Mädchen die Hand. Sie fühlte sich feucht an. Gemeinsam kro­
chen die beiden zum Ausgang des Iglus. Im Eingangstunnel wurden die Ge­
räusche immer deutlicher. Rotpelze?
Harpo und Fantasia hatten Angst. Was ging dort draußen vor? Leise pirsch­
ten   sie  weiter.   Etwa   fünf   Meter   vor   dem   Ausgang   stand   ein   Schlitten,   der
nicht Flunki gehörte, aber entfernte Ähnlichkeit mit den Schlitten der Rauf­
bolde hatte. Auf den zweiten Blick erkannte man, daß die Glaskuppel, die frü­
her einmal vorhanden gewesen war, jetzt  fehlte. Der Schlitten machte von
vorn bis hinten einen ungepflegten Eindruck. Fast schien es, als habe ihn je­
mand in letzter Sekunde vor der Müllkippe bewahrt. Ein grimmiger, hünen­
haft wirkender   Rotpelz,  der sicher  nicht   kleiner als  Karlie   Müllerchen  war,
verstaute   prallgefüllte   Säcke   auf   der   Ladefläche.   Er   stieß   dabei   ein   leises
Knurren oder Brummen aus.
Jetzt erkannten die heimlichen Beobachter noch zwei andere Bärenwesen,
die in einem frisch ausgehobenen Schneeloch an der Igluwand standen und
weitere Säcke hinaufwuchteten. Sie legten ein ganz hübsches Tempo vor.
Harpo und Fantasia tauschten einen fragenden Blick. Was hatte das nur zu
bedeuten?  Was  holten  die Bären  aus  der   Erde?   Einen   vergrabenen  Schatz?
Vielleicht gehörte ihnen gar nicht, was sie dort auf den Schlitten luden?
Harpos   Wangen   begannen   zu   glühen.   Mann,   oh   Mann!   Das   war   ein
Abenteuer nach seinem Herzen! Eine geheimnisvolle Rotpelzbande, die ihre
vergrabene Beute verlud, die vielleicht gefährlich war und das Messer locker

49
sitzen hatte. Und er, Harpo Trumpff, Chronist und Logbuchführer der EUKA­
LYPTUS, saß mitten im Brennpunkt des Geschehens.
„Wir   müssen   herauskriegen,   was   sie  treiben“,   wisperte   er   leise.   Fantasia
nickte.
Wie zwei Schatten huschten die beiden auf die Rückwand des Schlittens zu,
während Rotpelz Nummer drei gerade zu den anderen zurückging.
Mit fliegenden Fingern versuchte Harpo einen der mit Lederschlingen ver­
knoteten Beutel zu öffnen. Umsonst, die Säcke waren hart wie gefrorene Erde
und ungeheuer schwer. Fantasia hatte plötzlich zwei leere Beutel in der Hand
und zischte aufgeregt: „Ha­ha­harpo! Er kommt zurück!“
Die beiden Rotpelze im Schneeloch hatten ihre Arbeit eingestellt und hal­
fen   sich   gegenseitig   hinaus,   während   der   dritte   bereits   wieder   auf   den
Schlitten zuging. Nicht nur, daß der Iglueingang im Sichtfeld der beiden Bä­
ren lag, jetzt bewegten sie sich auch noch schwatzend genau auf diesen Ein­
gang zu. Harpo und Fantasia war der Rückweg abgeschnitten.
Die beiden durchfuhr ein eisiger Schreck. Aber Fantasia, die sonst immer
so schnell nervös reagierte, kam auf eine phantastische Idee und setzte sie
nach blitzartiger Verständigung mit Harpo in die Tat um: Beide kletterten auf
die  Ladefläche des Schlittens, schlüpften  hinter  die Fracht und halfen sich
dann gegenseitig in die beiden leeren Säcke, die Fantasia gefunden hatte. Sie
duckten sich und spielten Fracht. Mit pochenden Herzen warteten sie darauf,
daß der Schlitten sanft anfuhr. Dann wollten sie sich in den weichen Schnee
rollen und unbemerkt zum Iglu zurückkehren.
Aber es kam anders. Der Schlitten ruckte nur kurz an und hielt wieder, weil
einer der Rotpelze zwei nachlässig verstaute Säcke entdeckte, die nicht ein­
mal   zugebunden   waren.   Er   zerrte   die   Säcke   zur   Mitte   der   Ladefläche   und
verschnürte sie.
Die beiden Kinder hatten diese unerwartete Wendung mit Todesangst ver­
folgt, ohne recht zu begreifen, was geschehen war. Fest stand plötzlich nur,
daß sie sich aus eigener Kraft nicht befreien konnten. Das Versteck war zu
einem   Gefängnis   geworden.   Das   Beste,   was   sie   aus   der   Situation   machen
konnten, war,  sich so ruhig  wie möglich zu verhalten.  Summend jagte  der
Schlitten in die Nacht hinaus. Der riesige Iglu war bald zu einem winzigen
Punkt am Horizont zusammengeschrumpft.

Das Lager der Rotpelze

Harpo erwachte, als behaarte Hände seine Nase berührten. Die Sonne schi­
en ihm in sein Gesicht, und er mußte niesen. Aber das machte ihn vollständig
wach.
Herrjeh! Er war eingeschlafen!

50
Mehr   als   ein   Dutzend   Rotpelze   umstanden   den   Schlitten   und   stießen
erstaunte Rufe aus. Ein sehr kleines Exemplar dieser Spezies, das kaum grö­
ßer   als   Lori   Powitz   war,   klammerte   sich   an   einen   der   großen   Bären   und
brummte ängstlich: „Huh! Zwei Ungeheuer, Mama! Ich fürchte mich!“
Die   anderen   Bären   lachten.   Daran,   daß   Harpo   den   kleinen   Rotpelz
verstanden hatte, konnte man erkennen, daß der Translator die ganze Nacht
über   bereits   genügend   Vokabeln  der   neuen   Sprache  aufgenommen     hatte,
um mühelos zu übersetzen. Die Bären beachteten den Translator nicht wei­
ter. Vermutlich hatten sie sich an das Gerät bereits gewöhnt. Harpo mußte im
Laufe der Nacht ungewollt den Einstellknopf betätigt haben, denn er war si­
cher, daß er das Gerät vor dem Schlafengehen abgeschaltet hatte. Vermutlich
hatte das plötzlich einsetzende Quaken aus dem Sack – so mußte den Rot­
pelzen die Tätigkeit des mechanischen Übersetzers vorgekommen sein – so­
gar zur Entdeckung der blinden Passagiere geführt.
Auch   Fantasia  krabbelte  jetzt  mit  strubbligem  Haar   aus   ihrem  Sack  und
musterte mit verstörten Blicken die Umgebung.
Die Rotpelze – in der Mehrzahl waren sie gut zwei Meter groß – hatten ein
weiches,   rötlichbraunes   Fell   am   ganzen   Körper,   auch   im   Gesicht,   sowie
kleine,   runde   Ohren   und   überhaupt   sehr   viel   Ähnlichkeit   mit   irdischen
Braunbären. Sie klopften sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Jemand faßte
Harpo wie eine Katze am Kragen und hob ihn mühelos hoch. Eine laute Baß­
stimme grunzte: „Habt ihr so etwas schon gesehen, Kumpels? Ich wette, ihr
habt es noch nicht gesehen! Das ist der größte Zwerg unter der Sonne!“
„Der erste Raufbold ohne Bart!“ rief ein anderer.
„Er  ist  wahrhaftig   größer   als  jeder  Raufbold, den  ich kenne“,  meinte  ein
dritter.
„Wie viele kennst du denn?“
„Zwei.“
So ging es weiter, bis der Rotpelz Harpo sanft zu Boden gleiten ließ und
brummte:   „Was   wollt   ihr   bei   uns,   ihr   Winzlinge?   Wollt   ihr   etwa   unseren
Schneemann stehlen?“
Die Umstehenden gaben wieder ein brummelndes Gelächter von sich, das
eigentlich ganz gemütlich klang. Fantasia rutschte auf den Knien auf Harpo
zu und klammerte sich an ihn. Mehrere Rotpelzkinder umkreisten die beiden
zögernd und zupften zaghaft an ihren Haaren.
„Die   kleine   Raufboldfrau   könnte   fast   eine   von   uns   sein“,   sagte   jemand.
Feingliedrige Finger strichen über Fantasias rote Haarpracht, die wie Kupfer
in  der   Sonne   leuchtete.   Aber   sonst   hatte   Fantasia   eigentlich   wenig   Bären­
haftes an sich ...
„Harpo, ich ... fürchte mich“, gestand sie leise.
„Ich mich auch“, gab Harpo zu.
„He“, rief an Rotpelz aus, „habt ihr das gehört? Die Raufbolde fürchten sich
vor uns!“
„Ahem“,   räusperte   sich   Harpo.   „Wir   sind   gar   keine   Raufbolde,   sondern
Menschen.“

51
„Menschen?“ Erstaunt sahen Harpo und Fantasia mit an, wie die Rotpelze
sich reihenweise auf die Bäuche warfen  und prustend vor Lachen mit den
Fäusten auf den Boden trommelten. „Welch ein komisches Wort! Hahaha!“
Ihr Gelächter schwoll zu einem wahren Orkan an.
Kaum hatten sie sich etwas beruhigt, fing einer wieder an, brummte: „Men­
schen!“, und schon lagen wieder alle vor Lachen am Boden. Weitere Lach­
anfälle   folgten,   als   Harpo   und   Fantasia   ihre   Namen   nannten.   Offenbar
erzeugte die Lautkombination in den Rotpelzen Heiterkeit, denn das Lachen
begann immer schon, bevor der Translator sich an einer Übersetzung ver­
suchte.
Ein dicker Rotpelz, der sich die Lachtränen mit einer Pfote aus den Augen
wischte, sagte glucksend: „Ich heiße Fettwanst! Und dies hier“ – dabei deute­
te er auf zwei ihm ziemlich ähnliche Bären – „sind meine Brüder Vielfraß und
Heringsbändiger. Das sind doch Namen, die etwas bedeuten! Aber eure? Pah,
die sind einfach nur witzig.“
Nun   lachten   die   Kinder.   Die   Rotpelze   sahen   sich   erstaunt   an.   Nicht   im
Traum wären sie darauf gekommen, daß ihre Namen für fremde Ohren eben­
falls lustig klangen. Murmelnd umstanden sie Harpo und Fantasia und kratz­
ten sich verlegen hinter den Ohren.
Beinahe   alle   Mitglieder   des   Clans   hatten   inzwischen   den   Iglu   im   Hin­
tergrund  verlassen und die unfreiwilligen Gäste bestaunt. Harpo faßte sich
ein Herz, stand mutig auf und entschuldigte sich für die heimliche Schwarz­
fahrerei.
„Macht nichts“, brummte Fettwanst leutselig. „Seht euch unseren Iglu an
und seid für ein paar Wochen unsere Gäste. Wir fressen niemanden – es sei
denn Fische. Und da ihr ja keine Raufbolde seid, werdet ihr uns sicherlich
auch   nicht   mit   Quengeleien   auf   den   Wecker   fallen.“   So   übersetzte   es   zu­
mindest der Translator, obwohl die Bären wahrscheinlich gar keinen Wecker
kannten.
Im Innern des Iglus rannten Rotpelze geschäftig hin und her und wirkten
überhaupt nicht so faul, wie das nach Flunkis Erzählungen geklungen hatte.
Fettwanst   führte   seine  Gäste   herum,   zeigte   ihnen   die   Vorräte   an   eingefro­
renen Fischen und erklärte, daß die geheimnisvolle Fracht des Schlittens aus
Dingen bestand, die man in der Eile des Umzugs hatte zurücklassen müssen.
Ein   Schatz   war   der   Inhalt   der   Säcke   nicht   gerade,   für   die   Bären   aber   an­
scheinend doch: verpackte Felle, Decken, Kochgeschirr, Gewürze, Angelzeug
und Netze.
Nachdem die wichtigsten Sehenswürdigkeiten betrachtet waren, lud Fett­
wanst die Kinder in seine Familienecke ein. Sie lernten seinen kleinen Sohn
kennen. Er hieß Räucherfischvertilger, aber Harpo und Fantasia nannten ihn
Alexander. Fettwansts Frau, eine gemütliche rundliche Bärin, lud sie freund­
lich zu einer wohlschmeckenden und stark gewürzten Fischsuppe ein, die ge­
rade über einem offenen Feuer kochte. Anschließend zeigte Alexander stolz
seine Angelhakensammlung.

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Obwohl Harpo und Fantasia unbepelzt waren, froren sie in ihren warmen
Anzügen kein bißchen.
Nachdem  sich die  erste Aufregung  gelegt  hatte,  ging  das  Leben  der Rot­
pelze schnell wieder den gewohnten Gang. Harpo und Fantasia besichtigten
die Arbeitsplätze der Bären, sahen ihnen beim Flicken beschädigter Netze zu
und bestaunten eine kleine Schreinerei, in der ein schon graufelliger Rotpelz
gemeinsam mit zwei Lehrlingen einen Schlitten herstellte. Da Schlitten die
einzigen Transportmittel für die Bären waren, war diese Arbeit sehr wichtig
und wurde deshalb auch von Jüngeren im Clan interessiert beobachtet.
Es stellte sich heraus, daß es keine ausgesprochenen Spezialisten unter den
Rotpelzen gab. Auch der graue Schreiner ging sonst fischen wie die anderen.
Jeder   konnte   jeden   ersetzen,   und   niemand   bildete   sich   etwas   darauf   ein,
wenn  ihm   die  eine  oder   andere   Arbeit   besser   von   der  Hand  ging   als  dem
Nachbarn.
„Ihr   lebt   ziemlich   einfach“,   sagte   Harpo   zu   Alexander.   „Wie   kommt   ihr
dann zu dem Motorschlitten?“ Die Frage war berechtigt, denn die anderen
Schlitten der Rotpelze waren simple Holzschlitten ohne Antrieb.
„Oh“,  erwiderte   Alexander.   „Wir   fanden   ihn   unter   einer   Schneewehe.  Er
war wohl steckengeblieben und dann festgefroren. Wir haben ihn aus dem
Eis herausgetaut und wieder aufgemöbelt. Es ist unser einziger, weshalb wir
auch sehr sorgsam mit ihm umgehen. Alle anderen Fahrzeuge müssen wir
leider selbst ziehen.“
Später feierten die Rotpelze zu Ehren ihrer Gäste ein Fest. Fässer wurden
herangerollt   und   hölzerne   Becher   herumgereicht.   Es   roch   nach   Tran.   Ein
Dutzend Rotpelze stellte sich in zwei Reihen auf und begann mit einem lus­
tigen, watschelnden Tanz, bei dem sie jedesmal, wenn sie sich den Rücken
zukehrten, die Hinterteile gegeneinanderknallten und dabei laut jauchzten.
Harpo und Fantasia sahen lachend zu, bis  Fettwansts  Bruder  Vielfraß her­
beigerannt kam, einige Bären beiseite schob und rief: „Ein Schlitten nähert
sich!   Am   Steuer   habe   ich   einen   Raufbold   und   einen   komischen   Kerl   mit
einem Eisenkopf und Schlangenarmen erkannt!“
„Das ist  Lonzo!“ Bisher  hatten sich  die  Rotpelze nicht sonderlich  für die
Herkunft   der   beiden   Menschen   interessiert,   und   deshalb   war   auch   Lonzo
noch nicht im Gespräch gewesen. Harpo und Fantasia fiel jetzt siedendheiß
ein, daß sie über all dem Neuen nicht mehr an die Freunde gedacht hatten.
Schnell erklärten sie ihren Gastgebern, daß dort Freunde nahten, von denen
nichts zu befürchten war.
Daraufhin   strömten   brummelnde   Rotpelze   vor   dem   Iglu   zusammen,
drängten aus allen Familienecken heran und steckten neugierig ihre wittern­
den Nasen den Neuankömmlingen entgegen.
Flunkis Motorschlitten umkreiste donnernd das Schneegebäude und hielt
schließlich genau vor dem Eingang. Der Motor spuckte noch einmal, dann
fuhr die Glaskuppel zurück, und Lonzo tauchte auf. Die Bänder seiner See­
mannsmütze flatterten im Wind. Harpo stand mit gesträubtem Bart neben
ihm und reckte drohen die Fäuste.

53
„Beim   Barte   des   Propheten!“   quäkte   Lonzos   blechernes   Organ   über   die
Ebene. „Rückt sofort die entführten Matrosen heraus, sonst setzt es Hiebe!
Habt ihr verstanden? Die sieben Plagen schicke ich euch auf den Hals! Hier
spricht der bekannte und allseits  gefürchtete  Admiral von Schleifstein und
Tuttlingen und rasselt mit dem Tentakel  ... äh, mit dem Säbel!“
„Har, har“, grunzte Fettwanst belustigt und sichtlich unbeeindruckt.
„Captain Kidd, feuern Sie eine Breitseite gegen den Dicken ab, der eben ge­
lacht hat!“ schnauzte Lonzo.
„Was will der Eisenkerl, Papi?“ fragte ein kleiner Rotpelz.
Lonzo wirbelte  mit  seinen  schlangengleichen  Tentakeln,  während  Flunki
wutschnaubend   Schattenboxen   übte   und   danach   seine   Schnurrbartenden
zwirbelte. Von Lori Powitz konnte man kaum mehr als die Nasenspitze se­
hen, weil die Bordwand ziemlich hoch war.
„Lonzo flunkert wider, daß die Heide wackelt“, kicherte Fantasia.
„Wir haben eure Spur im Schnee verfolgt!“ wetterte Lonzo weiter. „Ausre­
den   sind   absolut   zwecklos!   Wenn   Harpo   und   Fantasia   nicht   sofort   ihre
Gesichter zeigen, werfe ich mit Schneebällen! Oder ich reibe den Dicken, der
vorhin gelacht hat, mit Schnee ein!“ Er drehte sich zu Flunki um und kläffte:
„Captain Kidd, machen Sie die Schneebälle klar!“
Flunki streckte den Rotpelzen die Zunge heraus und legte die Handflächen
hinter die Ohren.
Lachend rannten Harpo und Fantasia auf den wartenden Schlitten zu.
„Lonzo!“  schrie   Harpo  und   winkte.   „Du  kannst   aufhören,  wir  sind  putz­
munter. Niemand hat uns etwas getan!“ Rasch erklärten die beiden, wie sie in
dieses Abenteuer geschlittert waren.
Lonzo nahm seine Mütze ab und lispelte: „Nix für ungut, meine Bärinnen
und  Bären.  Ich  bitte  um  Entschuldigung,   Herr   Bärenmeister! Vergeben Sie
einem alternden Rocker seine bösen Worte, dann werde ich Ihnen auch mal
mein Motorrad leihen!“
Die Rotpelze brüllten und brummten vor Lachen. Viele stürmten nun auf
Lonzo los und wollten ihn unbedingt betasten. Im Triumphzug wurde er in
den Iglu getragen.
Flunki, der die Rotpelze sichtlich ignorierte, stiefelte mißtrauisch über den
mit Tierhäuten ausgelegten Boden, rümpfte die Nase und meckerte, weil nie­
mand einen roten Teppich für ihn ausgerollt hatte. „Immerhin“, knurrte er,
„kommt es nicht alle Tage vor, daß einer der bekannten und beliebten Rauf­
bolde in einem Faulpelz­Lager erscheint.“
Das hatte ein Rotpelz namens Alleswisser gehört. Er baute sich grunzend
vor Flunki auf. „Hast du Faulpelz­Lager gesagt?“ schimpfte er los. „Ich möch­
te dir altem Quengelbruder einmal sagen, daß, als es vor sechshundert Jahren
darum ging, den Krabbler Jupp, der sich überfressen hatte, aus einem Erd­
loch zu ziehen ... also, daß damals wir Rotpelze ihn mit vereinten Kräften ...“
„Ha!“   rief   Flunki   mit   hochrotem   Kopf.   „Jawoll,   vor   sechshundert   Jahren
habt ihr zuletzt richtig gearbeitet und seitdem auf der faulen Haut gelegen!

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Und selbst damals habt ihr die gesamten Wintervorräte der Raufbolde auf­
gefressen, so daß Jupp beinahe verhungert wäre!“
„Habt ihr uns damals zu einem Imbiß eingeladen oder nicht?“ entgegnete
Alleswisser. „He?“
„Imbiß!“ röhrte Flunki. „Sagtest du Imbiß? Dieser Imbiß hätte für meinen
Clan ein Jahrzehnt gereicht! Wenn damals der einzige Rotpelz, den selbst wir
Raufbolde ehren und achten, euch nicht davon abgehalten hätte ...“
„Hühnerschreck?“ höhnte Alleswisser mit gefletschten Zähnen. „Der war ja
nicht einmal richtig rot! Eher hatte er ein rotbraunes Fell ...“
„Willst du mich etwa der Lüge bezichtigen?“ kreischte Flunki und machte
seinen   bekannten   Luftsprung,   wobei   er   sich   fast   überschlug.   Der   Helm
rutschte   ihm   über   die   Augen.   „Frostwanzen   und   Schneekakerlaken!   Eis­
nattern und Graupelwürmer! Haltet mich fest, damit ich diesen Wicht nicht
anfalle!“
Die Rotpelze, die beide Streithähne in einer dichten Traube umlauerten,
klatschten bei diesem Ausbruch spontan Beifall. Offensichtlich führten Flun­
ki und Alleswisser hier eine Art Theaterstück auf. Harpo manipulierte an sei­
nem   Translator,   während   Flunki   und   der   Rotpelz   weiterhin   aufeinander
einhackten. Die Kinder bekamen eine „gereinigte“ Fassung der Schimpfkano­
naden zu hören und hielten sich dabei den Bauch vor lachen.
Flunki schrie: „Du schnatternder Eisvogel! Du wagst, meine Worte durch
den Dreck zu ziehen? Zieh blank, Halunke, und kämpfe wie ein Mann! Nie­
mals in meinem Leben lief mir ein solcher Frechling über den Weg! Mein be­
leidigtes Blut schreit nach Raaache!“
Der Translator übersetzte jedoch diplomatisch: „Herr Kommerzienrat, si­
cherlich   haben   sie   meine   Worte   mißverstanden.   Ich   bitte   Sie   freundlich,
lassen   Sie   uns   darüber   nicht   streiten.   Ich   bin   sicher,   daß   alles   nur   meine
Schuld ist. Ich verzeihe Ihnen großmütig und bitte Sie, mir huldvoll die glei­
che Ehre zu erweisen! Lieber Herr Professor!“
Alleswisser höhnte: „Giftzwerg! Schrapphals! Der Lindwurm möge dich in
den Hintern beißen! Dieser Winzling wagt es, mir in einem solchen Gossen­
jargon   seine   vor   Unbildung   strotzenden   Beleidigungen   an   die   Rübe   zu
werfen! Ich schnappe über! Ich werde verrückt! Wo ist mein Knüppel? Bringt
mir sofort meinen dicksten Knüppel!“
Der Translator übersetzte brav: „Verehrter Herr Generaldirektor, verzeihen
Sie   die   Unbeherrschtheit   meiner   Ausführungen.   Zweifellos   war   ich   es,  der
ihre Worte falsch auslegte. Jetzt verstehe ich alles  viel besser. Vielen Dank!
Darf   ich   Sie   zu   einem   Umtrunk   in   meine   bescheidene   Familienecke   ein­
laden?“
„Nun ist es aber genug“, keuchte Harpo lachend. Aber der letzte Satz schien
echt gewesen zu sein, denn Flunki und Alleswisser marschierten Arm in Arm
davon, was ziemlich komisch aussah, weil der große Rotpelz sich dabei auf
alle viere hinablassen mußte.
„Jetzt   wird   ein   Fläschle   Wein   gesoffen   und   ein   lustig   Lied   gepfoffen“,
vermutete Lonzo.

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Und Fettwanst fügte hinzu: „In Wahrheit sind die beiden seit Jahren dicke
Freunde. Sie tun immer nur so, als könnten sie sich nicht ausstehen, hihi!“

Die Reise ins Sommerland

Am   nächsten   Tag   fragte   Lori   den   erstaunten   Fettwanst:   „Sag   mal,   Fett­
wanst, wer ist der Häuptling dieses Iglus?“
Der Rotpelz kratzte verständnislos seine Nase. „Häuptling?“ meinte er ent­
geistert. „Was ist das denn? Kenn’ ich gar nicht, das Wort.“
„Na, jemand, der den anderen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben“,
erwiderte Lori.
„Was die anderen tun und lassen sollen, wissen sie doch selbst am besten“,
sagte Fettwanst. „Wie soll das ein einzelner wissen? Wie sollte ich zum Bei­
spiel wissen, was Vielfraß tun will?“
Dann grinste er plötzlich und fügte hinzu: „Na also, wenn ich ganz ehrlich
bin: Wir haben tatsächlich so was. Bloß ...“
„Wie heißt denn der Häuptling?“ fragte Harpo.
„Oh“, machte Fettwanst. „Er heißt Schnellschwimmer ...“
„Schnellschwimmer?“ echote Lori.
„... und Vielfraß ...“
„Vielfraß auch? Ja, habt ihr denn zwei Häuptlinge?“
„Und Fettwanst, Schlafmütze, Regenmacher, Netzflicker“
Fettwanst begann mit den Armen zu rudern und zählte alle Clanmitglieder
auf, die ihm gerade einfielen, auch die Frauen und Kinder. Als er fertig war,
weil er ziemlich oft nachdenken mußte, keuchte er erschöpft. „Wie ihr seht,
ist bei uns jeder Häuptling. Jeder bestimmt über sich selbst. Früher hatten
wir   tatsächlich   mal   einen,   der   alles   allein   bestimmte:   wann   wir   fischen
gingen, wann Schlafenszeit war, was die Kleinen tun und was sie nicht tun
durften“ Fettwanst grinste. „Das haben wir alles abgeschafft. He, he ... kommt
mal mit!“
Er nahm Lori und Fantasia bei den Händen und stapfte mit ihnen – Lonzo,
Harpo, Flunki und Alexander im Schlepptau – in eine Ecke des Iglus, wo of­
fensichtlich gerade eine Versammlung stattfand.
Zehn oder mehr Rotpelze saßen auf Bänken aus Schnee und hörten einem
weiteren Rotpelz zu. Er stand auf einem Podest, ebenfalls aus Schnee, wir­
belte   mit   den   Armen   und   brüllte   mit   Donnerstimme:   „Wählt   mich   zum
Häuptling, Leute, dann wird hier alles anders werden! Ich verspreche euch:
besser, viel besser. Ich werde Tag und Nacht auf der faulen Haut liegen, grun­
zen und futtern – und es wird mir eine helle Freude sein, euch beim Arbeiten
zuzusehen. Alle werdet ihr großen Respekt vor mir haben, mich untertänigst
grüßen und meine Pantoffeln bereitstellen! Wählt mich zum Häuptling, Leu­
te, dann habe ich ein feines Leben!“

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Die   Versammelten   brachen   in   frenetisches   Gelächter   aus.   Mehrere   Rot­
pelze schrien laut: „Buh! Buh!“
Harpo schüttelte den Kopf. „Also, den möchte ich auch nicht zum Häupt­
ling haben, wenn er gar nichts tun will, als auf anderer Leute Kosten leben“
„Wartet ab“, flüsterte Fettwanst amüsiert. „Gleich kommt der nächste Red­
ner.“
Ein anderer Rotpelz kletterte auf das Podest, räusperte sich und begann mit
vornehm gesetzten Worten: „Liebe Mitbürger! Ihr kennt mich alle als einen
ehrenwerten Rotpelz aus eurer Mitte. Ich bin volksverbunden und stets für
euch da. Ich kenne eure Probleme bestens, weil ich mich draußen im Lande
umgeschaut habe, und will mich für deren Lösung einsetzen. Deshalb gebt
mir eure Stimme!“
„Der ist gut“, sagte Harpo.
„Pscht“, machte Alexander lächelnd. „Warte ab!“
Einer   der   zuhörenden   Rotpelze   erhob   sich   von   seiner   Schneebank   und
fragte: „Sehr gut gesprochen, wirklich! Aber wie stellen Sie sich zum Beispiel
die Arbeitsverteilung vor? Möchten Sie lieber Netze flicken oder unter Wasser
fischen?“
„Ahem“,   meinte   der   Redner,   „ich   hatte   eigentlich   daran   gedacht,   mein
Können anders einzusetzen.“
„Wie zum Beispiel?“ rief Fettwanst von hinten.
„Nun ... indem ich für euch denke und plane“
„An richtige Arbeit haben Sie dabei nicht gedacht?“ fragte Fettwanst weiter.
„Nun  ...  ehrlich  gesagt“  Der  Redner  fummelte  an  seinem Kragenfell   und
schüttelte den Kopf.
„Und daran“, sagte Fettwanst  zu Harpo, Fantasia und Lori, „erkennt  ihr,
daß   beide   Redner   dasselbe   wollen,   wenn   sie   es   auch   mit   anderen   Worten
sagen. Und wißt ihr einen Grund, weshalb wir uns diese Schneeflöhe in den
Pelz setzen sollten?“
„Mensch“,   sagte   Harpo,   „das   stimmt   ja!   Die   hätten   euch   alle   beide
verschaukelt.   Bei   dem   zweiten   hätte   ich   es   nicht   einmal   gemerkt,   so   ge­
schickt, wie der geredet hat.“
„Die beiden Redner heißen Schwätzer und Sabbler“, erklärte Fettwanst hei­
ter. „Sie halten mehrmals im Monat solche Wahlreden.“
„Ja, aber“, meinte Fantasia erstaunt, „wenn sie solche Dinge erzählen, wird
sie doch niemand wählen! Wer will schon einen Häuptling, der nichts tut und
von den anderen dafür auch noch mit Respekt gegrüßt werden soll?“
Ein älterer  Rotpelz, der den Einwand  gehört  hatte, drehte  sich   um. „Wir
wollen ja gar keinen Häuptling. Und Schwätzer wie auch Sabbler wären die
letzten, die einen solchen Beruf ergreifen möchten. Sie halten ihre Reden nur,
um uns daran zu erinnern, wie gut es uns geht, seitdem wir die Herrschaft
von Rotpelzen über andere Rotpelze abgeschafft haben.“
Bald  darauf  kam  eine Gruppe  von Rotpelzen  vom  Fischfang  zurück. Die
Kinder halfen eifrig mit, die in den Säcken verstaute Beute zum Vorratslager

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zu schleppen, wo bereits andere Rotpelze warteten, um die Nahrung zu ver­
teilen.
„Bekommen   auch   die   etwas,   die   nicht   beim   Fang   mitgeholfen   haben?“
fragte Fantasia neugierig.
„Sicher.   Dafür   haben   sie   ja   andere   Arbeit   geleistet.   Zum   Beispiel   Netze
geflickt oder Fässer gebaut. Und morgen gehen sie vielleicht fischen.“
„Ja, und wenn nun einmal jemand weniger tut als die anderen? Bekommt
er dann auch weniger Fische?“
„Jeder von uns bekommt so viel, wie er essen kann“, brummte Fettwanst.
„Sieh mich an! Ich futtere sehr gern Fisch, mag aber dafür keinen Tran.“ Er
zog die schwarze Nase ganz kraus. „Tran trinkt aber Vielfraß ungeheuer gern,
der wiederum bestimmten Fisch überhaupt nicht mag. Es pendelt sich alles
irgendwie ein. Und wer mal weniger arbeitet, weil er gerade keine Lust hat,
sich nicht gut fühlt oder weil ihm die Arbeit einfach nicht recht gelingen will,
der macht das am nächsten Tag mit einer anderen Arbeit wieder wett.“
„Hmm...“   Fantasia   waren   solche   Gedankengänge   ungewohnt.   „Was   ist
aber, wenn einer einfach  soviel nimmt, wie er will, obwohl er es gar nicht
braucht? Haben dann nicht andere zu wenig zu essen?“
„Wieso?“ Fettwanst runzelte die Brauen. „Niemand ißt mehr, als er in sei­
nen Bauch hineinstopfen kann. Warum sollte er zu viel nehmen? Es würde
doch verderben.“
„Wenn du die Menschen näher kennen würdest“, warf Harpo lächelnd ein,
„würdest du diese Frage schon verstehen. Bei uns gibt’s das nämlich ziemlich
oft, daß einer mehr an sich rafft, als er brauchen kann.“
Fettwanst nickte und sagte: „Früher versuchte auch jeder Rotpelz, größer
zu sein und mehr zu besitzen als die anderen. Dabei gingen Freundschaften
zu  Bruch,  und   die Leute  sprachen nicht   mehr  miteinander.  Wenn sie  sich
trafen, hatten sie nichts Besseres zu tun, als gegenseitig anzugeben, daß sich
die  Igluwände bogen. Und  eines Tages ging das nicht  mehr  so weiter.  Die
Rotpelze setzten sich zusammen und verjagten diejenigen, die ihnen diesen
Schneefloh ins Ohr gesetzt hatten, warfen alle ihre Güter in einen Topf und
leben seither in Frieden.“
Harpo erklärte, daß die Kinder es auf der EUKALYPTUS genauso machten.
Was sie in der Kindheit auf der Erde erlebt hatten, war ihnen allen eine Lehre.
Auf der Jagd nach dem besseren Leben hatte man die Erde nahezu vernichtet.
Es gab dort keine Wälder mehr und fast nur noch künstliche Nahrung. Wenn
es im Winter einmal schneite, dann war der Schnee nicht weiß wie hier auf
Nordpol, sondern schmutziggrau und roch nach Chemikalien. Die wenigen
Naturlebensmittel, die es noch gab, wurden in abgedichteten Treibhäusern
herangezogen und waren so teuer, daß nur wenige sie sich leisten konnten.
Der Raubbau an der irdischen Natur hatte dazu geführt, daß die Menschen
nicht   mehr   im   Einklang   mit   ihrer   Umwelt   leben   konnten.   Sie   wurden
aggressiv   und   gemütskrank.   Allergien   tauchten   schneller   auf   als   wirksame
Medikamente dagegen zu produzieren waren. Viele Ungeborene erkrankten
bereits im Mutterleib an neuen, unbekannten Krankheiten.

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Wegen solcher Krankheiten waren die meisten Kinder an Bord der EUKA­
LYPTUS gekommen, die als eine Art Sanatorium die Erde umkreiste, bis eine
noch immer ungeklärte Katastrophe das Schiff in den Kosmos entführte und
die   Mannschaft   flüchten   ließ.   Aus   eigener   Kraft   und   mit   Hilfe   der   Welt­
raumärzte hatten die Kinder die auftauchenden Probleme gemeistert und das
Schiff schließlich in Besitz genommen.
Fantasia war es, die von den Weltraumärzten erzählte. Als sie zu Ende gere­
det hatte, platzte Alexander heraus: „Hinter der Schneegrenze, dort wo die
Blumen blühen und die Erde überall grün ist, steht ein Iglu aus Eisen. Da lebt
ein   Wesen,   das   haargenau   so   aussieht,   wie   du   uns   die   Weltraumärzte   be­
schrieben   hast.  Mit  einem   birnenförmigen  Kopf. Und  ein  anderes   lebt  bei
ihm. Es ist so winzig, daß es auf meiner Handfläche Platz hätte.“
„Mit einer gaaanz langen Nase?“ trompetete Lonzo. Harpo und die anderen
horchten auf.
„Ja“, rief Alexander. „Mit einer gaaanz langen Nase und Schlappohren. Es
ist sehr niedlich und sehr nett. Wir haben zusammen gespielt, als mein Vater
mich in den Eiseniglu brachte, weil meine Zähne wackelten.“
„Ein Weltraumarzt auf diesem Planeten?“ Die Kinder staunten und steck­
ten die Köpfe zusammen. In der gleichen Sekunde wurde ein neuer Plan ge­
boren. „Den müssen wir unbedingt besuchen!“
Sie rannten alle zusammen zu Flunki, der sich gerade wieder mit seinem
heimlichen Freund Alleswisser in den Haaren lag.

Der blinde Passagier

Flunki war sofort Feuer und Flamme, als er von dem Plan der Kinder er­
fuhr. Selbstverständlich war er gern bereit, die Freunde in seinem Schlitten
zum  Sommerland   zu  fahren.  Der  Schlitten  war   ja  ein  Mehrzweckfahrzeug,
das sich genauso gut auch außerhalb von Schneezonen auf einem Luftpolster
bewegen konnte.
„Beim Schneebesen!“ knurrte er, als Harpo seine Bitte vorbrachte. „Habe
ich euch nicht tausendmal erklärt, daß alles, was mir gehört, auch meinen
Freunden gehört?“
Schüchtern meinte Harpo: „Nun, vielleicht hast du etwas anderes vor ...“
„Papperlapapp! Klar fahren wir zu dem Zahnklempner  hinaus! Der kann
sich  bei der   Gelegenheit  direkt  mal  die Reste meiner   Beißerchen  ansehen.
Worauf warten wir noch? Alles aufsteigen, und ab geht es!“
Ganz so eilig hatten es die Freunde nun noch nicht. Schließlich mußte man
sich  erst  einmal   ausgiebig   von  den  Rotpelzen  verabschieden.  Und  die  Zu­
rückgebliebenen,   sowohl   die   Besatzungsmitglieder   der   EUKALYPTUS   wie
auch die Raufbolde des Borro­Clans und ihre Gäste, mußten über den neuen
Ortswechsel informiert werden. Das war aber schnell getan. Micel Fopp, der

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gerade in der Funkzentrale des Beibootes A­9 saß, freute sich, die Freunde zu
hören.   Inzwischen   hatte   ein   richtiger   Pendelverkehr   zwischen   dem   Raum­
schiff und den Raufbolden eingesetzt. Die Boote kamen kaum zur Ruhe. Sie
schafften die EUKALYPTUS­Leute zum  Nordpol und die neugierigen Rauf­
bolde auf das Sternenschiff.
Der Abschied von den freundlichen und gar nicht so faulen Rotpelzen fiel
allen schwer. Selbst Flunki, der vor Verlegenheit freundlich und grob zugleich
wurde   und   sich   von  Alleswisser   mit   einigen   Knüffen   verabschiedete.   Alex­
ander   gab   allen   einen  sanften  Schmatz   auf   die  Nase,   worauf   seine  Mutter
meinte: „Wir beschmatzen  uns immer  auf  die Nase oder  reiben die Nasen
gegeneinander, wenn wir uns mögen. Unser Sohn scheint euch sehr gern zu
haben.“ Bei diesen Worten lächelte sie geheimnisvoll.
Fettwanst winkte mit einem rotgepunkteten Taschentuch, das ihm Lori ge­
schenkt   hatte.   Die   Rotpelze   brummten   ein   Lied,   das   mit   Abschied   und
Wiedersehen zu tun hatte, außerdem von einem Raufbold handelte, der ewig
nörgelte.  Es  hörte   sich  sehr lustig  an. Merkwürdig   war  eigentlich  nur,   daß
sich Alexander verdrückt hatte, als sich der Motorschlitten dröhnend in Be­
wegung setzte.
Das Gefährt glitt knirschend über die Schneedecke und ließ das Lager der
Rotpelze schnell hinter sich. Der Raufbold stand hinter dem Steuer, ließ aber
gelegentlich auch Harpo und Fantasia die Bedienung übernehmen, nachdem
er ihnen alles genau erklärt hatte. Lonzo schaukelte mit seinen Greiftentakeln
die kleine Lori in den Schlaf und sang mit leiser, knarrender Stimme: „Wir
fahren durch bis morgen früh und singen bumsfallera ...“
Stunden später, als der Rieseniglu der Rotpelze weit hinter ihnen lag und
die   Sonne   Archimedes   sich   anschickte,   hinter   dem   Horizont   zu
verschwinden, begann Flunki plötzlich an den Armaturen herumzufummeln.
„Sack Zement!“ schimpfte er in sich hinein. Und dann: „Der Eierdieb soll
mich holen!“ Harpo sah, daß Flunkis Gnomengesicht sich in tausend Falten
legte und der Bart sich wie der Stachelpanzer eines Igels sträubte.
„Ist was?“ erkundigte er sich.
„Bei allen Rutschbahnen des Universums!“ fauchte der Raufbold. „Mit dem
Treibstoff ist etwas faul! Lonzo!“
„Zu Befehl, Herr Admiral!“
„Sei ehrlich!“ Flunki hob einen Zeigefinger und stieß ihn gegen Lonzos di­
cken Metallbauch. „Hast du dich etwa erdreistet, von unserem Kraftstoff zu
trinken?“
„Iiiiich?“ krächzte der Roboter empört. „Warum werde ich bei solchen Ge­
legenheiten immer verdächtigt? Bei meiner kalten Seele! Nie würde ich das
tun. Nie und nimmerlich!“ Zum Eid hob er zwei Tentakel in die Luft, worauf
Lori erwachte und sich die Augen rieb.
Der Raufbold setzte seinen Helm ab, wischte sich mit einem riesigen ka­
rierten Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn, bleckte die Zähne und
knurrte:  „Also  wenn ich   den erwische, der uns  die 43.212,6  Schambuddels

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Treibstoff geklaut hat! Die fehlen nämlich. Na ja, könnte auch sein, daß wir
ein Leck ...“
„Wieviel   sind   denn   43.000   Schambuddels,   Flunki?“   fragte   Lori   gähnend.
„Sicherlich sehr viel, oder?“
„Das will ich meinen“, erwiderte der Raufbold. „Mindestens ein Fingerhut
voll. Ein Skandal!“
Flunki überließ Harpo das Steuer und rieb sich die Hände. Noch  immer
raste der Motorschlitten über die weite, weiße Landschaft dahin. Dann schob
der  kleine   Raufbold   Fantasia  beiseite  und  drängte   sich  an  Lonzo und   Lori
vorbei zu einem kleinen, nur mit einem Fellvorhang bedeckten Durchgang,
der zum Laderaum führte. Blitzschnell riß er den Vorhang zur Seite.
„Ha!“ brüllte er mit Donnerstimme. „Dachte ich mir’s doch!“
„Ich habe euren Kraftsaft nicht getrunken, Herr Raufbold!“ rief der kleine
Rotpelz, der dort stand und sich nun ängstlich die Hände vor die Augen hielt.
„Ich war es nicht, ganz gewiß nicht!“
„Ja, ist denn das ...“ Flunki machte wieder Anstalten, auf der Stelle zu explo­
dieren. Er wirbelte herum, stand plötzlich auf den Händen, strampelte mit
den Beinen und biß schließlich wütend in den Fellteppich, der den Boden der
Kabine bedeckte.
„Alexander!“ dröhnte Lonzo blechern.
„Wo kommst du denn her?“ fragten Lori und Fantasia freudig überrascht
wie aus einem Munde. Harpo entglitt fast das Steuer. Rasch drosselte er das
Tempo. „Bist du etwa von zu Hause abgehauen?“ fragte er.
Der   kleine   Rotpelz,   der   jetzt   schüchtern   die   Fahrerkabine   betrat,   schien
dem Weinen ernsthaft nahe zu sein. „Wenn’s gestattet ist, edle Damen und
Herren,   edle   Eisenmaschine,   edler   Oberraufbold:   Mein   Herz   dürstet   nach
Abenteuern, die ich, so wag’  ich’s anzutragen, an eurer geschätzten Seite in
fernen Landen zu erleben hoffe. Meine Eltern huben zwar an, mich zu war­
nen, weil alldorten in der weiten, schneelosen Welt sich reichlich viel Gefah­
ren über den Häuptern kleiner Rotpelze zusammendräuen,   jedoch konnte
mich nichts zurückhalten, nicht länger mehr wollte ich fürderhin Angelhaken
sortieren ... Und so bin ich allhier.“
„Was spricht der denn auf einmal so komisch?“ fragte Lori kichernd.
„Jemand   muß   den   Translator   verstellt   haben“,   meinte   Harpo.   Flunki,   in
dessen Ohren alles viel normaler geklungen haben mußte, da er die Rotpelz­
Sprache verstand, sah einen Moment verständnislos drein, lachte dann aber
mit, weil man schließlich Gründe zum Lachen niemals verpassen soll.
„So seid ihr am Ende gar nicht vergrätzt und gram?“ fragte Alexander noch,
dann hatte Harpo den Translator wieder einjustiert. Bei dem Gelächter der
Freunde hatte der kleine Bär Hoffnung geschöpft.
Harpo schüttelte den Kopf, daß die langen Haare nur so flogen. „Ich be­
stimmt nicht. Wenn Flunki nichts dagegen hat ... kannst du sicherlich mit uns
mitkommen.“
Flunki murmelte undeutlich etwas, das wie: „...Umpph, grrrumph ... Bären­
bengel ... grrr ... aber nett ... soll mitkommen ...“ klang.

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Alexander atmete auf und meinte ziemlich selig: „Da bin ich aber beruhigt!
Ich dachte schon, ich hätte euch gründlich verärgert.“
Lonzo   winkte   den   Ausreißer   zu   sich   heran:   „Du   hast   doch   wohl   eine
Erlaubnis von deinen Eltern für dieses Unternehmen?“ fragte er und tat sehr
grimmig.   Aber   in   dieser   Beziehung   konnte   ihn   Alexander   beruhigen.   Jeder
junge Rotpelz ging einmal im Leben auf Wanderschaft und ließ sich dann gar
nicht selten in einem anderen Clan nieder. Damit wurde nicht nur erreicht,
daß die Bärenjungen und Bärenmädchen sich auf eigene Füße stellten und
die Welt kennenlernten, sondern gleichzeitig kam es auch dazu, daß man in
anderen Clans Freunde und Verwandte hatte und immer tüchtig feiern konn­
te, wenn man einander mal begegnete. Da sich Harpo an das geheimnisvolle
Lächeln   von   Alexanders   Mutter   beim   Abschied   erinnerte,   war   damit   wohl
ziemlich klar, daß der junge Rotpelz nicht flunkerte. Zumindest die Mutter
hatte von seinem Plan gewußt.
Als Flunki wieder das Steuer übernahm, erklärte er, daß er durch die Treib­
stoffanzeige   darauf   gekommen   war,   daß   sich   eine   zusätzliche   Person   oder
andere  unbekannte Fracht an Bord befinden mußte. Die Instrumente waren
sehr empfindlich und zeigten bereits unerhebliche Differenzen an.
Kaum hatte er seine  Erklärung  abgegeben,  als der Motor  zu stottern  be­
gann. Sofort ging der Raufbold mit der Geschwindigkeit herunter.
„Da   haben   wir   den   Salat!“   brüllte   Flunki.   „Die   elende   Schneegurke
verweigert den Gehorsam! Das lasse ich mir nicht gefallen!“
„Tut doch etwas“, rief Harpo, dem der Gedanke, inmitten dieser Schnee­
wüste zu stranden, gar nicht gefiel.
„Alle  Mann von Bord!“ quakte Lonzo. „Frauen  und Roboter zuerst.  Oder
noch besser: Sämtlichen Ballast abwerfen.“
„Ich springe ja schon hinaus“, meinte Alexander schuldbewußt, aber Lori
und Fantasia hielten ihn an seinem glänzenden Fell zurück. „Aber du doch
nicht!“
Spotz, spotz! machte der Motor, dann setzte er endgültig aus. Der Schlitten
fegte noch einige Dutzend Meter weiter, schließlich fuhr er sich im lockeren
Schnee fest. Am Horizont war ein Grünstreifen aufgetaucht, aber bis dorthin
erstreckten sich noch viele Kilometer Schneeboden.
Flunki vertauschte fluchend seine Kleidung mit einer blauen Leinenmon­
tur   und   zeigte   dabei   zum   erstenmal,   daß   er   dicke,   graue,   flauschige   Un­
terhosen trug. In dem Monteuranzug bot er ein ganz ungewohntes Bild und
wirkte eigentlich  gar nicht mehr wie ein Raufbold, sondern wie ein viel zu
klein geratener Monteur von der Erde. Er zerrte ein paar Bodenbleche hoch
und krabbelte in einen darunter sichtbar werdenden Tunnel. Nach wenigen
Minuten kam er ölverschmiert zurück und ließ erst einmal einen schreckli­
chen, meterlangen Dauerfluch los, bei dem sich Alexanders Pelz sträubte.
„Wir   haben   einen   Plastikbulbsel   verloren“,   erklärte   er   schließlich.   „Und
ausgerechnet einen, für den kein Ersatz an Bord ist!“
„Plastikbulbsel?“ fragte Lonzo. Ein lautes Klicken ertönte, dann öffnete sich
auf   seiner   Brust   eine   Klappe,   und   ein   Kästchen   mit   allerlei   Schräubchen,

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Dübeln, Haken, Nieten und Pfropfen sprang heraus. „Was immer ein Plastik­
bulbsel sein mag: Vielleicht habe ich einen!“ rief er. „Schon Captain Kidd lob­
te stets mein Sortiment an Tauwerk, Rum und Kleinodien.“
„Ha!“ rief Flunki, stürzte auf den Kasten zu und fischte eine Schraubenmut­
ter mit selbstsichernder Kunststoffauskleidung heraus. Genau einen solchen
Bulbsel brauche ich! Dieser Seemann ist ja ein wandelnder Ersatzteilkasten!“
„Nicht verzagen, Lonzo fragen“, sagte der Roboter gelassen und ließ sein
Kästchen  und   die  Klappe   verschwinden,   während   Flunki   bereits   wieder   in
den Tunnel hinabstieg.
Während noch repariert wurde, steckte Alexander seine Bärennase schnüf­
felnd aus dem Schlitten hinaus und sog die Luft ein. „Herrlich riecht es hier“,
meinte er. „Wie im Sommer bei uns zu Hause.“ Er deutete auf die Grashalme,
die   vereinzelt   doch   schon   aus   der   nur   noch   dünnen   Schneedecke   ragten.
„Bald sind wir im Grünen. Ich kann es kaum noch erwarten.“
Bis auf Flunki, der reparierte, und Lonzo, der überflüssige Ratschläge für
die Reparatur gab, stiegen jetzt alle aus und liefen ein Stück dem Horizont
entgegen. Hier war es längst nicht mehr so kalt wie im Lager der Rotpelze.
Man schwitzte sogar ein bißchen in den dicken Anzügen. Fantasia entdeckte
in der Ferne einen ersten Baum, und Lori deutete verzückt  auf ein kleines
Tier   mit   gelbem   Pelz   und   buschigem   Schwanz,   das   sie   aus   tiefschwarzen
Augen neugierig anstarrte und dann davonhuschte.
Die Luft war herrlich – sie schmeckte noch besser als Eiskrem und war mit
dem künstlichen Atemgemisch auf der EUKALYPTUS überhaupt nicht zu ver­
gleichen. Und man konnte sich nach allen Seiten frei bewegen. Es gab keine
Metallwand, keine Decke und keine Treppe. Erst jetzt erfaßten die Kinder von
der Erde so richtig, was es hieß, einen ganzen Planeten vor sich zu haben.
Fantasia umarmte ganz überraschend Harpo. In ihren Augen stand die stum­
me Frage, ob sie nicht alle die EUKALYPTUS vergessen sollten, um sich hier
irgendwo anzusiedeln. Bisher war ihnen allen dieser Planet als einzige Eis­
wüste erschienen. Mit dem Grün erwachte ein neuer Unternehmungsgeist.
„He,   ihr   Träumer!“   bellte   Flunki   von   weitem   und   schwang   dabei   einen
Schraubenschlüssel, der länger war als sein Unterarm. „Es geht weiter!“
Harpo zuckte zusammen. Er hatte tatsächlich für einen Moment lang ein
Bild aus einer greifbar nahen Traumwelt vor Augen gehabt. Es gab dort einen
Iglu   am   Rande   des   Schnees,   in   dem   er   mit   Thunderclap,   Ollie,   seiner
Schwester Anca, Lori, Lonzo und all den anderen, vor allem aber mit Fan­
tasia, lebte. Man tat, wozu man gerade Lust hatte: Schlitten fahren, fischen,
Netze flicken ...
„Kommt, Freunde“, sagte er und nahm erst Lori, dann auch Fantasia bei
der Hand. „Unser Weg ist noch nicht zu Ende!“

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Die Station des Weltraumarztes

Als der Schlitten die Schneegrenze überquerte, gab es einen leichten Ruck,
dann   schaltete   Flunki   den   Luftkissen­Antrieb   ein.   Es   wurde   ein   bißchen
lauter, aber sonst bemerkte man keinen großen Unterschied. Das Fahrzeug
schwebte   jetzt   dreißig   Zentimeter     über   dem   Boden   dahin,   getragen   von
einem   Polster   aus   zusammengepreßter   Luft.   Da   die   milde   Witterung   die
Schutzkuppel   überflüssig   machte,   drückte   der   Raufbold   kurzerhand   einen
Knopf. Die durchsichtige Kuppel glitt zwischen die Blechverkleidung.
„Sollte mich gar nicht wundern, wenn sich diese Kiste auch noch in eine
Badewanne verwandeln läßt“, äußerte Harpo anerkennend.
„Das   kannst   du   haben!“   rief   der   Raufbold   und   ließ   einen   dünnen
Wasserstrahl aus dem Armaturenbrett zielsicher in Harpos Gesicht schießen.
Flunki lachte dröhnend, als sich Harpo wie ein nasser Pudel schüttelte, wäh­
rend die anderen Passagiere sich schreiend in Sicherheit brachten.
„Meine Frisur, meine herrliche Frisur!“ zeterte Lonzo, der nicht ein einziges
Haar unter seiner Matrosenmütze hatte.
Fünfhundert   Kilometer   hatten   sie   bereits   zurückgelegt.   In   dieser   Region
war von Schnee nicht mehr die geringste Spur zu bemerken. Vor ihnen öffne­
te sich eine weite, grünblaue Ebene mit verstreuten Baumoasen. Die Blätter
der Bäume wuchsen direkt aus den Stämmen und waren so groß, daß man
sich dahinter verstecken konnte. Goldene Blütensporen trieben wie in Zeitlu­
pentempo durch die Luft. Überall summte und zirpte es aus der hellblau­mil­
chig­weißen Luft.
Flunki hatte nicht übertrieben, als er die Schönheit und Vielfalt des Plane­
ten   pries:   Scharen   von   rotgefiederten   Vögeln   mit   Krummschnäbeln   und
Stelzfüßen sahen neugierig zu, als das Fahrzeug an ihnen vorbeizischte; ein
Rudel pferdeähnlicher, aber nur hundegroßer Tiere mit schwarzweißgefleck­
tem Fell und spitzen Hörnern auf den Nasen flitzte auseinander, als sie einen
seichten Fluß durchquerten, in dem die Tiere gerade badeten. Das Wasser
spritzte und sprudelte, daß es eine wahre Pracht war. Aus dem Uferschilf ent­
fernten   sich   aufgeschreckt   blaue   Eidechsen.   Im   Fluß   tummelten   sich   see­
hundgroße   Fische,   die   man   durch   das   kristallklare   Wasser   gut   erkennen
konnte. Gelegentlich steckten sie ihre Köpfe über den Wasserspiegel, fuhren
sich mit langen Flossen über ihre haarigen Schnurrbärte und schickten zor­
nige Jaullaute hinter dem Fahrzeug her. Am Himmel segelte ein drohender,
schwarzer  Schatten: ein langhalsiger  Vogel, der wie ein Geier einen kahlen
Kopf und eine dichte, aufgeplusterte Halskrause hatte.
„Das ist ein Eierdieb!“ rief Flunki aufgeregt, als Lori ihn auf den Vogel auf­
merksam machte.
„Warum hat er denn diesen komischen Namen?“ wollte Lori wissen.
„Potzdonner, euer Wissensdurst gefällt mir“, sagte Flunki und zwirbelte die
Schnurrbartenden. „Der Kamerad heißt so, weil er seine eigenen Eier nicht
ausbrütet. Sie gefallen ihm nämlich nicht, weil sie rosa sind. Dafür klaut er

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sich dann die schönen, goldgesprenkelten Eier der Höhlensalamander und
schleppt sie in sein Nest. Groß genug ist er ja dazu, und mit seinen Klauen
möchte ich lieber keine Bekanntschaft machen. Ich habe einmal beobachtet,
wie ein kleiner Salamander in einem Eierdieb­Nest ausschlüpfte. Der Vogel
hat vor lauter Schreck fast alle Federn abgeworfen. Hohoho! Eigentlich müß­
ten die Eierdiebe ja mit der Zeit lernen, daß aus den Eiern, die sie ausbrüten,
Salamander krabbeln, aber sie sind einfach zu dumm dazu. Jahr um Jahr ma­
chen sie das gleiche!“
„Und wer brütet ihre eigenen Eier aus?“ wollte Harpo wissen.
„Das  schafft   die   Sonne   allein“,   antwortete   Flunki   zwinkernd.   „Vorausge­
setzt, sie fallen vorher nicht einem Eiersammler in die Hände.“
„Und was ist das für ein Tier?“ fragte Lori, begierig darauf, ein neues, phan­
tastisches Wesen geschildert zu bekommen.
„Oh“,   meinte   Flunki   grinsend.   „Das   sind   Wesen   mit   großen   Bärten   und
Eisenhelmen. Man nennt sie auch Raufbolde.“
Fettwanst hatte ihnen eine Landkarte mitgegeben, die aus einem Stück Le­
der mit eingeritzten Angaben bestand. Aber Flunki kannte den Weg so gut,
daß er die Karte nicht benutzen mußte. Schließlich konnte er stolz auf einen
Punkt am Horizont deuten, der schnell größer wurde und sich als die Station
des   Weltraumarztes   entpuppte   –   denn   nach   allem,   was   sie   bisher   gehört
hatten,   konnte   ja   kaum   ein   Zweifel   daran   bestehen,   daß   ein   Angehöriger
dieser Rasse sich hier aufhielt. Das Gebäude hatte eine gewisse Ähnlichkeit
mit   einem   irdischen   Observatorium   und   trug   auch   tatsächlich   in   einem
Schlitz der Rundung ein gewaltiges Fernrohr. Aber auch Alexanders Bezeich­
nung „Eiseniglu“ konnte nicht von der Hand gewiesen werden. Das Gebäude
ähnelte einem Iglu oder einer unten abgeflachten Riesenmurmel.
Die   Freunde   staunten,   als   ihnen   Trompo   entgegeneilte,   jener   Miniatur­
elefant,   den   sie   auf   der   EUKALYPTUS   glaubten.   Aber   es   war   gar   nicht
Trompo,   stellte   Lori   fest,   als   sie   nach   draußen   sprang   und   das   kuschelige
Wesen   auf   den   Arm   nahm.   Natürlich:   Dies   war   Trompo   II,   jenes   andere
Wesen aus Trompos Rasse, von dem Alexander schon erzählt hatte. Trompos
Artgenossen halfen den Weltraumärzten mit ihren besonderen Fähigkeiten
bei der Arbeit. Kein Zweifel, hier hielt sich ein Weltraumarzt auf.
Da kam er auch schon aus dem Gebäude, blickte freundlich zu ihnen her­
über und erwartete sie dann mit verschränkten Armen am Eingang. Er trug
einen enganliegenden, silbernen Anzug mit einem schwarzen, ziemlich ho­
hen   Stehkragen.   Sein   Kopf   glich   einer   auf   die   Spitze   gestellten   Birne   mit
winzigen, spitzen Ohren und kugelrunden Augen.
„Ich habe euch schon erwartet“, sagte er zur Begrüßung und geleitete die
Besucher ins Innere.
„Ja, können sie denn Gedanken lesen?“ fragte Lori verblüfft.
„Verrat!“   machte   sich   Lonzo   bemerkbar,   aber   jeder   wußte   ja,   daß   er   es
nicht ernst meinte. Es gab nur eine Erklärung: Der Arzt hatte Kontakt mit der
EUKALYPTUS aufgenommen und erfahren, daß der Schlitten zu ihm unter­
wegs war.

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„Na,   ganz   so   war   es   nicht“,   erklärte   der   Mediziner,   nachdem   er   zuvor
allerlei saftige Früchte aufgetischt hatte. „Ich erhielt einen Funkspruch von
Kollegen, die euch vor einigen Monaten im Weltall treibend gesehen haben.
Sie hielten es für möglich, daß das Raumschiff vom Schwerefeld eines Plane­
ten im Archimedes­System eingefangen würde. Schließlich konnte ich euch
orten. Erst kürzlich gelang mir allerdings die Verbindung zu einem Burschen
namens Vielsprechermund ...“
„Schwatzmaul!“   riefen   die   Kinder.   „Der   Translator   hat   den   Namen   ja
mächtig verballhornt.  Und außerdem hat die eitle Maschine verschwiegen,
daß sie ein Computer ist!“
„Er verband mich dann mit einem gewissen Donnerwetter Übermensch ...“
„Mit wem?“ schrie Harpo fasziniert, aber dann lachte er los, als ihm einfiel,
daß damit nur Thunderclap Genius gemeint sein konnte.
„Na“,   meinte   Flunki,   „Thunderclap   Genius   hört   sich   aber   auch   komisch
an.“
„Eigentlich heißt er ja auch ...“ begann Lonzo, aber dieses Mal war es Har­
po, der den vorwitzigen Roboter mit einem Knuff in die Metallrippen zum
Schweigen  brachte.   Thunderclap   hütete   seinen  wahren   Namen  wie   seinen
Augapfel,   und   der   Grund   dafür   war,   daß   er   noch   komischer   war   als   der
jetzige.
Nach   dem   Essen   besichtigten   sie   die   Station   des   Mediziners.   Seinen
Namen hatte er mit einer Lautkombination angegeben, die selbst Lonzos fo­
tografisches Gedächtnis kaum korrekt wiedergeben konnte. Er bestand aus
einer Ansammlung von Zischtönen und Konsonanten.
Lori schlug vor, den Arzt Karl­Herbert zu nennen, was Harpo nicht gefiel,
worauf Fantasia Walter vorschlug, was Lonzo auf die Palme brachte. Der von
Flunki erfundene Name Zahnklempner stieß bei Alexander  auf Ablehnung,
weshalb man sich schließlich und endlich auf „Hugo“ einigte. Flunki bedau­
erte seinen Vorschlag nachträglich, als der hellhörig gewordene Galaktische
Mediziner   sein  Zahnarztbesteck   heranschleppte   und  auf  den  Raufbold   zu­
ging.
Flunki   riß   nicht   nur   so   geschwind   aus   wie  ein   Wiesel,  sondern   kletterte
auch   noch   auf   einen   Baum   und   war   erst   nach   etlichen   heiligen   Eiden   zu
überreden, wieder in die Station zu kommen.
Hugo versäumte es nicht, den Freunden seine Laboratorien zu zeigen, in
denen   unübersehbare   Reihen   von   chromglänzenden   Maschinen   standen.
Wie   er   erklärte,   bestand   der   Hauptzweck   der   Station   darin,   auf   Nordpol
wichtige Rohstoffe für Medikamente zu gewinnen, die anderswo im Kosmos
nur schwer aufzufinden waren. Da der Planet in seiner Sommerzone unge­
wöhnlich   fruchtbar   war,   existierten   hier   derart   viele   Formen   pflanzlichen
Lebens, daß sich  für die Medizin  sehr günstige Essenzen gewinnen ließen.
Aber   daneben   war   die   Station   natürlich   auch   dafür   eingerichtet,   diesen
Raumsektor   medizinisch   zu   betreuen,   und  enthielt   zahlreiche   Diagnostik­,
Heil­ und Operationsräume. Hugo und sein Begleiter, besser seine Begleite­
rin, denn Trompo II hieß Neli und war ein Weibchen, lebten ganz allein hier.

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Erst   nach   einer   Dienstzeit   von   zehn   Nordpol­Jahren,   was   etwa   sieben
irdischen Jahren entsprach, wurden sie abgelöst. Die Hälfte dieser Zeit hatten
die beiden bereits abgeleistet. Täglich schwollen die Stöße von Karteikarten
und Heftmappen an, und die Computer, von denen Hugo gleich mehrere be­
saß, ratterten Tag und Nacht, um neue Testergebnisse zu verarbeiten. Hugo
ließ nämlich keine Gelegenheit aus, die teilweise noch unerforschte Fauna
nach weiteren Heilstoffen zu durchforsten und Testreihen zu beginnen.
Gelegentlich gab es auch Patienten aus den Reihen der Raufbolde oder Rot­
pelze,   und   Hugo   freute   sich   immer   über   Abwechslung.   Glücklicherweise
wurden die Nordpol­Bewohner äußerst selten krank, weil sie in einer glückli­
chen Symbiose mit der Natur lebten und darauf verzichtet hatten, ihre Nah­
rung   mit   künstlichen   Zusätzen   zu   vergiften.   Nur   die   Angewohnheit   des
Rauchens,   die   besonders   bei   den   Raufbolden   sehr   verbreitet   war,   gab   ge­
legentlich Anlaß zu einem Krankenbesuch.
„Denkt   daran“,   brabbelte   Lonzo   später,   „daß  auch   Pommfritz   ungesund
sind. Zu viel Fett dran und so!“
„Pommes frites heißt das“, verbesserte Lori kichernd.
„Du hast gut reden“, meinte Harpo anzüglich. „Du kommst mit ein paar
Batterien das ganze Jahr über aus und trinkst höchstens mal ein Kännchen
Öl. Außerdem bestehen unsere Pommes frites sowieso aus Synthofood, sind
also künstlich gemacht, und auch das verwendete Fett ...“
Nach   den   Anstrengungen   der   langen   Fahrt   fiel   es   allen   leicht,   in   einen
tiefen Schlummer zu fallen, kaum daß sie es sich in einigen leerstehenden
Krankenbetten bequem gemacht hatten.
Hugo ließ seine Gäste ausschlafen. Erst am späten Vormittag erwachte Har­
po als erster durch das Gezwitscher unzähliger, etwa daumengroßer Vögel.
Ein   Teil   der   Metallwand   war   zur   Seite   geglitten   und   zeigte   ein   großes
Panoramafenster, durch das die Sonnenstrahlen auf die Betten fielen.
Alexander,   der   als   zweiter   erwachte,   kletterte   sofort   aus   dem   Bett   und
machte   mit   ausgestreckten   Armen   keuchend   und   schnaufend   einige
Kniebeugen. „Ist gesund“, meinte er, als Harpo ihn fragend ansah.
„Ach   du   meine   Güte“,   jammerte   Harpo   und   versteckte   sein   Gesicht   im
Kissen.   „Jetzt   haben   wir   noch   einen   Gesundheitsapostel   am   Hals.   Na,   du
wirst dich gewiß mit unserem kleinen Ollie anfreunden. Wenn der Taschen
hätte, die groß genug wären, würde er die ganze Bordapotheke mit sich her­
umschleppen.“
Wie hungrige Wölfe stürzte die Gruppe nach dem Duschen an den Früh­
stückstisch,   wo   köstliche   Brote   und   Marmeladen   zum   Verzehr   einluden.
Flunki   konnte   es   so   wenig   abwarten,   daß   er   sein   Beschleunigerfeld   ein­
schaltete und dann wie ein Bagger die guten Sachen in sich hineinschaufelte.
„Nicht so schlingen“, riet Alexander und gab dem Raufbold einen freund­
schaftlichen Klaps auf den Rücken, so daß dieser fast mit dem Gesicht in sei­
nen   Teller   tauchte.   „Man   kriegt   Bauchgrimmen   und   Magengeschwüre
davon!“

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Flunki schluckte  verzweifelt  und verdrehte  die  Augen. Schließlich  ließ er
sich sogar dazu bewegen, sein Beschleunigerfeld abzuschalten, und aß dann
fast gesittet, obwohl auch das natürlich nicht ohne Schmatzen und Schlürfen
nach echter Raufboldart vor sich ging.
Nach dem Essen gesellte sich Hugo zu den Gästen und meinte: „Als ich mit
eurem Freund Thunderclap sprach, erzählte er mir übrigens von einem Men­
schen, der auf der EUKALYPTUS im Tiefschlaf liegt.“
„Das ist Daniel Locke“, sagte Fantasia und nickte, nachdem sie sich erst
einmal den Mund abgewischt hatte. Harpo unterdrückte einen Rülpser, aber
Lonzo holte den für Harpo nach und warf ihm anschließend einen vorwurfs­
vollen Blick zu. „Tut man denn so etwas?“
„Also Lonzo ...“ knirschte Harpo. Aber dann erzählte er Hugo von jenem ge­
heimnisvollen Mann, der an Bord der EUKALYPTUS in einem gläsernen Sarg
lag und dennoch lebte.
Die beiden Weltraumärzte Robbie und Freddie hatten den Mann bereits
untersucht, konnten aber keine Diagnose stellen. Fest stand nur, daß Daniel
Lockes Leben von einer gefährlichen Krankheit bedroht wurde, gegen die zu­
mindest  die  Ärzte auf der  Erde kein anderes Mittel   wußten,  als ihn  einzu­
frieren, in der Hoffnung, ihn wieder aufzuwecken, wenn man entsprechende
Heilverfahren  entwickelt   hatte.  Alle  Körperfunktionen  waren  außer   Betrieb
gesetzt, so daß er in seinem Kühlbehälter nicht alterte.
Hugo interessierte sich sehr für den Fall. Er hatte gerade erst sein Studium
abgeschlossen und leistete auf Nordpol gewissermaßen sein Praktikum. Da er
glaubte, mehr zu können, als Zähne zu ziehen und hier und dort einen Ver­
band anzulegen, fühlte er sich von Daniel Lockes rätselhafter Krankheit her­
ausgefordert.
„Wir kehren alle gemeinsam zur EUKALYPTUS zurück“, schlug Harpo vor.
„Dann   kannst   du   dir   den   Patienten   ansehen.   Aber   zuvor   müssen   wir   ver­
anlassen, daß eine der Landefähren uns abholt.“
Als   sie   mit   der   EUKALYPTUS   Funkverbindung   aufnahmen,   meldete   sich
Karlie Müllerchen, der nicht schlecht staunte, als aus seinen Lautsprechern
ein halbes Dutzend Stimmen auf ihn einredeten, so durcheinander, daß er
nicht ein einziges Wort verstand.
„Heilige Milchstraße!“ rief er aus. „Hör dir das bloß einmal an, Thunder­
clap. Ein Hühnerhof mit gackernden Hennen ist dagegen ein Sanatorium!“
„Hallo,   Freunde,   hier   spricht   Logbuchführer   Harpo   Trumpff“,   sprudelte
Harpo schließlich los, nachdem er sich mit mehrfachem „Pschtscht“ gegen
alle anderen durchgesetzt hatte. „Ich habe eine tolle Nachricht für euch ...“

68
Der Schläfer erwacht

Auch die Galaktischen Mediziner, die bei den Kindern der EUKALYPTUS
unter den Namen Robbie und Freddie bekannt waren, hatten dem geheim­
nisvollen Mann im gläsernen Sarg nicht helfen können. Trotz der Perfektion
ihrer durch die Galaxis sausenden Hospitalschiffe – die vorwiegend bei Not­
fällen eingesetzt wurden ­, waren ihnen Grenzen gesetzt, die es in den plane­
taren Stationen, wie Hugo eine bediente, nicht gab.
Zwar   war   auch   der   Weltraumarzt   Hugo   nicht   in   der   Lage,   einen   Toten
wieder zum Leben zu erwecken, aber Daniel Locke war ja nicht tot. Brim Bo­
riam, der schwarze Krauskopf aus Afrika, der an Bord der EUKALYPTUS die
Funktion eines Schiffsarztes ausübte, wurde nicht müde, in seinem weißen
Kittel Hugo die einzelnen Stationen auf der EUKALYPTUS zu zeigen, ihm die
Instrumente zu erklären. Am meisten beeindruckten Hugo die riesigen Ope­
rationsmaschinen,   mit   deren   Hilfe   ein   guter   Mediziner   auch   die   kom­
plizierteste Operation am Kontrollschirm ausführen konnte. Dabei brauchte
er nicht einmal selbst ein Skalpell in die Hand zu nehmen. Die Maschine war
fähig, winzige Nervenbahnen miteinander zu verschweißen, und arbeitete so
genau, daß sie dem Auge längst nicht mehr sichtbare Fäden zusammenfügen
konnte.
Dennoch hatten Hugo und Brim fast zehn Tage lang alle Hände voll zu tun,
um hinter das Geheimnis von Daniel Lockes Krankheit zu kommen. Als erstes
ließ   sich   Hugo   mit   dem   Beiboot   A­9   an   Bord   der   EUKALYPTUS   bringen,
wobei ihn mehrere Kinder begleiteten. Der Rest – einschließlich Flunki und
Alexander – kam mit der nächsten Maschine.
Hugo und Brim untersuchten den Schläfer in seinem gläsernen Sarg auf
Herz und Nieren, wie man so schön sagt, wenn man eine gründliche Unter­
suchung meint. Das war auch nötig, da niemand genau wußte, wie lange der
unbekannte Mann bereits an Bord war und ob er sich durch das lange Liegen
nicht auch noch andere Schädigungen zugezogen hatte. Schließlich hatte es
damals, als die erwachsene Besatzung fluchtartig die EUKALYPTUS verließ
und die Kinder die Zentrale noch nicht kannten, Energieausfälle gegeben.
Energie ist aber nötig, um Kälte zu erzeugen. Thunderclap Genius erklärte
es seinen neugierigen Freunden, nachdem sie eine jubelnde Begrüßungsze­
remonie   über   sich   hatten   ergehen   lassen,   folgendermaßen:   „Elektrischer
Strom   treibt   eine   Art   Pumpe   an.   Mit   der   wird   ein   Kühlmittel   verdichtet   –
wobei es Wärme an die Umgebung abgibt – und anschließend wieder ent­
spannt – wobei es Wärme aus dem Kühlbehälter aufnimmt.“
Das war schwer zu verstehen, und das wurde in diesem Moment all jenen
erschreckend bewußt, die die Lösungen der Physikaufgaben schlichtweg bei
anderen abgeschrieben hatten. Aber alle behielten, daß beim Kühlen immer
ein   Temperaturunterschied   zwischen   einem   kleinen   Kühlraum   und   seiner
Umgebung   entsteht.  Die Wärme  wird  aus  dem Kühlraum   in  den größeren
Raum der Umgebung geleitet. Der kleine Ollie kam sogar ganz allein auf die

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Idee, daß es überhaupt keinen Zweck hat, die Kühlschranktür offenstehen zu
lassen, wenn es einem in der Küche zu heiß ist: Ein offener Kühlschrank kühlt
überhaupt nicht mehr.
Da auch die beste Isolierung die Kälte nicht konstant halten kann, befürch­
tete Hugo, daß bei einem Stromausfall der gläserne Sarg zu warm geworden
sein könnte. Aber nach der Untersuchung hellte sich sein Gesicht auf: Es war
alles in bester Ordnung.
Sechs reparierte Grüne trugen Daniel Locke mitsamt seinem Glasbehälter
zunächst   in   die   A­9  und   dann   in   Hugos   Hospitalstation   auf   Nordpol.   Der
kurze Transport war ungefährlich. Auf der Station angekommen, wurde die
Kühlpumpe sofort wieder an das Stromnetz angeschlossen.
Jetzt konnten Hugo und seine elefantenartige Assistentin, unterstützt von
Brim   Boriam,   mit   den   Hilfsmitteln   der   Station   das   Problem   in   Angriff
nehmen. Zunächst wollte es jedoch einfach nicht gelingen, herauszufinden,
was Daniel Locke genau fehlte. Blut wurde abgezapft und untersucht. Nichts.
Der Körper wurde durchleuchtet.
Nichts.
Winzige Sonden glitten in jede Vene und jedes Organ, aber auch sie fanden
nichts. Erst eine Spezialuntersuchung einzelner Körperzellen brachte an den
Tag, daß eine krankhafte Zellkernwucherung das Leben des Unbekannten ge­
fährdet hatte.
Ein wirklich schwieriges Problem. Aber Hugo und Brim gaben nicht auf.
Tagelang vergruben sie sich inmitten ihrer Geräte und entwickelten schließ­
lich,   mit   Unterstützung   des   Archiv­Computers,   in   dem   die   Daten   von
Millionen Krankheiten sowie Mittel zu deren Bekämpfung gespeichert waren,
eine kombinierte Heilbehandlung. Sie bestand aus einem gespritzten Medi­
kament und einer besonderen Strahlungsart. Während Daniel Locke seiner
Gesundung   entgegenschlief,   drückten   Hugo   und   Brim   sich   glücklich,   aber
zum Umfallen müde, die Hände und nahmen eine Mütze voll Schlaf.
Am nächsten Tag spritzte Hugo dem gleichmäßig atmenden Schläfer ein
belebendes Mittel ein. Fast alle Kinder der EUKALYPTUS befanden sich nun
auf   dem  Planeten   Nordpol.   Auch  eine   große  Anzahl   von  Raufbolden   hatte
sich neugierig eingefunden.
Zufällig hatte sich an der Grenze zur Sommerzone auch ein Rotpelz­Clan
befunden, der von der Aktion gehört hatte und dabeisein wollte.
So   gab   es   in   Hugos   Hospitalstation   ein   ständiges   Kommen   und   Gehen.
Menschen, Rotpelze und Raufbolde drängten durch die Räume oder lieferten
sich an der Schneegrenze Schneeballschlachten. Die Rotpelze erwiesen sich
wegen   ihrer   größeren   Erfahrung   als  fast   unschlagbar,   ließen   aber   hin   und
wieder – gutmütig wie sie waren – auch mal die Kleinen gewinnen. Und es
war eine Seltenheit, wenn man keinen Motorschlitten aus Flunkis Clan zwi­
schen den Hügeln dahinflitzen sah.
„Jemineh“, stöhnte Hugo, als er den Andrang wahrnahm. „Jetzt merke ich
erst einmal, wie schön Einsamkeit sein kann!“

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Als sie das Lager Daniel Lockes umstanden, fragte Fidel leise: „Was machen
wir, wenn der Alte versucht, uns Befehle zu erteilen?“ Er hatte nicht aufgege­
ben, alle Erwachsenen als Alte zu bezeichnen und machte lediglich bei Babs
eine Ausnahme. Er war mißtrauisch gegenüber jedem, der älter als zwanzig
war.
Insgeheim mußte auch Harpo zugeben, daß er darüber schon nachgedacht
hatte. Weder wußte man, wer Daniel Locke war, noch was er auf der Erde ge­
macht hatte. Vielleicht war er es gewöhnt, andere Leute herumzukomman­
dieren, und sah die junge Mannschaft des Raumschiffes als eine Kinderschar
an, die eine starke Hand benötigte?
„Wir lassen uns das einfach nicht gefallen“, gab Harpo ebenso leise zurück.
Er wußte, daß alle so dachten. Und das war kein Wunder. Schließlich hatte
die ehemalige Besatzung die EUKALYPTUS in heller Panik verlassen und sie
alle   einem   ungewissen   Schicksal   ausgesetzt.   Sie   hatten   nichts   dazu   beige­
tragen, daß die Kinder den Planeten Nordpol erreicht hatten. Nein, das war
allein ihr Werk – und sie waren stolz auf das, was sie geleistet hatten. Es gab
keinen Grund, sich jemanden vor die Nase setzen zu lassen.
In diesem Moment schlug Daniel Locke die Augen auf. Er machte: „Hat­
schi!“ und blickte in Hugos blaues, birnenförmiges Gesicht, weil dieser sich
gerade über seinen Patienten beugte. Dann drehte er leicht den Kopf, starrte
auf   Brims   schwarzes   Gesicht,   verharrte   einen   Augenblick   auf   Alexanders
zotteligem Bärenpelz  und blieb  dann an  den freundlich  grinsenden Zügen
Flunkis hängen, dessen listige Äuglein ihm entgegenblinzelten, während er
die Zähne fletschte und seinen Schnurrbart zwirbelte.
Verwirrt schloß der Mann die Augen und murmelte: „Ganz klar. Ich bin ver­
rückt geworden. Kann gar nicht anders sein.“
„Daniel!“   rief   Harpo.   Er   hatte   sich   nun   tapfer   entschlossen,   den   Mann
gleich   mit   seinem   Vornamen   anzusprechen,   denn   „Herr   Locke“   klang   gar
nicht gut – und wäre schon eine Art Unterordnung gewesen. „Es ist alles in
Ordnung. Wir haben dich im Tiefschlaf gefunden. Du warst sehr krank, aber
Weltraumarzt Hugo und Brim haben dich geheilt!“
Daniel hielt krampfhaft die Augen geschlossen. Seine Zunge leckte nervös
über die Unterlippe. Dann sagte er: „Ein Alptraum. In Breitwand und Farbe!“
Seine Stimme krächzte etwas, als seien seine Stimmbänder nach all den Jah­
ren eingerostet. „Ich muß einfach spinnen!“
„He, er kann ja tatsächlich etwas sagen“, ulkte Flunki mit gespielter Über­
raschung.
„Bären und Zwerge“, sagte Daniel. Offenbar blinzelte er doch ein wenig un­
ter seinen Lidern hervor. „Jungejunge – das wird mir zu Hause keiner glau­
ben!“
„Beim   Vater   aller   Frostbeulen!“   schrie   der   Raufbold   so   laut,  daß  Harpos
Translator zu wackeln begann. Er sprang aus dem Stand in die Luft und gifte­
te:   „Diese   Portion   Tiefkühlkost   wagt   es,   mich   einen   Zwerg   zu   nennen!
Schniefnase und Keuchhusten, dabei bin ich fast einen ganzen Meter groß!“

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Damit  war der Bann gebrochen,  denn  Flunkis Lachfältchen, die deutlich
unter seinem struppigen Bart zu erkennen waren, sprachen eine ganze ande­
re Sprache. Es gelang ihm überhaupt nicht, sie durch ein gewollt grimmiges
Augenfunkeln zu verbergen.
Alle jubelten und fielen sich in die Arme.
„Unter Captain Kidd gab es einen Piraten, der zwar nicht größer als Flunki
Raufbold war“, gab Lonzo zum besten, „aber dafür hatte er andere Talente: Er
wußte immer, wo der Captain seine Schnapsbuddeln versteckt hielt!“
Jetzt  schlug  auch   Daniel  Locke  wieder   die Augen  auf. Nachdem  sich die
erste Verwirrung gelegt hatte, guckte er eigentlich recht freundlich. Und ein
breites,   glückliches   Lächeln   auf   seinem   Gesicht   signalisierte:   Er   hatte
verstanden,  daß  sein  Leben,  das  vor   seinem  Einfrieren  an  einem  seidenen
Faden gehangen hatte, gerettet war.
„Ich scheine also doch nicht zu spinnen. Na, egal, jetzt könnt ihr euch si­
cher vorstellen, daß ich darauf brenne, herauszukriegen, wo ich bin, was das
alles zu bedeuten hat, was das hier für ulkige Leutchen sind, und ... und ...
Ach, ihr wißt schon, ich habe tausend Fragen auf Lager.“
Damit ging es erst richtig los. Alle wollten schnellstens ihre Erlebnisse los­
werden und dem Schläfer möglichst detailgetreu die Abenteuer der EUKA­
LYPTUS­Besatzung   mitteilen.   Selbst   Fidel   ertappte   sich   dabei,   wie   er   mit
leuchtenden   Augen   den   Schneekrabbler   Borro   schilderte.   Es   herrschte   ein
kleines Chaos, so daß Daniel sich schließlich aufsetzte und stöhnend an den
Kopf griff, während Flunki und Lonzo in wilde Entzückensschreie ausbrachen
und ein Tänzchen im Sechsneunteltakt improvisierten.
Der   Lärm   lockte   selbst   Trompo   und   Neli   an.   Trompo,   das   kleine,   rosa­
farbene Elefantenwesen, hatte die Kinder in den letzten beiden Wochen nur
selten   gesehen.   Der   Anblick   der   beiden   kätzchengroßen   Intelligenzen   ließ
Daniel erneut schlucken, aber er fing sich rasch wieder. Später erklärte er, in
diesen   ersten   Minuten   des   Erwachens   geglaubt   zu   haben,   sich   in   einer
wundersamen Traumwelt mit allerlei Phantasiegeschöpfen zu befinden.
Schließlich   verschaffte   sich   Thunderclap   Genius   Gehör   und   schilderte
sachlich, ohne viel auszulassen – aber auch ohne sich groß in Erzählungen
einzelner   Abenteuer   zu   verfransen   –  die   bisherige   Fahrt   der   EUKALYPTUS
und die Verhältnisse auf dem Planeten Nordpol.
„Das“, sagte Daniel nach einer Pause, „muß ich erst einmal verdauen.“ Er
hatte sich bemüht, den Bericht des Jungen im Rollstuhl nicht durch Fragen
zu unterbrechen und fühlte sich jetzt so überfordert, daß ihm alle vorläufig
zurückgestellten Fragen wieder entfallen waren.
„Jetzt bis du an der Reihe, zu erzählen, wie du an Bord des Schiffes gekom­
men bist“, platzte Harpos Schwester Anca heraus. Sie war als eine der letzten
von der EUKALYPTUS nach Nordpol gekommen und beneidete die beiden
ersten   Landungsgruppen   um   die   schon   erlebten   Abenteuer   bei   den   Rauf­
bolden und Rotpelzen.
„Immer langsam“, meldete sich Doktor Brim. „Daniel ist sicher unheimlich
müde und möchte erst mal schlafen.“

72
„Schlafen?“ lachte Daniel. „Ich habe wahrhaftig lange genug geschlafen in
den letzten sechs Jahren.“ Aber er mußte durch ein heftiges Gähnen unfrei­
willig zugeben, daß gerade der lange Schlaf ihn erschöpft hatte. „Ich  fühle
mich ziemlich geplättet“, sagte er, als die Kinder sein raubtierhaftes Gähnen
mit einer Lachsalve beantworteten, „ungefähr so, als hätte mich eine Dampf­
walze überfahren.“
Hugo fragte erst gar nicht lange, sondern verpaßte ihm eine Spritze.
„Autsch!“ quittierte Daniel verdutzt. „He, ich will nicht wieder eingefroren
werden, Hugo!“
„Keine Sorge, diesmal dauert es keine sechs Jahre, sondern höchstens sechs
Stunden“, versicherte der blauhäutige Mediziner.
„Ich   bin  aber   wirklich   ...  uuuaahh   ...  gar   nicht   müde   uuaaahh...“  Daniel
gähnte noch einmal herzhaft, dann fielen ihm die Augen zu. Das kantige Kinn
mit den winzigen Bartstoppeln sackte auf seine Brust. Tiefe und regelmäßige
Atemzüge verrieten, daß er eingeschlafen war.
„Scheint gar kein übler Typ zu sein“, meinte Harpo und sah dabei Fidel an.
Der nickte zögernd.
„Sieht so aus.“ Fidel zuckte mit den Schultern. „Hmm – ich glaube, ich muß
mal über etwas nachdenken, Harpo.“
„Nachdenken?“ fragte Anca. „Worüber denn?“
„Über Vorurteile“, erwiderte Fidel, während er hinausging.
„Ich wette, er hat einen gewaltigen Kohldampf, wenn er wieder aufwacht“,
meinte Karlie Müllerchen. „Ob er Kartoffelpuffer mag?“
Harpo   verzog   das   Gesicht   und   sagte   griesgrämig:   „Wie   kannst   du   daran
zweifeln, Karlie, he?“
Der   über   zwei   Meter   große   Junge   grinste   von   einem   Ohr   zum   anderen.
„Dann   werde   ich   ihm   vorsichtshalber   mal   achtzig   Stück   in   die   Pfanne
hauen ...“

Die lockenden Sterne

Daniel  Locke kehrte nach einem  opulenten  Mahl  zusammen  mit  Harpo,


Thunderclap, Fantasia, Lonzo und Karlie auf die EUKALYPTUS zurück und
sah zum ersten Mal das Schiff, auf dem er so viele Jahre verbracht hatte, aus
der Nähe.
Er   konnte   nicht   verbergen,   daß   dieser   Koloß   großen   Eindruck   auf   ihn
machte.   Zwar   war   er  selbst   Techniker   auf  einer   Werft  für   Raumschiffe  ge­
wesen – und  hatte sogar  am Bau der EUKALYPTUS  mitgewirkt ­, aber  das
fertige   Ergebnis   seiner   Arbeiten   hatte   er   nur   auf   dem   Bildschirm   seines
Fernsehers betrachten können.
Und das war gar nicht so erstaunlich, wie es sich anhörte. Im allgemeinen
baute man Teile der großen Raumschiffe auf der Erde zusammen und brach­

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te sie mit Lastraketen ins All hinaus, wo sie montiert wurden. So hatte Daniel
immer nur einzelne Teile zu Gesicht bekommen und deshalb keinen beson­
ders großen Spaß an seiner Tätigkeit gehabt. Die Montagearbeit im All wurde
wieder von anderen Technikern ausgeführt, die auch  nicht recht zufrieden
waren,   weil   sie   mit   den   Vorarbeiten   nichts   zu   tun   gehabt   hatten.   Ihnen
wurden einzelne Fertigteile übergeben, die sie stur nach einem bestimmten
Konstruktionsplan zusammensetzten. Die Fließbandarbeit hatte man auf der
Erde längst abgeschafft, weil die Leute sie als unmenschlich empfanden und
ablehnten, aber dafür griff das Spezialistentum immer mehr um sich.
„Seht ihr?“  meinte der Rotpelz Alexander. „Bei  uns haben wir das schon
lange   rausgefunden,   daß  es   nicht   eben   das   Selbstbewußtsein   stärkt,   wenn
man stur immer wieder dasselbe machen muß. Erst wenn man eine Sache
ganz entstehen sieht, vom Anfang bis zum Ende – dann macht es Spaß!“
„Warum   tun   die   Monteure   denn   diese   Arbeit?“   fragte   Karlie   ernüchtert.
„Ich meine, wenn sie ihnen doch keine Freude macht ...“
Daniel zuckte die Schultern. „Sie müssen doch irgendwie Geld verdienen,
um Nahrung und Kleidung zu kaufen und eine Wohnung zu mieten“, erklärte
er. „Die meisten Jobs sind so beschaffen. Man kann sich die Arbeit einfach
nicht danach aussuchen, ob sie einem Spaß macht oder nicht.“
„Das ist aber wirklich fies“, meinte Harpo. „Die Leute auf Nordpol tun nur
das, was ihnen Spaß macht. Jeder kann alles. Wir haben es auf der EUKALYP­
TUS ebenso gehalten. Und es klappt – wenigstens meistens.“
Daniel Locke kratzte sich hinter dem Ohr und nickte dann. „Ich staune so­
wieso, daß ihr grünen Jungs mit Eierschalen hinter den Ohren dieses Riesen­
schiff wieder in Schwung gebracht habt, nachdem ein Haufen hochkarätiger
Spezialisten die Flucht ergriffen hat.“
„Eierschalen?“ quakte Lonzo.
„Grüne Jungs?“
Lonzo machte: „Naaaa!“ und drohte Daniel mit allen vier Tentakeln gleich­
zeitig.
„Oh, ‘tschuldigung“, erwiderte Daniel hastig. „Ich falle doch immer wieder
in diese alten Redensarten zurück. Ich bin halt zu erzogen worden. Tut mir
leid. Es dauert eine Weile, bis ich umdenke.“
Er   wußte   inzwischen,   daß   die   Kinder   Bezeichnungen   wie   „grüne   Jungs“
überhaupt nicht hören mochten, und hatte sich auch schon gebessert, aber
gelegentlich rutschte ihm halt noch so etwas raus. Zwar wußten die anderen
genau, daß er es eigentlich gar nicht böse meinte und daß sogar ein gehöriges
Stück Bewunderung hinter seinen Worten steckte. Aber trotzdem ...
„Und wenn schon ‚grüne Jungs‘“ schimpfte Fantasia Einstein, „dann auch
‚grüne Mädchen‘. Wir haben nämlich auch allerhand getan.“
Daniel  lachte  verlegen.  „Verzeihung  Fantasia. Auch  daran muß  ich  mich
erst noch gewöhnen. Als ich klein war, hat man mir den Blödsinn erzählt, daß
Mädchen nicht logisch denken können und deshalb auch nichts von Technik
verstehen.“ Er legte einen Arm entschuldigend um Fantasias Schultern.
„Na, wieder gut?“ Daniel blinzelte.

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Fantasia nickte lächelnd. Sie fühlte sich sehr zu Daniel hingezogen, weil er
sie an ihren Vater erinnerte, obwohl er viel jünger war. Ihr Vater hatte auch
immer so ein angenehmes, breites Lächeln gehabt. Viele Kinder auf der EU­
KALYPTUS waren Waisen – wie Harpo und Anca ­, aber  Fantasia litt noch
immer   darunter,   daß   sie   ihre   Eltern   wahrscheinlich   niemals   wiedersehen
würde.
„Ich dachte mir das schon“, sagte Daniel, nachdem er die Atomreaktoren
und Antriebselemente der EUKALYPTUS besichtigt hatte.
„Was?“ fragten Harpo und Thunderclap wie aus einem Munde.
„Daß etwas faul ist an diesem Raumschiff. Damals auf der Werft wurde von
einem neuartigen Antrieb gemunkelt. Genaues erfuhr man nicht, weil alles
von den Sicherheitsheinis abgeschirmt wurde. Aber zweifellos wurde dieser
neue Antrieb in das Schiff eingebaut.“
„Und was ist daran faul? Hat das vielleicht etwas mit der Katastrophe zu
tun, die die EUKALYPTUS aus ihrer Kreisbahn um die Erde riß?“
„Vielleicht. Es ist auf jeden Fall ziemlich merkwürdig, daß ein Schiff, das
eigentlich   nur   die   Erde   umkreisen   und   nicht   das   Sonnensystem   verlassen
soll, überhaupt einen Antrieb erhält! Was soll es denn damit? Eine normale
Raumstation hätte es für die offiziellen Zwecke auch getan. Und mehr noch:
Das Schiff bekommt einen gänzlich unerprobten Antrieb, mit dem die Men­
schen  zum  ersten  Mal größere  interstellare Entfernungen überwinden  und
mit dem die Schranke der Lichtgeschwindigkeit fällt.“
„Hm“,   meinte   Karlie.   Da   er   sich   stark   für   Astronavigation   interessierte,
wußte er inzwischen, daß das Licht 300 000 Kilometer pro Sekunde zurück­
legt und trotzdem einige Jahre benötigt, bis es von Stern zu Stern dringt. Wer
schneller reisen wollte, mußte also flinker als ein Lichtstrahl sein. Das galt
lange als unmöglich, weil der geniale Physiker Albert Einstein (der übrigens
nicht   mit  Fantasia   verwandt   ist) eine  Theorie  entwickelt   hat,  nach   der  die
Lichtgeschwindigkeit die höchstmögliche Geschwindigkeit im Universum ist.
„Stimmt eigentlich. Aber was steckt dahinter? Was ist der Sinn?“
„Keine Ahnung“, gab Daniel zu. „Vielleicht bleibt das immer ein Geheim­
nis, denn nicht mal Schwatzmaul ist darüber informiert.“
„Der“,   kicherte   Harpo,   „weiß   von   manchen   anderen   Dingen   auch   nicht
viel.“
„Einspruch“,   sagte   Schwatzmaul   über   sein   Lautsprechersystem.   „Ich
protestiere!“ Sein Gerede ging in Daniels weiterer Erklärung völlig unter.
„Ich bin davon überzeugt, daß die EUKALYPTUS nicht in erster Linie als
Sanatoriumsschiff für kranke Kinder gedacht war! Da wurde ein nagelneues
Schiff   mit   fast   zweihundert   Decks   gebaut.   Ein   gewaltiger   Kasten,   auf   dem
zwanzigtausend Menschen sich verlaufen können. Versehen mit einem Supe­
rantrieb. Jeder bei uns auf der Werft glaubte, an einem Sternenschiff zu arbei­
ten. Die Konzeption ist einfach großzügig und ungewöhnlich. Für ein neues
Sanatorium“, fügte er hinzu.
Er schwieg, denn trotz seiner vollständigen Gesundung war sein Tiefschlaf,
auf   den   Daniels   Anwesenheit   überhaupt   zurückzuführen   war,   ein   wunder

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Punkt.   „Ich   bin   jedenfalls   nicht   davon   ausgegangen,   daß   dieses   Schiff   die
Erde auf ewig umkreist, als ich mich einfrieren ließ.“ Daniel hatte es, wie er
berichtete, nur einem Verwandten zu verdanken, daß man sich bereiterklärt
hatte, sich seiner auf dem Hospitalschiff anzunehmen. „Wenn ein Mann in
meiner Lage so schwer krank wird“, sagte er einmal, „dann muß er sterben.
Nur   die   Prominenten   können   da   noch   hoffen,   weil   sie   die   teuersten   Heil­
verfahren bezahlen können.“
Die Methode, Menschen einzufrieren, um sie erst dann wieder aufzuwe­
cken, wenn ein Mittel gegen ihre Krankheit entdeckt wurde, war kostspielig.
Auf der Erde existierten private Tiefschlafdepots, aber wenn man da einen
einfachen Krankenschein vorlegte, kam man nicht einmal am Pförtner vor­
bei. Daniel hatte deshalb schon beinahe resigniert, als ihm sein Arzt mitteilte,
daß er nur noch wenige Monate zu leben hatte.
Ein Verwandter   machte  ihn darauf  aufmerksam, daß  man Freiwillige für
ein Weltraumexperiment suchte, die eingefroren werden sollten. Was genau
dieses   geheimnisumwitterte   Experiment   beinhaltete,   war   Daniel   bis   heute
unklar geblieben – und vermutlich war es auch gar nicht mehr zu rekonstru­
ieren.   Daß   man   seinen   gläsernen   Sarg   jedoch   an   Bord   der   EUKALYPTUS
brachte, unterstützte  seine Vermutung,  daß dieses  Schiff keineswegs allein
zur Erholung irdischer Kinder gedacht war.
„Sagt mal“, meinte er, nachdem er beinahe jeden Quadratzentimeter der
Maschinenräume   inspiziert   hatte,   „ihr   habt   zwar   tolle   Arbeit   geleistet   und
viele Schäden beseitigt – aber ich verstehe nicht ganz, weshalb ihr den An­
trieb nicht zu voller Manövrierfähigkeit gebracht habt. Es ist doch alles an Er­
satzteilen vorhanden, was nötig ist.“
„Waaas?“ fragte Karlie entsetzt. „Das kann doch nicht wahr sein. Es stimmt
zwar, daß alle großen und komplizierten Teile in Reserve genommen wurden,
aber so manches kleine und lebenswichtige Detail fehlte, angefangen bei be­
stimmten Schraubenarten und Werkzeugen.“
Daniel   lachte.   „Da   habt   ihr   euch   foppen  lassen“,   sagte   er  grinsend.   „Ihr
habt bloß nicht erkannt, was zusammengehört! Habt ihr denn die Werkzeug­
maschinen   nicht   gesehen?   Wenn   wirklich   ein   paar   Verbindungselemente
fehlen, könnt ihr die doch mit Leichtigkeit auf den Dreh­, Bohr­, Fräs­, und
Hobelmaschinen selbst anfertigen.“
Karlie und die anderen waren jetzt tatsächlich an der Reihe, rot zu werden.
„Wir haben keine Ahnung, wie man diese Maschinen bedient. Und – ehrlich
gesagt – wir haben nicht das geringste verstanden, wenn wir Schwatzmaul
danach fragten!“
„Wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf“, schaltete sich das Große
Gehirn in die Unterhaltung ein, „so muß ich dazu bemerken, daß ich es un­
seren verehrten Damen und Herren Ingenieuren immer wieder ganz präzise
beschrieben hatte. Und trotzdem haben sie behauptet, meine Worte seien für
sie unverständlich. Dabei bin ich seit dem ersten Stromstoß, der durch meine
Speicherzellen fuhr, dafür bekannt, daß ich äußerst knapp, exakt, ohne über­

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flüssige   Worte   meinen   Aufgaben   genüge.   Wie   schon   weiland   der   Kom­
mandant in seinen Mußestunden zu sagen beliebte ...“
„Was hast du Karlie und den anderen denn gesagt?“ unterbrach Daniel den
Wortschwall des Elektronengehirns.
„Nun ja, ich erklärte ihnen kurz und knapp, was sie beachten müssen, be­
vor sie eine Drehmaschine einschalten, nämlich ein bißchen Werkstofftech­
nologie, ein wenig Elektrotechnik und eine Prise Zerspannungstechnik. Also:
Fe hat drei  Modikatoren, nämlich  kubisch­raumzentrierte  Gitter, stabil  bei
Temperaturen bis 911 Grad Celsius, kubisch­flächenzentrierte Gitter von 911
Grad bis 1392 Grad Celsius. Die Umwandlung geschieht bei steigender Tem­
peratur endotherm, bei fallender Temperatur exotherm, wobei Modifikation
instabil   existenzfähig   infolge   Umwandlungsträgheit   bei   überhärtetem   le­
gierten ...“
Karlie verdrehte die Augen.
„Nein“, stöhnte Daniel. „Das hast du ihnen erklärt?“
„Ja“,   erwiderte   Schwatzmaul.   „Endlich   mal   jemand,   der   meine   Ausfüh­
rungen zu schätzen weiß! Es ist doch wirklich einfach, logisch und absolut
notwendig   für   das   Verständnis,   weshalb   ich   mich   nicht   scheue,   an   dieser
Stelle einmal auszusprechen, meine Damen und Herren – und das muß ein­
mal gesagt werden ­, daß wir zu dieser Stunde im Bewußtsein unserer Verant­
wortung, wie jeder zugeben muß ...“
„Halt!“ donnerte Daniel dazwischen. „Schwatzmaul, du bist ... du bist ein
Schwatzmaul, jawoll! Und ein Hornochse dazu!“
„Vielen Dank“, entgegnete Schwatzmaul. „Ich mag diese großen Tiere, die
Gras kauen und dabei eine Reaktionswärme von ...“
„Schwatzmaul!“ drohte Daniel.
Karlie keuchte: „Hilfe!“
„Aber darf ich wenigstens ...“
„Nein“, entschied Daniel. „Du darfst nicht.“
„Och, wie schade!“
„Durch   solche   Vorträge   werdet   ihr   niemals   lernen,   wie   man   aus   einem
Stück   Metall   eine   Schraube   anfertigt   und   sie   härten   kann.   Oder   wie   man
schweißt   und   schmiedet.   Oder   ganz   einfach   Schrauben   nicht   zu   fest   und
nicht   zu   locker   anzieht.   Kommt   mit,   ich   werde   euch   zuerst   mal   richtiges
Elektroschweißen beibringen.“
„Das können wir schon“, sagte Fantasia stolz. „Sonst wären wir nicht weit
gekommen bei unseren Reparaturarbeiten. Die Weltraumärzte haben uns das
gezeigt.“
Daniel   biß   sich   verlegen   auf   die   Unterlippe.   „Beißt   mich   jetzt   nicht“,
meinte er, „aber ich habe mir die Schweißnähte, die ihr gelegt habt, schon
angesehen.   Also:   Erstaunlicherweise   hält   das   irgendwie,   aber   glaubt   mir,
meinem   alten   Lehrmeister   wären  auf   einen   Schlag   alle   grauen   Haare   aus­
gefallen, wenn er das gesehen hätte. Die Galaktischen Mediziner mögen zwar
Genies auf ihrem Gebiet sein, aber vom Schweißen haben sie nun mal keine
Ahnung.“

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„Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf“, mischte sich Schwatzmaul
wieder   ein,  „achtet   darauf,   daß  die kristalline   Struktur   der  Metallenden   so
verändert wird, daß ein gleichartiges Ganzes ...“
Lachend flüchtete Daniel mit den Kindern. Unten in den Maschinenräu­
men und Antriebskammern gab es nur ganz wenige Lautsprecher, aus denen
der redselige Computer seine Kommentare abgeben konnte. Ganz verzichten
wollten   sie   natürlich   nicht   auf   ihn,   und   später   erwies   sich,   daß   sogar
Schwatzmaul   sich   mit   einiger   Mühe   so   ausdrücken   konnte,   daß   man   ihn
ohne Fachstudium verstand. Er zeigte ihnen genau, wo noch unterbrochene
Leitungen geschweißt, verlötet oder neu verlegt werden mußten und wo tau­
be Teile gegen Ersatz auszutauschen waren.
Harpo, Thunderclap und die anderen kamen aus dem Staunen nicht mehr
heraus, als sie sahen, mit welcher Geschicklichkeit ihr neuer Freund Daniel
die  Werkzeuge zu handhaben verstand.  Er zeigte ihnen mit großer  Geduld
nicht nur, wie geschweißt, gelötet oder an den Werkzeugmaschinen gearbei­
tet wurde, sondern wußte überall Rat, wo es Schwierigkeiten gab.
Wenn ein Schraubenschlüssel zu kurz war, verlängerte er ihn kurzerhand
mit   einem   Rohr;   wo   sich   festgebrannte   Schraubenmuttern   nicht   bewegen
ließen,   hämmerte   er   sie   mit   einem   Meißel   auf.  Und   lässig   bewegte   er  mit
wenigen, geschickt angebrachten Hubzügen und Hydraulikpumpen hausho­
he   Antriebsaggregate,   von   denen   die   Kinder   geglaubt   hatten,   daß   auch
tausend Olympiasieger   im  Gewichtheben  sie nicht  von  der Stelle bewegen
könnten.
Was   eigentlich   mit   dem   Antrieb   passiert   war,   konnte   auch   Daniel   nicht
feststellen. Er war ein guter Monteur, aber kein Wissenschaftler. Sicher war,
daß aus unvorhergesehenen Gründen eine Überlastung erfolgt war, bei der
ein Teil der Anlagen ausgefallen und das Raumschiff in einen Raumsektor ka­
tapultiert worden war, der so weit von der Erde entfernt lag, daß der Sternen­
himmel fremd erschien.
Wo immer die heimatliche Sonne als einer von vielen blitzenden Punkten
am Himmel leuchten mochte: Wenn sie in der halbdunklen Zentrale standen
und durch die gläserne Kuppel hinaufsahen zu den Sternen, spürte jeder der
Freunde ein erregendes Gefühl der Abenteuerlust. Welche seltsamen Welten
und Wesen mochten dort im All auf sie warten?

Zu neuen Abenteuern

Sie hatten sich in der Hauptzentrale der EUKALYPTUS versammelt. Dies
war vielleicht die letzte Versammlung, an der sie alle teilnahmen. Alle, die mit
dem  Raumschiff  zum Planeten Nordpol gekommen waren. Und  schon vor
Beginn der Versammlung wurde deutlich, daß es zwei   verschiedene Lager
gab:   Die   einen   wollten   auf   Nordpol   bleiben,   während   die   anderen   darauf

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brannten, mit dem Schiff zu neuen Planeten vorzudringen. Vergessen war die
Zeit,   als   sie   diesen   Planeten   erreichten,   manövrierunfähig   und   einzig   und
allein darauf bedacht, eine neue Heimat zu finden.
Ein   bißchen   Schuld   dabei   trug   Daniel   Locke,   denn   er   hatte   maßgebend
dabei geholfen, daß  die restlichen  Schäden an  der   EUKALYPTUS  behoben
waren. Alle halfen bei der Reparatur, auch diejenigen, die nicht daran dach­
ten, den Schneeplaneten wieder zu verlassen. Aber die Abenteuerlustigen un­
ter den Kindern hatten keine ruhige Minute mehr, seit Schwatzmaul bestätigt
hatte, daß das Raumschiff nicht nur in jeder Beziehung startklar war, sondern
auch über so große Reaktorvorräte verfügte, daß man damit ein paar hundert
Jahre lang durch das All schippern konnte.
„Riskant   ist   es   trotzdem“,  äußerte   sich   Daniel.   „Wir   wissen   immer   noch
nicht, wie der Antrieb funktioniert und welche Tücken und Kinderkrankhei­
ten   damit   verbunden   sind.   Wer   sagt   uns,   daß   sich   die   Katastrophe   nicht
wiederholt, die das Schiff aus dem Orbit der Erde gerissen hat?“
„Pah“, machte Lonzo wegwerfend. „Wenn Captain Kidd so gedacht hätte,
wäre er niemals Pirat geworden, sondern höchstens Heringsfänger auf dem
Bodensee!“
„Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden“, meinte auch Thunderclap
Genius. „Wenn wir uns auf Nordpol einigeln, erfahren wir niemals, was im All
vorgeht.“
„Ja, müssen wir das denn?“ fragte Fantasia. „Warum genügt es euch nicht,
bei unseren Freunden, den Raufbolden und Rotpelzen zu bleiben? Hier ist es
doch prima!“
Sie hatte eigentlich recht, und Thunderclap wußte selbst ganz gut, daß es
ihm und vielen anderen nur darum ging, neue Abenteuer zu erleben.
„Beim Schneegockel und seinen vierzig Zitterhühnern!“ schimpfte Flunki
los, der neben Alexander, Hugo und einigen weiteren Raufbolden und Rot­
pelzen als Ehrengast an der Versammlung teilnahm. „Warum könnt ihr euch
nicht darauf einigen, daß Nordpol eure neue Heimat wird, daß ihr aber ge­
legentlich Kap... äh ...“
„Kaperfahrten!“ half Lonzo aus.
„...  Kaperfahrten   zu  anderen  Planeten  macht?   Ihr   kehrt   natürlich   immer
wieder   in   den   Heimathafen   zurück   und   bringt   euren   Freunden   Andenken
mit!“
„Respekt, Raufbold“, schmetterte Lonzo los. „Das ist ein wahrhaftig pira­
tiger Einfall! Eine Ehrensalve mit Tusch für den Admiral der Landpiraten von
Nordpol!“
„Rärärärääää!“ brüllte Oliver aus Leibeskräften. „Operationsbasis Nordpol!“
„Wie weit ist es bis zum nächsten Fixstern?“ wollte Harpo wissen.
„Exakt   11,365789456   Lichtjahre“,   meldete   sich   Schwatzmaul,   „wobei   ich
allerdings voraussetzte, daß sich kein Protest erhebt, als ich die letzte  Kom­
mastelle stillschweigend aufrundete ...“
„Und wie lange benötigen wir für die Hin­ und Rückreise?“ fragte Thunder­
clap.

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„Die   reine   Fahrzeit:   drei   Monate,   zwei   Wochen,   vier   Tage,   dreizehn
Stunden, siebenundzwanzig Minuten, vier Sekunden, zwölf Mikrosekunden,
acht ...“
„Also können wir bereits in einem halben Jahr zurück sein, wenn wir uns
nicht länger als drei Monate in dem fremden Sonnensystem aufhalten“, un­
terbrach   dieses   Mal   Harpo   den   Computer.   „Ich   finde,   daß   Flunkis   Einfall
wirklich großartig ist. Es ist demnach gar nicht nötig, daß wir uns trennen –
weil wir einfach immer wieder zurückkehren.“
Ganz so einfach war es natürlich nicht, denn für die weiter entfernten Ster­
ne   würde   man   eine   entsprechend   längere   Fahrzeit   benötigen.   Aber   die
Kinder waren erleichtert, daß es kein Abschied für immer sein würde, wenn
eine Gruppe auf Nordpol zurückblieb und die andere sich auf den Weg zu
den Sternen machte. Das hatte sie nämlich alle sehr bedrückt. Sie waren in
den vergangenen Monaten zusammengewachsen.
„Dann stellen wir jetzt die neue Besatzung der EUKALYPTUS zusammen!“
rief Micel Fopp begeistert. Daß der Gedankenleser mit den kurzen Ärmchen
die  nächste  Reise  mitmachen  würde, war von Anfang an  so klar wie dicke
Tinte.
„Wer bleibt also auf Nordpol zurück?“ fragte Thunderclap.
„Ich!“ schrie Flunki, und seine Raufboldfreunde fielen auf der Stelle mit ein.
„Tausend Eierdiebe mögen mir ihre Brut auf den Kopf werfen, wenn es in
einem   Schneekrabbler   nicht   doch   gemütlicher   ist,   als   in   dieser   Sardinen­
büchse!“
„Und wer noch?“ fragte Thunderclap lachend.
Wie nicht anders zu erwarten war, meldeten sich Tom Schlitz und ein gutes
Dutzend seiner Freunde. Sie hatten sich in den letzten zwei oder drei Wo­
chen stark mit dem Rotpelz­Clan, aus dem Alexander stammte, angefreundet
und wollten zurück in den Iglu, wo Fettwanst und seine Verwandtschaft sich
ihrer angenommen hatten.
Auch Daniel Locke wollte auf dem Planeten bleiben. Er genoß es, endlich
frei zu sein von einengenden Wänden. Er liebte es, stundenlang durch den
Schnee zu stapfen, die frische, ozonreiche Luft in die Lungen zu pumpen und
den kühlen Wind auf der Haut zu spüren. All das hatte er auf der Erde nie ge­
kannt,   und   nun   wollte   er   es   gehörig   auskosten.   Das   war   verständlich.
Außerdem wollte Hugo ihn noch eine Weile unter Beobachtung haben, um
ganz sicher zu gehen, daß die Krankheit ausgeheilt war.
Es gab noch drei Menschen, für die Hugo sich stark interessierte, weil er
hoffte,   etwas   für  sie   tun   zu  können:   Thunderclap,   Lucky   Cicero   und   Babs
Monroe. Thunderclap weigerte sich jedoch Stein und Bein, auf dem Planeten
zu bleiben. So  gern er seinen Rollstuhl  in die Ecke stellen wollte, war ihm
doch das Zusammenbleiben mit seinen engsten Freunden wichtiger – jeden­
falls   im   Moment.   Außerdem   wußte   er,   daß   selbst   mit   den   medizinischen
Künsten   der   Galaktischen   Mediziner   eine   Hilfe   für   ihn   –   wenn   überhaupt
möglich   –   sehr,   sehr   langwierig   war.   Er   hoffte,   daß   er   später   auf   Hugos
Angebot zurückkommen konnte.

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Babs und Lucky ließ Hugo sich aber nicht entreißen. Babs war organisch
gesund, brauchte aber dringend eine eingehende psychische Behandlung.
Wie er Lucky helfen konnte, wußte er noch nicht, aber er war überzeugt,
daß ihm etwas einfallen würde. Einigen Freunden war es nicht so recht, daß
sie auf die Gesellschaft des immer fröhlichen Spielkameraden verzichten soll­
ten, und sie meinten sogar, daß Lucky lieber so bleiben sollte, wie er war.
Aber schließlich sahen sie doch ein, daß sie sehr egoistisch dachten.
Sicherlich würde er etwas ernster werden, wenn es gelang, seinen Geist aus
diesem Kokon zu befreien, der ihn gegen die Umwelt abschirmte, weil dann
viele   Probleme   und   Konflikte   auf   ihn   warteten   wie   auf   jeden   Menschen.
Andererseits würde Lucky jedoch eine andere Art von Lebensfreude kennen­
lernen, uns sein rätselhaftes Talent würde sich dann vielleicht voll entfalten.
Weil der kleine Mongoloide Lucky auf Nordpol blieb, wollte auch Fantasia
die nächste Reise nicht mitmachen. Ihr kleiner Liebling sollte nicht allein zu­
rückbleiben. Es fiel ihr natürlich schwer, Micel und Ollie, ihre beiden anderen
„Pflegekinder“ ohne sie abreisen zu sehen, aber was sollte sie machen?
Die Freunde verloren mit Fantasia auch ihre allerbeste Ingenieurin, aber
man konnte sie ja schließlich nicht dazu zwingen, auf der EUKALYPTUS zu
bleiben. Und sie gönnten ihrem Freund Lucky, daß wenigstens einer aus dem
engsten Freundeskreis vom ehemaligen Deck 27 bei ihm blieb.
Noch jemand zog es zu Lucky, den Raufbolden und Rotpelzen. Das war zur
allgemeinen Überraschung Fidel Flottbek. Er wollte nicht so richtig mit der
Sprache   herausrücken,   weshalb   gerade   er,   der   die   Erwachsenen   doch   gar
nicht leiden mochte, in nächster Nähe von Daniel und Babs bleiben wollte.
„Das sind keine richtigen Alten“, sagte er, als man ihn darauf ansprach, und
genauso meinte er es auch.
Wenn wir Flunki glauben dürfen, der bei aller Poltrigkeit eine Spürnase da­
für   hatte,   blieb   Fidel   vor   allem   deshalb,   weil   eine   gewisse   rothaarige   In­
genieurin, die er gut leiden mochte, nicht mitfuhr, na ja, wer weiß, vielleicht
hatte Flunki auch nur geflunkert ...
Harpo guckte ein bißchen enttäuscht, als er hörte, daß Fantasia noch ande­
re Verehrer hatte, nahm es aber hin.
Der kleine Trompo mochte ähnliche Probleme haben, denn der Abschied
von   seiner   neuen   Gefährtin   Neli   fiel   ihm   ebenfalls   nicht   leicht.   Aber   Neli
wurde auf Hugos Hospitalstation gebraucht – und wenn etwas Trompo über
die Liebe ging, dann war es die Abenteuerlust.
Eine   andere   Entscheidung   wäre   auch   deshalb   schwer   möglich   gewesen,
weil der ganze Planet Nordpol mit allen Schneeiglus und Krabblern und Ve­
getationsgürteln unter dem Schnee gar nicht ausgereicht hätte, um ein Ver­
steck   zu   bieten   vor   dem   kleinen   Ollie.   Der   Krauskopf   mit   der
fransenverzierten Lederhose hätte es niemals geduldet, daß sein Spielkame­
rad Fahnenflucht beging. Aber das wollte er ja auch gar nicht.
Lori Powitz fühlte sich hin­ und hergerissen zwischen den alten Freunden
an Bord und den neuen unter den Raufbolden, aber schließlich siegten Flun­
ki und Borro.

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Flunki versprach hoch und heilig, aus Lori eine gute Raufbold­Frau zu ma­
chen,   auf   sie   aufzupassen,   sie   zu   beschützen   und   ihr   nicht   allzu   viele
schlimme Flüche beizubringen.
Mit Alexander, dem rotbepelzten Bärenjungen, wurde ein neues Mitglied in
die  Mannschaft  aufgenommen.  Fast  ohne Unterbrechung  erzählte er  tage­
lang vor der Abfahrt jedem, egal, ob er es hören wollte oder nicht, daß er sich
aufmachte, die allerschönste und allerlängste Entdeckerfahrt aller  Rotpelze
zu unternehmen. Aber schließlich hatte er ja auch recht damit.
Endlich war der Starttag gekommen.
Alle   hatten   sich   auf   Nordpol   versammelt.   Die   Raufbolde   und   Rotpelze
hatten   sogleich   ein   großes   Fest   daraus   gemacht   und   verabschiedeten   die
Raumfahrer   zu   Hunderten.   Und   natürlich   fehlte   auch   keiner   der   Zurück­
bleibenden, auch Hugo und Neli nicht, als die letzten Kinder in die Beiboote
krochen, um auf das Raumschiff, das den Planeten umkreiste, zurückzukeh­
ren.
Es gab ein paar Tränen, aber dann winkten und jubelten alle und freuten
sich schon jetzt auf das Wiedersehen.
Die nächste Weltraumexpedition der EUKALYPTUS konnte beginnen!
Schwatzmaul  richtete  seine elektronischen  Lauscherohren wieder  in den
Kosmos hinaus, in Richtung des neuen Kurses.
Dann begannen die Antriebsaggregate kaum merklich zu summen. Die EU­
KALYPTUS drückte sich sanft aus der Umlaufbahn um Nordpol. Unter der
gleichmäßigen Beschleunigung wurde die Geschwindigkeit immer größer.
Für die Zurückbleibenden schrumpfte der Lichtfleck am Himmel zu einem
winzigen Stern zusammen und verging.
Niemand an Bord wußte, was sie in den nächsten Wochen und Monaten
erwarten mochte.
Aber irgendwo im weiten All, genau auf dem vorprogrammierten Kurs des
Raumschiffes, trieb ein uralter, eiserner Koloß.
Noch   war   er   viele   Millionen   Kilometer   von   der   EUKALYPTUS   entfernt.
Doch das Raumschiff näherte sich ihm unaufhaltsam.
Irgendwann würden die Sensoren des Computers Alarm geben ...

Ende

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Die Besatzung der EUKALYPTUS

Harpo Trumpff:
Sechzehn.  Blondes, schulterlanges Haar. Hat gelegentlich  Angst  vor dem
Alleinsein in der Dunkelheit. Grund seines Aufenthalts auf dem Sanatoriums­
schiff:   Schwindelanfälle,   Gedächtnisstörungen   nach   Stürzen.   Chronist   und
Logbuchführer der EUKALYPTUS.

Anca Trumpff:
Harpos Schwester. Zwölf. Langes schwarzes Haar. Klein. Etwas pummelig.
Regt sich auf, wenn man sie „Pummelchen“ nennt. Liebt Tiere. Mit Ollie sehr
eng befreundet. Übertreibt gern. Wurde auf das Schiff geschickt, damit Harpo
sich nicht allein fühlt.

Brim Boriam:
Vierzehnjähriger Negerjunge. Krauses Haar. War anfangs sehr schüchtern.
Litt unter starken Sprachstörungen. Stottert jetzt nur noch, wenn er sehr auf­
geregt   ist.   Hat   medizinisches   Talent.   Wurde   von   den   Galaktischen   Medi­
zinern in einem Schnellhypnose Verfahren zum Arzt ausgebildet.

Thunderclap Genius:
Deckname eines gelähmten fünfzehnjährigen Jungen. Hütet seinen echten
Namen sorgsam. Hochintelligenter Tüftler. Technisch begabt. Alleswissende
Leseratte mit eidetischem Gedächtnis (vergißt kaum etwas, was er einmal ge­
hört oder gelesen hat). Hobby: Entschlüsseln von Geheimschriften.

Lucky Cicero:
Zehn.   Kann   nur   wenige   Worte   sprechen.   Mongoloide.   Sehr   verspielt.
Freundlich.   Verfügt   über   geheimnisvolle   parapsychologische   Geisteskräfte.
Ist   sich   ihrer   nicht   bewußt.   Kann   sie   nicht   steuern.   „Telekinet“   und
„Teleporter“   (Kann   Gegenstände   mit   reiner   Geisteskraft   bewegen).   Verfügt
über die Gabe, seinen Körper aufzulösen und an anderer Stelle wieder kom­
plett   zusammenzufügen.   Verbringt   seine   Zeit   hauptsächlich   damit,   zu­
sammen   mit   Lonzo   nach   nicht   existierenden   Schätzen   zu   suchen.   Beste
Freundin:  Fantasia  Einstein. Kümmert  sich  um ihn, als wäre  er  ihr  kleiner
Bruder.

Lonzo:
Roboter. Im Gegensatz zu seinen maschinellen Kollegen, die wegen ihrer
teddybärartigen Aufmachung  die „Grünen“  genannt   werden,  ohne Verklei­
dung. Behauptet von sich, überhaupt keine Maschine, sondern ein ehema­
liger   Seeräuber   zu   sein.   Ist   zweifellos   defekt.   Steht   voll   auf   der   Seite   der
Kinder. Akzeptieren ihn, so wie er ist. Klopft gern Sprüche. Hat so ziemlich je­
des   Buch   über   Piraten   gelesen.   Ist   in   der   Lage,  kleinere   Verletzungen   und

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Krankheiten   mit   einem   eingebauten   medizinischen   System   zu   behandeln.
Besitzt   aus   Metallringen   zusammengesetzte   Beine   und   einen   kugelrunden
Kopf.

Fantasia Einstein:
Fünfzehn.   Rothaarig.   Sensibel.   Blaß.   Wirkt   nervös.   Sehr   still.   Lerneifrig.
Kümmert  sich  rührend  um  Lucky  Cicero.  Möchte  eines  Tages  Raumschiff­
bauingenieurin werden.

Fidel Flottbek:
Dunkelblond. Hat Pickel. Neben Harpo und Thunderclap der älteste Junge
an Bord der EUKALYPTUS. Hatte eine schlimme Jugend. Wuchs in Waisen­
häusern auf. Ist daher den Erwachsenen gegenüber nicht besonders positiv
eingestellt. Hält sie alle für schlecht. Kann aggressiv sein. Ist aber nicht ver­
stockt, sondern kann einsichtig sein, wenn man ihm eine andere Meinung in
den richtigen Worten nahebringt.

Micel Fopp:
Vierzehn.   Schwarzhaarig.   Dunkle   Augen.   Wurde   durch   falsche   Medi­
kamente, die seine Mutter während ihrer Schwangerschaft einnahm, mit ver­
kürzten Armen geboren. Hände klein wie die eines Fünfjährigen und direkt
an seinen Schultern angewachsen. Ansonsten körperlich unversehrt. „Tele­
path“ (ist in der Lage Gedanken zu lesen).

Karlie Müllerchen:
Fünfzehn.   2,20   Meter   groß.   Niemand   weiß,   wann   er   aufhören   wird   zu
wachsen. Bürstenhaarschnitt. Liebt nichts mehr als Kartoffelpuffer. Tischt sie
jedesmal, wenn er mit Küchendienst an der Reihe ist, den anderen in hundert
Variationen auf. Hat Humor und starkes Interesse an Funktechnik und Astro­
navigation.

Tom Schlitz:
Genannt   „Big   Tom“.   Fünfzehn.   Kaut   ständig   an   den   Fingernägeln.   Hat
puppenhaftes, weißes Gesicht und einen muskulösen Körper für seine Größe.
Anfangs ein ziemlich ruppiger Bursche. Wird später den anderen mehr und
mehr zum Partner. Freundet sich mit Fidel Flottbek an, der in seiner Kindheit
eine ähnliche Entwicklung durchmachte.

Ollie:
Elf. Strubbelkopf. Fransenbesetzte Lederhose. Ziemlich frech. Sogenannter
„Hypochonder“ (eingebildeter Kranker). Kerngesund, redet sich aber ständig
ein, gegen alles und jeden allergisch zu sein. Schreit nach Medizin, sobald er
einen einsamen Pickel auf seiner Haut entdeckt. Sein Ziel: rasch erwachsen
zu werden, weil er Anca Trumpff heiraten will.

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Moritz: Dackel. Ollies Liebling. Darf eigentlich nicht in die Zentrale. Wird
von   Ollie   immer   wieder   eingeschmuggelt.   Hat   es   auf   Lonzos   Metallbeine
abgesehen. Und auf Trompo, den er für eine Art Hund hält.

Trompo:   Außerirdisches   Wesen   von   Katzengröße.   Sieht   wie   ein   rosa­


farbener Elefant aus. Schlappohren. Haut ist von einem Fell bedeckt. Ist kein
Tier,   sondern   ein   intelligentes   Lebewesen   von   einem   Planeten  mit   unaus­
sprechlichem Namen. Lebte als eine Art „Krankheitsaufspürer“ bei den Ga­
laktischen Medizinern, bevor er auf das „Raumschiff der Kinder“ kam.

Babs Monroe: Geheimnisvolles,   achtzehnjähriges  Mädchen.  Anwesenheit


auf der EUKALYPTUS bislang unerklärlich. Große blaue Augen. Mittellanges,
hellblondes Haar.

Daniel Locke: Mehr ein Mythos als eine Person. Ein Mann in einem gläser­
nen Sarg. Die Kinder können mit ihm keine Verbindung aufnehmen, weil er
im Tiefschlaf liegt.

Schwatzmaul:  Elektronengehirn   der   EUKALYPTUS.   Umfaßt   alle


elektronischen   Teile,   Steuer­   und   Kontrollelemente   des   Schiffes.   Und   die
Speicherbänke.   Die   Bordbibliothek.   Ist   nicht   perfekt.   Muß   manchmal
zugeben,   daß   er   Wissenslücken   hat.   Redet   mit   menschlicher   Stimme   viel,
gern und geschwollen. Auch über Sachen, die keinen interessieren. Das hat
ihm seinen Namen eingetragen.

EUKALYPTUS: Den Namen erhielt das Schiff erst durch die Kinder. Obwohl
es ja eigentlich  eher wie eine  riesige Hantel aussieht. Zwei Kugeln, ein zy­
lindrisches Verbindungsstück. Besteht aus einer Vielzahl von Decks, jedes ki­
lometergroß, viele davon als künstliche Wüsten und Dschungel ausgestattet.
Ob das Raumfahrzeug ursprünglich als eine Art Auswanderungsschiff für
interstellare Reisen vorgesehen war, weiß man nicht so genau. Sicher ist nur,
daß es einen neuartigen, vorher nicht getesteten Antrieb besitzt, der mehrfa­
che  Lichtgeschwindigkeit  zuläßt. Es umkreiste als Hospitalschiff für kranke
und umweltgestörte Kinder die Erde ­ bis es sich aus noch ungeklärter Ursa­
che aus seiner Umlaufbahn riß. Die ursprüngliche Besatzung ließ das Schiff
und die Kinder im Stich. Diese mußten selbst lernen, das Schiff zu steuern.
Oder steuern zu lassen, denn die meiste Arbeit nimmt ihnen der allgegen­
wärtige  Computer  Schwatzmaul  ab. Daß sich die EUKALYPTUS  überhaupt
wieder   manövrieren   läßt,   verdanken   die   Kinder   vor   allem   den   hilfreichen
„Weltraumärzten“,   einer   extraterrestrischen   Rasse.   Die   EUKALYPTUS   hat
mehrere Beiboote, Fabrikationsstätten für alles, was an Bord benötigt wird,
Wartungsroboter – und natürlich eine sehr tüchtige, aber auch fröhliche Be­
satzung.

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